Im deutschen Basketball gibt es einige vielversprechende Talente, aber Christian Anderson junior sticht noch mal heraus. Der Nationalspieler darf sich Hoffnungen machen, beim NBA-Draft in der ersten Runde gezogen zu werden.
Das sogenannte NBA-Combine ist für die Basketball-Toptalente die große Chance, sich ihren Traum von einem Vertrag in der nordamerikanischen Profiliga zu erfüllen. Eine Woche lang werden die für die besten Draft-Positionen infrage kommenden Spieler anthropometrisch und medizinisch untersucht, sprich: Größe, Spannweite, Gewicht und Köperfettanteil werden gemessen, und ein medizinisches Screening wird durchgeführt. Schon bei der Talente-Auswahl ist so viel Geld im Spiel, da wollen die Verantwortlichen nicht böse überrascht werden. Und die jungen Spieler können in Kraft- und Beweglichkeitstests sowie bestimmten Trainingsübungen ihr Können unter Beweis stellen. Ein deutsches Toptalent spielte sich beim diesjährigen NBA-Combine in Chicago besonders in Erscheinung: Christian Anderson Jr. Der 20-Jährige setzte sofort ein Ausrufezeichen, als er beim sogenannten Shooting-Drill die meisten anderen Konkurrenten ausstach. Besonders herausragend waren seine Quoten bei der Übung „Werfen aus dem Dribbling“, bei der er den Ball bei 27 von 30 Würfen im Korb versenken konnte. Ebenfalls vorne dabei war der deutsche Nationalspieler bei den Übungen „Side-Mid-Side“, „Freiwürfe“ und „Sport-Up-Shooting“. Und auch in Sachen Sprungkraft glänzte Anderson: Aus dem Lauf heraus sprang er knapp über einem Meter hoch, was Platz zwei im Konkurrenz-Vergleich bedeutete. Der Guard überzeugte auch körperlich mit seinen Maßen, wobei vor allem seine Spannweite von plus 13,5 Zentimetern zu erwähnen ist.
Aus dem Traum wurde echte Chance
Und so war es beileibe keine große Überraschung, dass das große Basketball-Talent nach dieser Testwoche positive Rückmeldungen aus der NBA erhielt und sich endgültig dafür entschied, beim diesjährigen Draft am 23. und 24. Juni teilzunehmen. Das im US-Sport mit großer Spannung erwartete Event findet im Barclays Center in Brooklyn statt und erstreckt sich über zwei Runden, in denen insgesamt 60 Spieler ausgewählt werden. „Das ist ein Traum, auf den ich mein ganzes Leben hingearbeitet habe“, sagte Anderson. „Dass daraus jetzt eine echte Chance wird, ist etwas, das ich niemals als selbstverständlich ansehen werde.“ Große Bescheidenheit für einen, dem die Sportmedien in den USA Chancen einräumen, ein Top-20-Pick zu werden. Beim letzten sogenannten Mock Draft, eine Art Probedurchgang, bei dem Experten, Journalisten oder Fans ihre Prognosen abgeben, landete er auf Position 16. Diese Position hat er sich aber nicht nur beim NBA-Combine erarbeitet, sondern vor allem in den Monaten davor im College-Basketball bei den Texas Tech Red Raiders. Dort kam er in der abgelaufenen Saison auf durchschnittlich 18,5 Punkte und 7,4 Assists pro Partie. Seine Dreier-Quote von 41,5 Prozent war herausragend.
Anderson hielt zudem dem Druck stand, den er sich mit einer eigenen vollmundigen Ansage auferlegt hatte: „Ich will der beste Point Guard im College Basketball sein“, hatte er vor Saisonbeginn gesagt. Laut Texas-Tech-Coach Grant McGasland habe Anderson gelernt, „wie man eine Offense laufen muss und gleichzeitig auch seinen eigenen Wurf bekommt“. Anderson bewegt sich auch ohne Ball gut in die gefährlichen Räume – was für Spielmacher, die in der Regel gern den Ball in den Händen haben, nicht selbstverständlich ist. Aus dem Dribbling heraus findet der Deutsch-Amerikaner fast immer eine Wurf-Lösung, sei sie auch noch so artistisch. Körperlich hat er im vergangenen Jahr enorm zugelegt. Dass er zudem ein grandioser Dreier-Schütze ist, erweitert sein Spieler-Profil um eine weitere Facette.
Und als sollte all das noch nicht genug Eigenwerbung sein, überzeugte Anderson die NBA-Scouts auch bei der U19-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer mit spektakulären und vor allem konstant guten Leistungen. Er zeigte mit 17,3 Punkten und 6,6 Assists im Schnitt nicht nur sportlich seine Klasse, sondern auch Führungs-Qualitäten. Er riss seine Teamkollegen mit und war somit ein großer Faktor für die deutsche Silbermedaille. Im verlorenen Finale gegen die USA trumpfte er ebenfalls auf: 18 Punkte und neun Assists. Anderson spielte die U19-WM nur, weil er von Bundestrainer Alex Mumbrú beim finalen Cut aus dem Kader für die Europameisterschaft gestrichen wurde. Während Dennis Schröder und Co. schließlich die Goldmedaille holten, durfte Anderson nur zuschauen. Aber alle in der DBB-Auswahl beschäftigten Leute wissen: In Zukunft wird der hochveranlagte Guard, der in Atlanta geboren wurde und sich schon in seiner Jugend für den Deutschen Basketball-Bund (DBB) entschied, eine Rolle im A-Nationalteam spielen. Mittelfristig vermutlich sogar eine tragende Rolle. Und das ist auch das, was Anderson will.
