rodukte aus Arganöl, gewonnen aus dem Arganbaum, sind für Marokko ein millionenschwerer Exportschlager. Und gerade für Frauen in dem afrikanischen Land ein Weg aus der Armut.
Ahmed Handour wuchs mit neun Brüdern und zwei Schwestern in einem marokkanischen Dorf auf. Ahmeds Vater reiste viel, und ein paarmal brachte er bei seiner Heimkehr ein Öl mit. Der Junge Ahmed ahnte schon, dass dieses Öl etwas Besonderes ist. Es duftete nussig und zugleich fruchtig, ein bisschen süß. Ahmed Handour hat dieses besondere Öl nie vergessen: das Arganöl.
Gut 30 Jahre später steht Handour in einer Hotelküche im westmarokkanischen Essaouira, Hunderte Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt. Das „Heure Bleue“ ist eines der besten Hotels der Stadt, und Handour ist der Chefkoch. Er trägt ein weißes Hemd aus dickem Garn und mit steifem Kragen. Am frühen Nachmittag beginnen die Vorbereitungen für das Abendessen. Die Souschefin rührt im Bratenfond, die Patissière formt muschelförmige Kekse. Ahmed Handour gibt geröstete Mandeln, Honig und Arganöl in einen Mixer. Die zähflüssige Masse, die entsteht, heißt „Amlou“, ein süßer Aufstrich. Der Chefkoch plant für das Dessert am Abend „Tiramlou“, die marokkanische Variante des Tiramisus. Ein süßer Traum aus Biskuit, Mascarpone – und dem unverwechselbaren Geschmack nach Argan. Als Ahmed Handour Chefkoch wurde, trieb ihn vor allem dieser Gedanke an: „Wie kann man das Arganöl in der Küche noch vielfältiger einsetzen?“ Seitdem gibt es im „Heure Bleue“ nicht nur „Tiramlou“, sondern auch in Arganöl mariniertes Wolfsbarsch-Filet, Argan-Vinaigrette und Arganöl an Rinderbraten.
Auch für den Anti-Aging-Markt
Ahmed Handour sagt: „Argan ist unser Safran.“ Als die Souschefin ein paar Tropfen des Öls verschüttet, schnalzt er missbilligend mit der Zunge. Umgerechnet 80 Euro kostet ein Liter. Handour hat in all den Jahren die Wertschätzung für das golden schimmernde Öl nicht verloren. Andächtig lässt er es in eine Schale tropfen. Und wiederholt dabei die Gedanken, die ihn seit seiner Kindheit nicht losgelassen haben: „Nussig, fruchtig, ein bisschen süß. Einfach perfekt.“ Dass die Frucht des Arganbaums eine kostbare Flüssigkeit enthält, wissen die Menschen im Norden Afrikas schon seit Jahrhunderten. Die Amazigh, die indigenen Völker der Region –
im Westen auch als Berber bekannt – gewannen das Öl seit jeher mühsam mit der Hand. Sie tunkten zum Frühstück ihr Brot darin. Was übrig blieb, verteilten sie auf Haut und Haare. Sie wussten, dass das Öl gegen trockene Haut, Ekzeme und Haarausfall hilft.
Doch was lange eine lokale Tradition war, wird immer mehr zu einem weltweit gefragten Produkt, beliebt in der Küche und in der Kosmetikindustrie. Das geschmeidige Öl gilt als der nächste große Wurf auf dem Anti-Aging-Markt. Für Marokko sind Argan-Produkte deshalb ein exklusives Exportgut, es führt zu einem kleinen Wirtschaftsboom, gibt vor allem dem Süden des Landes neuen Schwung.
Im Jahr 2022 erwirtschaftete der marokkanische Arganölsektor einen Umsatz von über 90 Millionen Euro. Fast die Hälfte entfiel auf den Export. Das Öl zählt inzwischen zu den teuersten Pflanzenölen der Welt.
