Die Füchse Berlin verlieren auch ihr zweites Champions-League-Finale. Der Frust darüber überdeckt ein wenig die starken Saison-Leistungen. Zwei Stars verlassen den Club ohne die erhoffte Krönung.
Die Auszeichnung zum besten Torschützen der Champions League war Mathias Gidsel völlig egal. Auch der Silbermedaille schenkte er kaum Beachtung, so schnell wie möglich nahm er sie nach der Siegerehrung ab. Denn der Welthandballer und seine Teamkollegen von den Füchsen Berlin waren keine Sieger im Finale, und das Silber fühlte sich nicht mal wie ein Trostpreis an. Sondern eher wie eine Strafe. Zum zweiten Mal in Folge mussten die Berliner mitansehen, wie ein anderes Team im Konfettiregen mit der Trophäe feiern durfte. Im Vorjahr war das der SC Magdeburg, diesmal der FC Barcelona. „Ich bin leer, körperlich, von der Energie und emotional“, sagte Gidsel im ersten TV-Interview nach dem 34:37 gegen Barça: „Es war ein extrem schwieriges Spiel für uns.“ Der Traum vom Triumph in der Königsklasse ist wieder im allerletzten Spiel geplatzt. Dass der Gegner diesmal aber über weite Strecken überlegen war und in Torwart Emil Nielsen einen bärenstarken Rückhalt hatte, machte die Niederlage etwas leichter zu akzeptieren. „Wir haben alles probiert und gekämpft“, sagte Gidsel, „deswegen stehen wir hier auch alle und sind leer“.
Trotzdem eine tolle Saison
In der Kölner Lanxess Arena, wo sich die Füchse wenige Wochen zuvor zum Pokalsieger gekrönt hatten, waren die Berliner diesmal schwer niedergeschlagen. Mit etwas Abstand dürften sie aber stolz sein auf das in der Saison Erreichte. Im letzten Ligaspiel zuvor gegen den direkten Konkurrenten SG Flensburg-Handewitt hatten sie die Vizemeisterschaft durch einen 43:38-Sieg auch theoretisch perfekt gemacht. Das ist zwar kein wirklicher Titel, berechtigt aber immerhin zur Qualifikation an der kommenden Champions-League-Saison. Gidsel steuerte phänomenale 18 Tore bei, insgesamt kam der Welthandballer auf 317 Treffer in 34 Ligaspielen und sicherte sich damit auch in der Bundesliga die Torjäger-Kanone. Die hatte er trotz starker Quoten in den vergangenen beiden Jahren noch verpasst. „Mein Wurf aus dem Rückraum ist besser geworden“, erklärte der dänische Ausnahmekönner: „Vielleicht ist das immer noch nicht meine größte Stärke – das wird immer das Eins-gegen-eins bleiben und daraus resultieren die meisten Treffer.“ Bei seiner Tor-Quote ist vor allem hervorzuheben: Gidsel wirft in der Regel keine Siebenmeter.
In der kommenden Saison muss Gidsel auf seinen Landsmann Lasse Anderson verzichten. Der Weltklasse-Rückraumspieler verlässt den Club, um zurück in seine dänische Heimat zu gehen. Schon vor Monaten hatte er diesen Entschluss gefasst – doch dann stieg der Verein HÖJ Elite, bei dem er unterschrieben hatte, in die 2. dänische Liga ab. Fans, die sich plötzlich wieder Hoffnungen auf einen Verbleib des Topspielers gemacht hatten, wurden jedoch enttäuscht. Der Olympiasieger, Welt- und Europameister geht mit HÖJ Elite in die Zweitklassigkeit. „Das ist etwas, das man aufbauen kann“, sagte Andersson, „und am Ende hoffentlich dastehen und sagen kann: Jetzt sind wir an der Spitze der Liga in Dänemark.“ Das habe für ihn einen starken sportlichen Reiz, auch wenn er vorerst nicht um Titel spielen wird. Dennoch gehe er das Projekt mit „so viel Motivation“ an, denn einst dominierten Vereine aus seiner Heimatregion den dänischen Handball. Er wolle nun mithelfen, dass der Club aus der Region um Kopenhagen wieder zur nationalen Spitze gehört – mindestens. „Das ist auch ein persönlicher Traum für mich.“ Andersson hätte auch noch ein Jahr in Berlin bleiben oder einen lukrativen Vertrag bei einem anderen europäischen Spitzenclub unterschreiben können. Doch es zog ihn in die Heimat.