„Ich habe eine sehr starke Verbindung zu Deutschland“, sagte der Deutsch-Amerikaner. Zwar hapert es noch hier und da mit der deutschen Sprache, aber Anderson arbeitet daran. „Wenn meine Teamkollegen oder Trainer etwas sagen, kann ich den Sinn verstehen – aber noch nicht jedes Wort.“ Ungeachtet dessen ging er bei den Nachwuchs-Titelkämpfen mit großer Leidenschaft im deutschen Trikot voran. 2024 hatte er das deutsche U18-Team im Finale gegen Serbien mit 31 Punkten zum EM-Titel geführt und wurde schließlich zum Spieler des Turniers gewählt. Schon damals wussten die Verbands-Insider, welches Juwel sie da in ihren Reihen haben. Das Magazin „Sport Illustrated“ schrieb in einem Artikel über ihn in der Überschrift: „Wird er der neue Dennis Schröder im DBB-Team?“
Stärken sind Wurf und Übersicht
Die Vergleiche mit dem Kapitän des Welt- und Europameisterteams fallen oft, wenn es um Anderson geht. Er selbst will sich darüber nicht beklagen: „Das fühlt sich gut an und zeigt, dass sich meine Arbeit auszahlt. Dennis spielt seit Jahren auf höchstem Niveau – und genau das ist auch mein Ziel.“ Und dann kann er sich auch vorstellen, Schröder als aktuell unumstrittenen Leader im DBB-Team irgendwann abzulösen. „Solange Dennis spielt, will ich von ihm lernen“, sagte Anderson: „Danach hoffe ich, seine Rolle übernehmen zu können – er ist einer der besten Spieler überhaupt.“ Als sein großes sportliches Vorbild nennt er aber nicht Schröder, sondern NBA-Superstar Stephen Curry. Weil dessen Spielstil seinem noch mehr ähnelt. „Ich bin sowohl Shot-Maker als auch Shot-Creator – ich kann Würfe für mich und andere kreieren“, erklärte Anderson: „Meine Stärken sind mein Wurf und meine Übersicht.“
Ein weiteres Vorbild auf dem Weg nach ganz oben ist sein Vater Christian Anderson senior. Der wurde in Berlin-Spandau geboren, spielte dann aber genau wie später sein Sprössling am US-College Basketball. Danach verdiente er sein Geld als Basketball-Profi in Deutschland, Israel, Frankreich, Australien und in der Schweiz. „Mein Vater hat Basketball gespielt, seit ich denken kann. Mit zwei, drei Jahren habe ich damit angefangen. Er war definitiv ein Vorbild für mich“, sagt Anderson junior. Auch sein Bruder Lucai ist ein hochtalentierter Basketballer und spielt für Deutschland. „Ich muss mich anstrengen, wenn ich gegen ihn spiele –
auch wenn ich drei Jahre älter bin“, erzählte Christian Anderson junior: „Bei uns in der Familie dreht sich fast alles um Basketball. Wenn wir gegeneinander spielen, geht es immer gut zur Sache, aber das macht uns besser.“
Auch Kayil und Steinbach dabei
Manche in der Szene ziehen gar Parallelen zu den Wagner-Brüdern Franz und Moritz, die es bereits zu Welt- und Europameistern sowie zu gestandenen NBA-Profis gebracht haben. Doch so weit ist es bei den Andersons noch lange nicht. Christian Andersons junior zum Beispiel muss weiter körperlich zulegen, denn in der NBA geht es viel rauer zu als im College-Basketball. Hier braucht er noch mehr Muskeln und Widerstandsfähigkeit, was womöglich seine technischen Fähigkeiten limitieren könnte. Beispiele dafür gibt es zuhauf in der Vergangenheit. Auch defensiv muss sich der Jungprofi verbessern, hier fehlt ihm manchmal noch das richtige Timing und die richtige Konsequenz, ohne ein Foul zu begehen. Im Zweifel ließ er zuletzt den Gegenspieler ziehen – das wird ihm kein NBA-Coach durchgehen lassen. An seiner Größe von 1,91 Metern wird er nichts machen können, für manche Teams wird er damit zu klein sein. Doch es wird auch Franchises geben, die andere Parameter deutlich höher einstufen. Ein Wunsch-Team hat Anderson für den Draft: die Dallas Mavericks. „Ich liebe ihre Organisation“, sagte er. Dass die Mavs mit Meisterspieler Dirk Nowitzki einst sehr gute Erfahrungen mit einem Deutschen gemacht hatten, dürfte sicher helfen.
Anderson ist aber nicht der einzige Deutsche, der beim NBA-Draft angemeldet ist. Auch Jack Kayil und Hannes Steinbach sind dabei. Bei Kayil kommt es etwas überraschend, denn Experten sehen den Spielmacher von Bundesligist Alba Berlin vorerst nur als einen Kandidaten für die hinteren Plätze der zweiten Runde. Die Regel ist: Je weiter vorne man landet, desto höher dotiert ist auch der Vertrag, den man erhält. Und meist auch die Wertschätzung, die dem Talent entgegengebracht wird. Da man nur ein einziges Mal bei einem Draft teilnehmen kann, sollte der Zeitpunkt vom Spieler und von seinen Beratern gut gewählt sein. Denn wird er gar nicht gezogen, kann er es später nur noch als sogenannter Free Agent versuchen. Doch davon geht Kayil nicht aus, denn laut seiner Agenten sei das Feedback aus der NBA „ganz gut“ gewesen. Mit Anderson junior und Steinbach, mit denen er Gold bei der U18-EM und Silber bei der U19-WM gewonnen hat, sprach Kayil auch über den Draft:
„Wir haben uns ein bisschen ausgetauscht und gefragt, was der andere so macht. Jeder wünscht dem anderen nur das Beste.“