„Die Arbeit hat mein Leben verändert“
Der Ursprung dieses Booms liegt in einem vergleichsweise kleinen Gebiet. Früher wuchsen Arganbäume in ganz Nordafrika, jetzt haben sie sich rar gemacht, gedeihen nur noch im Südwesten Marokkos, in der Halbwüste zwischen Atlantikküste und Atlasgebirge. Dort, rund um die Küstenstadt Essaouira, leben die Menschen, die mit Argan aufwachsen, die Früchte mühevoll mit ihren Händen verarbeiten, sie weiter verfeinern. Menschen wie der Chefkoch Ahmed Handour. Oder wie Fatouma Zaouak, die alle nur „Mama Fatouma“ nennen. In einem kargen Raum im Dorf Meji sitzt Fatouma Zaouak in einem goldgelben Gewand auf einer Bambusmatte. Die 61-jährige Zaouak ist eine zurückhaltende Frau, sie spricht leise und lächelt still. Ein paar Glühbirnen baumeln an der Decke, neben Zaouak hocken noch drei andere Frauen im Schneidersitz, vor jeder liegt ein kleiner Felsbrocken. Die Frauen arbeiten so schnell, dass es schwerfällt, den Handbewegungen zu folgen. Die Arganie ist ein Relikt aus der Tertiärzeit und zählt zu den ältesten Baumarten der Erde. Die reifen, dattelgroßen Früchte fallen im Spätsommer und Herbst zu Boden. Erst dann sammeln Dorfbewohner sie auf, um sie weiter zu verarbeiten. Fatouma Zaouak wuchs mit der Arganie auf. Noch heute kann sie zur Erntezeit an keinem Baum vorübergehen, ohne sich nach den Früchten zu bücken. Zaouak hält nun in einer Hand einen kleinen Stein, in der anderen eine Arganfrucht. Der Felsbrocken dient als Unterlage. Mit ein paar schnellen Hieben schlägt Fatouma Zaouak das Fleisch von der Frucht. Der Kern kommt zum Vorschein, er gilt als 16-mal so hart wie die Schale einer Haselnuss.
Fatouma Zaouaks Leben ist eng mit der Arganie verbunden. Die Frucht brachte auch eine entscheidende Wende. Zaouak wuchs im Dorf Hanchane auf, sie besuchte nie eine Schule. Mit 23 Jahren heiratete sie und zog mit ihrem Mann in die nahe Hafenstadt Essaouira. Zaouak bekam vier Kinder. Was der Mann auf einem Fischerboot verdiente, reichte nicht zum Leben, also suchte sich Fatouma Zaouak Arbeit – als Putzfrau, als Kindermädchen. Das Geld reichte trotzdem kaum. Dann lernte Zaouak im Jahr 2017 Nabila Bouhlal kennen. Die war als junge Studentin aus dem marokkanischen Casablanca ins französische Perpignan gezogen, hatte dort Finanzwirtschaft studiert, einen Franzosen geheiratet und dann in einer Bank gearbeitet.
Als Bouhlal mit ihrem zweiten Sohn schwanger war, zog es sie zurück in ihr Heimatland. „Ich wollte nicht mehr nur mit Geld arbeiten, sondern mit Menschen. Ich habe nach einer Aufgabe mit Sinn gesucht“, sagt Nabila Bouhlal. Die junge Familie zog nach Essaouira, sie suchten nicht lange nach einer Idee, wie sie etwas Sinnvolles tun könnten. Die Arganie und ihre Früchte waren nicht zu übersehen. Die Armut vieler Menschen auch nicht. Bouhlal und ihr Mann Sébastien Liard gründeten „Pure Heritage“, ein Unternehmen, das organische Öle produziert. Sie stellten fast nur Frauen ein. Eine der ersten war Fatouma Zaouak. Auch die Chefin nennt ihre Angestellte heute: „Mama Fatouma“. „Diese Arbeit hat mein Leben verändert“, sagt Fatouma Zaouak. Bei „Pure Heritage“ verdiente sie etwa 300 Euro im Monat. Das entspricht etwa dem heutigen marokkanischen Mindestlohn. So viel Geld hatte die Familie nie zuvor besessen. Zaouaks Kinder besuchten alle eine Schule und studierten anschließend. Mit dem Geld aus der Ölherstellung bezahlte Fatouma Zaouak Studiengebühren und Nachhilfekurse.
In Marokko gibt es viele „Mama Fatoumas“. Fast die gesamte Arganöl-Produktion ruht auf den Schultern von Frauen. Viele arbeiten in sogenannten Frauenkooperativen. Ende des vergangenen Jahrtausends wurden die ersten von ihnen gegründet. Zunächst gab es Widerstände. In der Kultur der Amazigh spielen Frauen eine traditionell bedeutende Rolle als Hüterinnen des Heims. Sie verlassen dieses Heim selten allein, nicht für die Schule, nicht für den Einkauf, schon gar nicht zum Arbeiten. Deshalb protestierten viele Ehemänner, als es hieß, die Frauen sollten außerhalb der eigenen vier Wände Argannüsse knacken. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt, es gibt in Marokko einige Hundert Argan-Frauenkooperativen.
