Die Ukraine kapituliert nicht vor Putin, Iran nicht vor Trump
Der griechische Historiker Thukydides sagte einst den Satz, der lange Zeit als in Stein gemeißelte Wahrheit galt: „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.“ Auf die heutige Geopolitik übertragen heißt dies: Nuklearmächte wie die USA und Russland, die die menschliche Zivilisation mit ihren jeweils mehr als 5.000 Atomsprengköpfen vielfach auslöschen könnten, sitzen am längeren Hebel. Sie haben die Mittel, Ländern ihren Willen aufzuzwingen, die ihnen militärisch nicht gewachsen sind.
Donald Trump ging im US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 mit der Thukydides-Logik hausieren, als er herausposaunte, er könne den Ukraine-Krieg „binnen 24 Stunden“ beilegen. Doch als Präsident musste Trump erkennen, dass seine Versprechen hohl waren. Am 28. Februar 2025 demütigte der Amerikaner den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj vor den Kameras der Weltöffentlichkeit – aber Selenskyj knickte nicht ein. Er schickte seinen Immobilienfreund und Sondergesandten Steve Witkoff zu stundenlangen Gesprächen in den Kreml, wo er sich von Wladimir Putin mit russischer Propaganda einseifen ließ. Der Erfolg tendierte gegen null. Die Macht des sogenannten mächtigsten Mannes der Welt stieß an ihre Grenzen.
Die Ukraine ging nicht unter, sie hielt stand. Trotz der massiven Überlegenheit Russlands bei Personal und Waffen verhakte sich Putin in einem verlustreichen Zermürbungskrieg. Die geplante Blitz-Offensive zur Einnahme Kiews in wenigen Tagen erwies sich als Fata Morgana eines machtbesessenen Aggressors.
Nicht nur, dass die überfallene Ukraine in der Lage ist, sich zu verteidigen. Sie hat in der Situation existenzieller Bedrohung die Kriegstechnologie revolutioniert und ist zu punktuellen Gegenangriffen übergegangen. Mittels selbst produzierter Drohnen und Marschflugkörper attackiert sie Ölanlagen, Waffenfabriken oder Militärflugplätze tief im russischen Hinterland. Das Ziel: Putins Arsenal soll an der Quelle ausgeschaltet, seine Kriegskasse geleert werden. Der Waffengang in der Ukraine zeigt, dass der Thukydides-Satz heute so nicht mehr zwangsläufig funktioniert. Die sogenannten Schwachen können den sogenannten Starken mit Nadelstich-Attacken schwer zusetzen. Willkommen im Zeitalter des asymmetrischen Krieges.
Auch der Iran-Konflikt zeigt, dass die sogenannten Schwachen mehr Macht haben, als die sogenannten Starken glauben. Trump ließ sich am 11. Februar von Israels Premier Benjamin Netanjahu zu einem Frontalangriff gegen Iran überreden. In einem Blitz-Krieg („vier bis fünf Wochen“) sollten folgende Ziele erreicht werden: Sturz des iranischen Regimes, Abbau von sämtlichen Nuklearanlagen, Begrenzung des Raketenbestandes, Stopp der Unterstützung von Verbündeten wie Hisbollah, Hamas oder Houthis, Volksaufstand in Iran und Einsetzung einer säkularen Regierung. Noch im März wollte Trump nur die „bedingungslose Kapitulation“ des Regimes akzeptieren.
Davon ist der Amerikaner heute Lichtjahre entfernt. All die bunkerbrechenden Bomben, Tomahawk-Marschflugkörper und Flugzeugträger der USA haben das Regime des hoffnungslos unterlegenen Iran nicht in die Knie gezwungen. Vielmehr hat der vermeintlich Schwache die Karte der ganz großen Eskalation gezückt. Die Revolutionsgarden schlossen die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormus. Und sie feuerten eine Vielzahl von Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern auf die Golfstaaten sowie amerikanische Stützpunkte in der Region. Sie nahmen die Weltwirtschaft als Geisel. Hohe Öl- und Benzinpreise wurden zu einem globalen Problem – auch für Trump, dessen Partei sich im November den Zwischenwahlen stellen muss.
Die Absichtserklärung zwischen Washington und Teheran, die am Sonntag bekanntgegeben wurde, löste Hoffnung aus. Aber sie ist zunächst nur ein Dokument des Minimalismus. Die Straße von Hormus soll wieder geöffnet werden. Damit hätte Trump das Ärgernis beseitigt, das er mit seinem Krieg verursacht hat. Im Gegenzug heben die USA ihre Seeblockade auf. Aber alle substanziellen Fragen wurden auf die sich anschließenden Verhandlungen vertagt. Die Iraner werden sich jedes (Teil-)Zugeständnis beim Atomprogramm teuer bezahlen lassen, etwa durch Sanktionserleichterungen im großen Stil. Das Heft des Handelns liegt in Teheran, nicht in Washington.