Andersson wurde beim letzten Saison-Heimspiel der Füchse gegen Flensburg-Handewitt vor 9.000 Zuschauern gebührend verabschiedet – und das nahm ihn sehr mit. „Es war sehr emotional, da kam alles noch einmal hoch, die ganzen schönen Erlebnisse“, sagte der Däne, der beim Abschied seine Tränen nicht zurückhalten konnte: „Ich bin sehr froh, dass ich so eine gute Zeit in Berlin gehabt habe. Ich glaube, ich habe meine Aufgabe hier als Führungsspieler erfüllt, nicht nur auf dem Spielfeld, auch rund um den Verein, dass alle immer besser werden.“ Er bleibe „ein Füchse-Fan“ und werde aus der Ferne die Entwicklung beobachten. Und er versprach: „Ich werde oft vorbeikommen.“
Neben Andersson wurden noch vier andere Spieler offiziell verabschiedet. Darunter auch ein zweiter Leistungsträger, der über viele Jahre einer der Publikumslieblinge war: Dejan Milosavljev. Der Torwart stand sieben Jahre zwischen den Pfosten der Füchse und war einer der Garanten dafür, dass der Club im Vorjahr die Meisterschaft feiern konnte und seit Jahren zu den Bundesliga-Topteams zählt. Milosavljev wurde von seinen Teamkollegen im Kreis sogar hochgeworfen und wieder aufgefangen – keine so einfache Aufgabe beim nicht gerade leichtgewichtigen Keeper. Seine Frau und Kinder waren bei der Verabschiedung auch dabei, was die ganze Sache für ihn noch emotionaler machte. „Meine Frau hat schon den ganzen Tag geweint, wir haben uns hier in Berlin und im Verein als Familie sehr wohlgefühlt, viele Freunde gefunden“, sagte der 30-Jährige: „Das bleibt immer in unserem Herzen. Vor den Fans kamen mir auch die Tränen, es war eben eine wunderschöne Zeit.“ Milosavljev entschied sich dennoch für eine neue Herausforderung, ab der kommenden Saison wird er für den polnischen Rekordmeister Industria Kielce spielen. Er wollte sich mit dem größtmöglichen Erfolg aus Berlin verabschieden, wie er den Fans beim letzten Heimspiel versprach: „Ich bin als Champions-League-Sieger aus Skopje nach Berlin gekommen, warum soll ich nicht als Champions-League-Sieger gehen? Wir holen uns das Ding.“ Doch daraus wurde nichts.
Neues Torhüter-Duo für die kommende Saison
Das Torhüter-Duo bilden in der neuen Saison das Eigengewächs Lasse Ludwig und Routinier Andreas Palicka. Der 39 Jahre alte Schwede soll mit seiner großen Erfahrung auch Ratgeber und Entwicklungshelfer für Nationalspieler Ludwig sein, der noch mehr Einsatzzeiten bekommen dürfte. „Lasse einen so erfahrenen Torhüter an die Seite zu stellen, wird dafür sorgen, dass wir eines der stärksten Torhüter-Duos der Liga stellen werden“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning gewohnt selbstbewusst. Ob der Club für Rückraumspieler Andersson einen Weltklassespieler als Ersatz holt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Intern wird dem 24-jährigen Matthes Langhoff zugetraut, auch schon kurzfristig diese Rolle zu übernehmen. Auch könnte Rückkehrer Freddy Simal als eine Art Hybridspieler im linken Rückraum eingesetzt werden. Und für die Zukunft versprechen sich die Verantwortlichen auch viel vom 20 Jahre alten österreichischen Nationalspieler Clemens Möstl, der zunächst an den Berliner Kooperationspartner und Zweitligisten 1. VfL Potsdam ausgeliehen wird. „Wir vertrauen ja denen, die da sind. Wir vertrauen ja den jungen Spielern. Wir wissen, die werden besser“, sagte Hanning – wohlwissend, dass es dadurch sportlich eine kleine Delle geben könnte: „Dann gehen wir halt mal in die Saison so rein. Dann sind wir nicht Topfavorit.“ Er werde sich zwar auf dem Markt umschauen, versicherte Hanning. Aber er gab auch zu bedenken, dass er im allerhöchsten Regal suchen müsse und dass die Möglichkeiten dort begrenzt seien. „Ich muss halt nicht für Wetzlar einen Spieler holen, sondern ich muss für eine der besten Mannschaften der Welt einen Spieler holen“, sagte Hanning: „Das muss halt einfach auch passen.“