Kooperative ist zweite Heimat
Diese Kooperativen wurden von Frauen für Frauen gegründet. Häufig erhalten die Mitglieder ihren Lohn abhängig von der Menge Arganfrüchte, die sie bearbeiten. Jede Frau entscheidet selbst, wann und wieviel sie arbeitet. Einige Kooperativen bieten ihren Mitgliedern Sparkonten, Sozialfonds und zinslose Kleinkredite an. Die meisten halten jährlich eine Versammlung ab, auf der alle Frauen gleichberechtigt über die Zusammensetzung von Vorstand und Verwaltung abstimmen. Einige Wissenschaftler weltweit haben sich mit der Frage beschäftigt, ob und wie diese Kooperativen zur Emanzipation in Marokko beitragen. Dass es den Frauen gelingt, durch das Arganöl finanziell ganz auf eigenen Beinen zu stehen, ist umstritten. Dafür ist der Verdienst – häufig in der Nähe des Mindestlohns – zu gering. Auch die Schreib- und Lesekurse, die fast alle Kooperativen anbieten, scheinen nicht nachhaltig zu sein. In manchen ländlichen Gebieten erreicht der Anteil der Analphabetinnen weiterhin 90 Prozent.
Wovon allerdings alle Studien berichten: vom Gefühl von Freiheit und Gemeinschaft, das die Kooperativen stiften. Die Herstellung des Arganöls hat diese Frauen stärker gemacht. Und sie trauen sich zu träumen.
Fatouma Zaouak ist seit einigen Monaten in Rente. Sie arbeitet trotzdem weiter, verdient sich etwas Geld dazu. Aber sie bleibt nicht wegen des Einkommens. „Pure Heritage“ ist wegen des Mitgründers Sébastian Liard keine typische Frauenkooperative, aber das Unternehmen funktioniert so ähnlich. Und für Zaouak ist es zu einer zweiten Heimat geworden. „Zu Hause bleiben bedeutet Monotonie, bei der Arbeit treffe ich andere Menschen und tausche mich aus“, sagt sie.
In ihrem Elternhaus in dem Dorf Hanchane empfängt „Mama Fatouma“ ihre Arbeitgeberin Nabila Bouhlal. Die Mittagssonne fällt auf ein weiß getünchtes Haus mit blauen Fensterrahmen. Im Innenhof wachsen Bäume, drumherum liegt die rötliche Geröllwüste Südwestmarokkos. Hier ist Zaouak mit neun Schwestern und einem Bruder aufgewachsen, zu einer Zeit, als ihre Mutter kaum diesen Hof verließ. An diesem Tag serviert Zaouak Fladenbrote, Walnüsse, Butter, Honig – und natürlich Arganöl. Neben ihr nimmt Nabila Bouhlal Platz. Fast 25 Jahre, Schulbesuch und Universitätsstudium trennen die beiden Frauen. Sie sitzen vertraut nebeneinander, flüstern und lachen. „Wie lange bleibst du noch bei uns, Mama Fatouma?“, fragt Nabila Bouhlal laut. Fatouma Zaouak: „Solange es mein Körper und mein Geist zulassen.“ Das Leben, das sich ausschließlich in diesem stillen Dorf abspielt, hat Zaouak hinter sich gelassen. Niemand sagt ihr mehr, ob und wann sie ihr Heim verlässt. Ein Leben ohne das Arganöl, ohne die Menschen, die es herstellen, kann sich Fatouma Zaouak nicht mehr vorstellen. Als das Essen beendet ist, verabschiedet sie sich von ihrer Schwester, setzt sich auf die Rückbank eines Autos und fährt davon. Wieder zur Arbeit. Fatouma Zaouak kennt noch die traditionelle Art, aus den Arganmandeln das Öl zu gewinnen. Die Frauen mahlten die Mandeln in einer Steinmühle, der entstandene Brei wurde stundenlang unter Hinzugabe von Wasser geknetet – bis sich das goldgelbe Öl absonderte.
