Aaron Rai ist der ungewöhnlichste Major-Sieger seit Langem. Der Engländer trägt zwei Handschuhe, schützt seine Eisen mit Hauben und hält an Dingen fest, die andere längst ausgetauscht hätten. Hinter seinen Eigenarten steckt keine Marotte, sondern eine Haltung.
Auf den letzten Bahnen von Aronimink blieb kaum noch etwas von der Rolle übrig, die Aaron Rai bis dahin im internationalen Golf gespielt hatte. Der Engländer war lange einer jener Profis gewesen, die Kenner schätzen und ein breiteres Publikum leicht übersieht: präzise, gewissenhaft, verlässlich, aber selten laut. Bei der PGA Championship änderte sich das innerhalb weniger Stunden. Während Rory McIlroy, Jon Rahm, Scottie Scheffler, Justin Thomas und Xander Schauffele um den Titel kämpften, spielte Rai die letzten zehn Löcher sechs unter Par. Auf der 17. Bahn versenkte er einen Birdie-Putt aus mehr als 20 Metern. Am Ende gewann er mit drei Schlägen Vorsprung vor Rahm und Alex Smalley. Ausgerechnet Aaron Rai, der Mann mit den zwei schwarzen Handschuhen und den Schlägerhauben auf den Eisen, war Major-Champion.
Es war eine Überraschung, aber keine Sensation aus dem Nichts. Rai hatte sich diesem Moment schrittweise genähert, fast so, wie er Golf gelernt hatte: ohne Abkürzungen, ohne Getöse, mit einer Geduld, die beinahe altmodisch wirkt. Der 31-Jährige wurde in Wolverhampton als Sohn von Einwanderern geboren. Seine Mutter Dalvir kam als Jugendliche aus Kenia nach England, sein Vater Amrik aus Indien. Die Eltern arbeiteten hart, damit ihren Kindern etwas möglich wurde, das zunächst überhaupt nicht vorgesehen war. Golf gehörte nicht zur Familiengeschichte. Es kam eher zufällig hinzu.
Als Rai klein war, spielte er mit einem Hockeyschläger und verletzte sich dabei immer wieder. Seine Mutter besorgte ihm Plastik-Golfschläger, weil sie ungefährlicher waren. Vater Amrik, selbst begeisterter Tennisspieler, merkte bald, dass dessen Bewegungsabläufe weniger nach Tennis als nach Golf aussahen. Rai soll bereits im Alter von vier Jahren sein erstes Turnier gewonnen haben. Später schaute er mit seinem Vater VHS-Kassetten von Tiger Woods, immer wieder, drei- oder viermal pro Woche. Woods war das Idol, aber der Weg des Jungen aus Wolverhampton hatte mit der glamourösen Golfwelt zunächst wenig zu tun.
Rai wurde behutsam aufgebaut. Bis zum Alter von zwölf Jahren spielte er überwiegend auf angepassten Kurslängen, begann seine Löcher also weiter vorne auf dem Fairway und näherte sich erst allmählich den üblichen Distanzen. Es ging nicht darum, möglichst früh Pokale zu sammeln. Er sollte das Spiel verstehen. Die Grundlagen mussten sitzen, bevor die nächste Schwierigkeit hinzukam. Diese Methode prägte ihn. Rai lernte Golf nicht als Jagd nach dem schnellen Ergebnis, sondern als tägliche Arbeit am Detail.
Menschen, die ihn begleiteten, spielten dabei eine entscheidende Rolle. Andy Proudman und Piers Ward, die später die Online-Marke „Me and My Golf“ gründeten, wurden wichtige Lehrer. Auch der Banker Shabir Randeree unterstützte die Familie und nahm finanziellen Druck aus der Entwicklung. Wer verstehen will, warum Rai seine Eisen noch heute mit Hauben schützt, muss deshalb nur in seine Kindheit zurückgehen.
Als Rai sieben Jahre alt war, kaufte sein Vater ihm einen hochwertigen Satz Eisen. Das war für die Familie keine beiläufige Anschaffung. Die Schläger wurden nach dem Training gereinigt, gepflegt und geschützt. Das Babyöl, mit dem sie Rost verhindern wollten, ist irgendwann verschwunden. Die Hauben sind geblieben. Bei einem Amateur mit hohem Handicap würden sie vermutlich Kommentare auslösen. Bei Rai sind sie ein sichtbares Zeichen dafür, dass Erfolg für ihn nicht bedeutet, Dinge für selbstverständlich zu halten. „Die Hüllen sind eine Erinnerung daran, wertzuschätzen, was ich habe, denn es ist sehr leicht, dies als selbstverständlich anzusehen und den Respekt dafür zu verlieren, in dieser Position zu sein“, sagte er einmal.
