Bei „Vom Einfachen das Gute“ gibt es Feinkost für jeden Tag. Vor Kurzem hat eine Filiale in Frohnau eröffnet. Zum Konzept gehören inzwischen auch kulinarische Events.
Brotzeit klingt nach Holzbrett, Messer, Brotlaib und einem Tisch, an dem niemand lange fragt, wer wo sitzt. Man rückt zusammen, greift zu, schiebt dem Gegenüber die Butter hinüber, schneidet ein Stück Käse ab, legt noch eine Gurke dazu und redet weiter. Eine Brotzeit braucht keine große Ansage. Vielleicht passt sie für mich deshalb so gut in unsere Zeit. Manchmal möchte ich keinen durchkomponierten Teller, auf dem schon alles entschieden wurde. Ich möchte probieren, teilen, vergleichen, noch mal zugreifen. Eine Brotzeit ist ein Tisch voller Möglichkeiten.
Fast jedes Land hat seine eigene Art, daraus ein kleines Fest zu machen. In Frankreich liegen Käse, Pasteten und Wurst auf dem Brett. In Italien werden daraus Antipasti, in Spanien Tapas, in der Levante Mezze. In Dänemark stapelt sich auf Smørrebrød alles, was gut schmeckt, kunstvoll auf dunklem Brot. Griechenland stellt Feta, Tomaten, Brot und Olivenöl auf den Tisch. Im Kern geht es immer um dasselbe. Für mich hatte Brotzeit als Kind immer etwas von Buffet. Jeder fand etwas, das passte. Einer griff zur Salami, eine zur Butterbrezel, jemand zum Radieschen. Ich zum Käse. Besonders zu einem, dem „Onkel-Werner-Käse“, weil den außer ihm und mir niemand mochte. Ein Camembert mit Charakter, kräftig, nicht unbedingt mehrheitsfähig. Es gab ihn damals im Supermarkt. In Berlin habe ich ihn nicht gefunden. Noch nicht.
Wert legen auf Sorgfalt und Gutes
Doch ich weiß jetzt, wo ich suchen kann: bei „Vom Einfachen das Gute“. In dem Feinkost-Laden klingt Brotzeit nicht nach schneller Zwischenlösung, sondern nach Einladung. Zum Probieren. Zum Erinnern. Zum Teilen. Vielleicht auch zum Wiederfinden eines Käses aus der Kindheit. 2013 eröffneten Jörg Reuter und Manuela Rehn das erste Geschäft. Ihre Idee klingt nach wie vor simpel: ein Laden, in dem sie selbst gern einkaufen würden. Mit Lebensmitteln, von Menschen hergestellt, die Wert auf gute Rohstoffe und Sorgfalt legen.
Das erste Geschäft in Mitte – 45 Quadratmeter für Vertrauen, Genuss und Begegnung – wurde schnell zum angesagten Kiezladen. Später kam eine Filiale am Olivaer Platz in Wilmersdorf dazu. Seit Ende März hat auch Frohnau eine Adresse für diese besondere Art des Einkaufens: Zeltinger Platz 9. Wer den Laden betritt, landet nicht in einer elitären Luxuswelt. Eher in einem gut sortierten Versprechen. Käse, Schinken, Wurst, Pasta, Wein, Eingemachtes, Süßes, Frühstücksdinge, Picknickfreuden. Und sogar eine Fleischtheke: Gut Kerkow aus der Uckermark liefert Frisches sowie Wurst und Aufschnitt in Bioqualität.
Keine Produzenten, sondern Verbündete
Der Blick fällt zuerst auf das Käseangebot. Die Theke wirkt wie eine Vitrine voller Goldstücke, nur duftet sie besser. Und mittendrin: der Nachtwächter. Der Name allein hat schon etwas. Man sieht sofort einen Mann mit Laterne vor sich, der durch ein Dorf geht, während irgendwo im Keller ein Käse reift. Tatsächlich kommt dieser Schweizer Hartkäse aus kleinen, familiengeführten Dorfkäsereien. Sein vollmundiges, kräftiges Aroma verdankt er einer Affinage mit Rotweinhefe und mindestens neun Monaten Reifezeit. Er hat Tiefe, aber keine Schwere. Er bleibt lange am Gaumen, nussig, rund, ein wenig dunkel.
Ich nutze die Gelegenheit, „Berta“ zu probieren. Das Erzeugnis von der Hofkäserei Gut Ogrosen aus Brandenburg wurde bei den „World Cheese Awards“ 2025 als bester deutscher Käse ausgezeichnet. Ein Bio-Rohmilchhartkäse mit natürlicher Rinde, über viele Monate gereift, trocken gesalzen und von Hand gepflegt. Im Geschmack zeigt er Kraft und Wärme, dazu diesen zarten Schmelz.
Antonia Buß, Geschäftsführerin von „Vom Einfachen das Gute“, nennt die Produzenten, mit denen das Unternehmen arbeitet, „Verbündete“. Das Wort passt. Es klingt weniger nach Lieferkette und mehr nach gemeinsamer Sache. Gute Lebensmittel entstehen nicht, weil jemand ein besonders schönes Etikett entwirft. Sie entstehen, weil Menschen wissen, was sie tun. Weil sie Rohstoffe respektieren. Weil sie sich Zeit nehmen.
Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Sortiment und zeigt sich auch bei einem kleinen, fast unscheinbaren Glas mit orange-rotem Inhalt, dem aktuellen Favoriten von Antonia Buß: „Aubergine – Paprika“ lautet der Name des Dips von der griechischen Manufaktur Naoumidis. Die fruchtig-milde Florina-Paprika und Auberginen werden dafür auf Buchenholz gegrillt und danach mit Olivenöl, Knoblauch, Zitrone und Salz gemischt. Am Gaumen kommt erst die Süße der Paprika, dann die weiche, leicht erdige Aubergine, dann ein kleiner Knoblauchschub. Auf Brot funktioniert das sofort. Zu gereiftem Käse ergibt sich ein geschmacklicher Powerkick.
Antonia Buß verwendet die Sauce als Nudelsoße, Ulrich Mayerhofer, Betriebsleiter in Frohnau, kocht damit Lamm. Er kommt bei einem ganz besonderen Rinderschinken aus dem Baskenland ins Schwärmen: Txogitxu. Schon der Name zwingt einen kurz zum Innehalten. Dahinter steckt luftgetrocknetes Fleisch mit dichtem Aroma, hauchdünn geschnitten, kräftig, elegant und würzig zugleich. Nichts für die schnelle Stulle zwischendurch. Bei der Erkundung des Geschäfts lande ich mal wieder in der Knusperecke, wo Grissini, Cracker und Co. mit ihrem Crunch locken. Dort entdecke ich etwas Neues: würzige Buchweizenchips von Croustique, einem kleinen Berliner Unternehmen, das die bretonische Esskultur feiert. Die Chips entstehen aus Galette-Teig, also aus Buchweizenmehl, Wasser und Salz. In einer Crêperie in der Bretagne werden daraus dünne Galettes, später werden sie zu Chips veredelt. Einfach? Ja, einfach köstlich!
Handwerk, Geschmack, Respekt
Noch schlichter wirkt auf den ersten Blick eine Packung Spaghetti von Monograno Felicetti. Eine Zutat: biologischer Hartweizengrieß. Das Wort „matt“ steht deutlich sichtbar vorn auf der Verpackung. Das Familienunternehmen Felicetti produziert im Trentino, in den Dolomiten, mit Quellwasser und viel Erfahrung. Diese Pasta hat nichts mit beiläufiger Sättigungsbeilage zu tun. Sie kommt durch Bronzescheiben, erhält dadurch eine raue – also matte – Oberfläche und nimmt Sauce besonders gut auf. Wer die Nudel einmal al dente zubereitet gegessen hat, versteht, warum selbst Pasta eine Sommelier-Beschreibung verträgt: Mit „Sommerheu, getrocknete Kokosnuss, frisch angeschnittene Pasta filata, steingebackenes Brot, Butter, Bambus“ wird das Geschmacks- und Aromenspektrum beschrieben. Klingt übertrieben? Vielleicht.
Die Käseboxen von „Vom Einfachen das Gute“ machen das Hingucken einfach. Die Holzspan-Schachteln, die in Größen von zwei bis zu acht Personen angeboten werden, enthalten jeweils eine kleine De-luxe-Brotzeit im Mini-Format. Sie enthalten Käse, auf Wunsch auch Charcuterie. Dazu saisonale Früchte, Nüsse, essbare Blüten. Alles frisch zusammengestellt und so ansprechend arrangiert, dass man ob der kunstvollen Komposition anfangs nur zögerlich zugreift. Es überrascht mich nicht, dass diese Boxen nicht nur als Mitbringsel zu Brunch-Einladungen und fürs Picknick gefragt sind, sondern auch bei Unternehmen gut ankommen, die Kunden oder Mitarbeitenden etwas Besonderes schenken wollen. Zum Konzept von „Vom Einfachen das Gute“ gehören inzwischen auch kulinarische Events, wie die „Kulinarische Brotzeit in sechs Gängen“ oder der wöchentliche „Afterwork Apéro“. Rund 50 Menschen gehören zum Team. Genuss-Experten, die nicht nur freundlich sind, sondern begeistert von den Köstlichkeiten, die sie verkaufen – so wie Natascha Gisselmann, die „Käse-Queen“ der Filiale in Frohnau. Keine Fachfrage bleibt bei ihr unbeantwortet. Wer ihr sagt, dass er keinen Käse mag, dem antwortet sie vermutlich, dass er wohl noch nicht den richtigen gefunden hat. Bei der großen Auswahl ist ihre Expertise Gold wert.
Ob an der Theke oder im Regal: „Einfach“ bedeutet in diesem Genussparadies nicht schlicht im Sinne von langweilig. Einfach bedeutet hier: zurück zum Wesentlichen, Herkunft, Handwerk, Geschmack, Respekt. Es geht weniger um den Preis und mehr um den Wert. Man kauft nicht nur etwas fürs Abendessen, sondern auch Vorfreude. Man trägt nicht nur eine Tasche nach Hause, in der meist mehr liegt als geplant, sondern ein Genussversprechen, auf das Verlass ist. Am Ende führt alles wieder zur Brotzeit zurück. Sie lebt von Auswahl, Abwechslung und Miteinander. Und sie schmeckt noch besser, wenn Menschen am Tisch sitzen, die Freude an guten Produkten haben, an Geschichten, an Herkunft und an Genuss ohne großes Getue – kurz: Brotzeit mit Haltung.