Die Ölmühle von „Pure Heritage“ befindet sich in einem unscheinbaren Bürogebäude in Essaouira, in einem Raum, den alle Mitarbeiterinnen nur mit Kittel und Haarnetz betreten dürfen. Nabila Bouhlal schüttet die Arganmandeln aus einem Bastkorb in einen Trichter an der Maschine. Aus einem Rohr weiter unten quillt das trockene Mus heraus. Und Tropfen für Tropfen rinnt Öl in einen Auffangbehälter. Aus 32 Kilogramm Früchten gewinnen die Frauen um Fatouma Zaouak zwei Kilogramm Samenplättchen. Daraus macht Nabila Bouhlal an der Ölmühle einen Liter Öl. 16 Stunden Handarbeit stecken dann trotz der modernen Mühle in diesem Liter Arganöl.
Für das Öl, das der Chefkoch Ahmed Handour in seiner Küche benutzt, werden die Samen vor dem Mahlen geröstet. Das kosmetische Öl wird aus ungerösteten Mandeln hergestellt. Es ist teurer, der Liter kostet um die 100 Euro. Als das Interesse an Arganöl weltweit zunahm, begannen Wissenschaftler, sich für seine Inhaltsstoffe zu interessieren. Die Chemikerin Zoubida Charrouf forscht seit vielen Jahren an der Universität der marokkanischen Hauptstadt Rabat zu allem rund um die Arganie. In ihren Aufsätzen beschreibt Charrouf, dass die Inhaltsstoffe des Öls potenziell antientzündlich wirken, zur Krebsvorbeugung beitragen und positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System haben. Die Analysen von Zoubida Charrouf bestätigen, was die Amazigh-Frauen aus Erfahrung wussten: Das Öl hält jung und hat heilende Wirkung. In neueren Veröffentlichungen warnt Charrouf auch vor den Bedrohungen für die Argan-Wälder: Der Klimawandel und die starke Nachfrage setzen den Bäumen immer mehr zu. Die Arbeiterin Fatouma Zaouak berichtet von Bäumen, die tot wirkten, grau und leblos. Doch nach einem Regen trieben auch diese Exemplare wieder neues Grün aus. Aber bei den immer länger anhaltenden Dürreperioden muss selbst so ein widerstandsfähiger Baum manchmal kapitulieren. Nabila Bouhlal und ihr Unternehmen „Pure Heritage“ spüren die Auswirkungen dieser Dürre. „Sieben Jahre in Folge gibt es nun schon zu wenig Regen“, sagt Bouhlal. Die Folge: Die Arganfrüchte selbst werden immer seltener. Der Preis für das Rohmaterial der aufwändigen Ölproduktion hat sich laut Bouhlal seit 2022 verfünffacht. „Pure Heritage“ hat die Produktion um 80 Prozent reduziert. Aufgeben möchten Bouhlal, ihr Ehemann und ihre Mitstreiterinnen dennoch nicht. „Arganien existieren nur hier. Sie gaben uns so viel Gutes. Wir glauben an die Kraft dieses Baums.“
13 Kilometer entfernt von Essaouira befindet sich eine Hotelanlage namens „Jardin des Douars“. In dem Garten liegt auch einer der schönsten Hammams des Landes. Ein dunkler, etwas mystischer Ort, die Wände sind aus felsigen Steinen gehauen. Die Gäste im Hammam werden mit schwarzer Seife eingeschäumt, dann liegen sie einige Minuten in der feuchten Hitze, werden anschließend abgespült und abgerieben. Die Chefin des Hauses, Touria Elgaroui, lässt dann etwas Arganöl auf den Rücken des Gastes tropfen. Sie verreibt es mit konzentrierten, langsamen Bewegungen. Wie der Chefkoch Ahmed Handour und die Arbeiterin Fatouma Zaouak hat auch Touria Elgaroui eine innige Beziehung zu dem Öl. „Ich liebe seine sanfte Textur, seinen diskreten Geruch.“ Die Marokkanerinnen machen trotz des weltweiten Booms mit dem Arganöl, was sie immer getan haben: Sie kochen damit, pflegen Haut und Haare, verehren es. Vor dem Hammam wächst zwischen Palmen und Blumen mit unerhört großen Blüten auch ein Arganbaum. Er stand dort schon lange, bevor das Hotel gebaut wurde. Seine Rinde fällt beinahe auseinander, doch an den Zweigen wachsen zarte grüne Blätter. Touria Elgaroui lässt ihren Blick über die Arganie schweifen: „Wir nennen ihn auch den von Gott gesegneten Baum“, sagt sie. „Er symbolisiert Stärke, Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Hoffnung.“