Auch die zwei Handschuhe begleiten ihn seit seiner Jugend. Rai trägt sie bei Regen und bei Hitze, an der linken und an der rechten Hand, seit vielen Jahren. Was bei anderen Spielern wie eine kleine Schrulle wirken würde, passt bei ihm in ein größeres Bild. Er verändert nichts nur deshalb, weil es üblich wäre, etwas anders zu machen. Sein Caddie Jason Timmis, der Rai seit Jugendturnieren kennt und seit 2019 an seiner Seite arbeitet, sagt über diese Gewohnheiten: „Er hat diese kleinen Eigenheiten beim Golfspielen, aber ich glaube, die erden ihn irgendwie.“
Stufe um Stufe wurde er immer besser
Rai selbst hatte lange kaum einen Vergleich dazu, was unter jungen Golfern als normal galt. Er wuchs in einem geschützten System auf, das auf seine Entwicklung zugeschnitten war. „Ich denke, er hat mich irgendwie beschützt, damit ich mich auf eine Art entwickeln konnte, die für mich Sinn ergab“, sagte Rai über seinen Vater. Das ist vielleicht der Kern seiner Persönlichkeit: Rai stellt sich nicht demonstrativ gegen Konventionen. Er gibt nur ungern etwas auf, das sich bewährt hat. Mit 15 Jahren versenkte er bei einem Wettbewerb 207 Putts in Serie aus gut drei Metern und brach damit einen Rekord. Zwei Jahre später wurde er Profi, rückblickend vermutlich etwas zu früh. 2014 verdiente er auf der drittklassigen EuroPro Tour gerade einmal 886 Pfund. Andere schlugen weiter, putteten besser und waren taktisch reifer. Rai musste lernen. Wieder ging es nicht schnell, sondern Stufe für Stufe. 2017 gewann er auf der damaligen Challenge Tour dreimal und erhielt den direkten Sprung auf die DP World Tour. Bei der Kenya Open wurde er am 18. Grün von seiner Mutter empfangen, die erstmals seit ihrer Jugend in ihr Geburtsland zurückgekehrt war. Sportlicher Erfolg und Familiengeschichte griffen ineinander.
2018 gewann Rai die Hong Kong Open, 2020 die Scottish Open. Im Play-off setzte er sich gegen Tommy Fleetwood durch. Fünf Jahre später wiederholte er dieses Kunststück bei der Abu Dhabi Championship. Zweimal stand er demselben Landsmann im Stechen gegenüber, zweimal behielt er die Nerven. Rai beschrieb es später als bemerkenswert, auf der anderen Seite der Welt und auf einem völlig anderen Golfplatz erneut in derselben Konstellation zu landen. An ein Omen habe er nicht geglaubt. Er konzentrierte sich auf das nächste Loch. Auch das passt zu ihm.
Der Wechsel in die USA gelang 2021 über die Korn Ferry Tour Finals. Rai zog nach Florida, reduzierte seinen Reisestress und passte sein Spiel an schnellere, stärker ondulierte Grüns an. 2024 gewann er die Wyndham Championship und erhielt die Einladung zum Masters. Selbst die landete zunächst bei seiner Mutter. Beim ersten Besuch in Augusta begleitete ihn sein Vater. Als 27. bei seinem Debüt zeigte Rai, dass sein kontrolliertes Spiel auch auf den großen Bühnen Bestand hat.
Die Konkurrenten freuten sich mit ihm
Das Bild vom stillen Arbeiter ist keine romantische Zuschreibung. Xander Schauffele erzählte nach Rais Major-Sieg von einem Abend bei der Scottish Open. Als Schauffele mit seinem Caddie noch putten gehen wollte, beendete Rai gegen 21 Uhr seine Einheit. Danach ging er ins Fitnessstudio. Schauffele sagte: „Ich glaube, genau darum geht es, wenn man Major-Champion werden will: Man arbeitet, wenn niemand hinschaut.“ Jon Rahm verwies auf Rais Freundlichkeit und auf die Schlägerhauben, die viel über einen Menschen verrieten. Rory McIlroy brachte die Stimmung unter den Konkurrenten auf einen einfachen Satz: „Du wirst hier auf dem Gelände niemanden finden, der sich nicht für ihn freut.“
Am Sonntag von Aronimink musste Rai trotzdem durch einen schwierigen Abschnitt. Nach Birdies auf den Löchern eins und vier verlor er Schläge an drei, sechs und acht und lag plötzlich drei Schläge zurück. Auf dem Weg zum neunten Abschlag sprach Timmis mit ihm über Präzision, Flugkurven und Schlagformen. Es waren jene akribischen Details, die sein Vater ihm schon als Kind vermittelt hatte. Rai antwortete mit einem Eagle aus zwölf Metern, übernahm kurz darauf die Führung und zog davon. Die Konkurrenz blieb prominent, der Sieger aber hieß Aaron Rai.
Er ist nun der erste Engländer seit Jim Barnes im Jahr 1919, der die PGA Championship gewonnen hat, und der erste Major-Sieger der Herren mit indischen Wurzeln. Dass sein Erfolg so viele Kollegen sichtbar freute, sagt einiges über seinen Ruf. Dass er seine Eisen vermutlich auch künftig einzeln auspacken und beide Handschuhe anziehen wird, sagt noch mehr. Rai hat den größten Sieg seiner Karriere nicht errungen, obwohl er an alten Gewohnheiten festhält – sondern wahrscheinlich gerade deshalb.