Showrunner Ryan Murphy hat wieder – in einer etwas anderen „American Horror Story“ – gnadenlos zugeschlagen. In „The Beauty“ torpediert er exzessiv den grassierenden Schönheitswahn.
Das Supermodel Bella Hadid stakst bei einer Balenciaga-Modenschau in Paris im knallroten Lederoutfit den riesigen Catwalk entlang. Sie wirkt extrem aufgebracht und hat Durst. Sehr viel Durst. Plötzlich attackiert sie Zuschauer, entreißt ihnen die Trinkflaschen und schüttet literweise Wasser in sich hinein. Dann flüchtet sie. Auf einem Motorrad. Rast durch Paris und knallt schließlich in ein Auto. Schwer lädiert liegt sie auf der Straße, rappelt sich hoch, humpelt in ein Bistro und erfrischt sich dort – völlig enthemmt – aus der Kloschüssel. Wieder auf der Straße endet ihr Amoklauf. Schwer bewaffnete Polizisten versperren ihr den Weg. Für einen Augenblick herrscht absolute Stille. Dann explodiert Bella Hadid.
Regelrechter Body-Horror
Noch nie gab es im Einstieg zu einer Serie mehr Body-Horror! Blutfontänen, fein abgestimmt auf Hadids Lederoutfit, klatschen an die Schutzschilde der Polizisten. Alles hochästhetisch orchestriert – und doch ziemlich schockierend. Der perfekte Auftakt zu dem, was folgen wird. Denn es dauert nicht lange, da explodieren noch mehr Beautiful People aus der Mode- und Influencer-Szene. Eine obsessive Blutorgie folgt auf die nächste. Im Vergleich zu Demi Moores Splatter- und Gore-Schocker „The Substance“ ist „The Beauty“ die ultimative Schlachtplatte in Sachen Körperzerstörung. Und Ryan Murphys eigene Serie „Nip/Tuck – Schönheit hat ihren Preis“ aus dem Jahr 2003 ist – gemessen daran – auch nur eine harmlose chirurgische Fingerübung mit Skalpell und Tupfer.
Diese spektakulären und extrem blutigen Todesfälle bleiben dem FBI natürlich nicht verborgen. Also werden Agent Cooper Madsen (Evan Peters) und seine Partnerin Jordan Bennett (Rebecca Hall) beauftragt, sich um das mysteriöse Phänomen zu kümmern. Ihre Ermittlungen, die in Paris beginnen, führen sie bald nach Venedig. Dort interessieren sich Cooper und Jordan allerdings weniger für den Kriminal-Fall; lieber fallen sie übereinander her. Vor allem Jordan scheint süchtig nach Sex zu sein. Als ihr ein italienischer Adonis über den Weg läuft, lässt sie sich nur allzu gern verführen. Doch das leidenschaftliche Schäferstündchen hat fatale Folgen: Jordan hat plötzlich Durst. Sehr viel Durst.
Zeitgleich geschehen auch in den USA seltsame Dinge. Wir sehen, wie in New Jersey ein fettleibiger Jüngling mit einem Camgirl chattet und sich dabei selbst befriedigt. Sein größter Wunsch: im wirklichen Leben für Frauen so attraktiv zu sein, dass sie gern mit ihm Sex haben wollen. Da diverse Schönheitsoperationen nichts genützt haben, lässt er sich auf einen Handel mit einem dubiosen Chirurgen ein. Er wird in ein Hotelzimmer geführt, wo er mit einer mysteriösen Schönheit schläft. Und – oh Wunder: Kurz darauf mutiert er zu einem schlanken und betörend schönen neuen Selbst. Das Virus, das beim Geschlechtsverkehr übertragen wurde, ist eigentlich eine Substanz, die vom größenwahnsinnigen Tech-Milliardär Byron Forst (Vincent D’Onofrio) entwickelt wurde. In einem geheimen Labor hat er sie so weit verfeinert, dass sie auch per Spritze verabreicht werden kann. Forst ist davon besessen, mit der Beauty-Droge sein milliardenschweres Imperium auszubauen. Denn so kann er viele Menschen mit ihrer Sucht nach ewiger Jugend, makelloser Schönheit und einem maximal optimierten Selbst skrupellos ausnützen.
Die Wirkung der Droge ist tatsächlich atemberaubend, wie Forst auch im Selbstversuch erfährt. Nach einer einmaligen Injektion findet eine schrecklich schleimig-blutige Metamorphose statt. Danach kann sich Forst aus der kokonartigen Blase befreien und erstrahlt in jugendfrischer Schönheit (Ashton Kutcher). Er ist vital, potent und supersexy. Ein Körper, bei dessen Anblick selbst Dorian Gray vor Neid erblassen würde. Allerdings hat das Wundermittel eine – wie wir inzwischen wissen – katastrophale Nebenwirkung: Nach einiger Zeit nämlich beginnt der Körper der Probanden von innen zu überhitzen und zu verbrennen, bis sie schließlich explodieren. Um diese spektakulären Todesfälle zu vertuschen, die sich mittlerweile zu einer globalen Pandemie ausgeweitet haben, beauftragt Forst einen eiskalten Auftragskiller (Anthony Ramos), der sich um die Flurbereinigung kümmern soll.
Menschen sind bereit, große Opfer zu bringen
Ryan Murphy ist einer der mächtigsten und umtriebigsten Showrunner in Hollywood. Er erfand unter anderem TV-Serien wie „Glee“ (2009–2015) und „American Horror Story“ (2010–2022) und führte bei dem Kinofilm „Eat, Pray, Love“ (2010) mit Julia Roberts in der Hauptrolle Regie. In seiner neuen Serie „The Beauty“ entlarvt er mit diabolischer Freude den immer abstruser werdenden Schönheitswahn in der westlichen Gesellschaft.
In einem Interview sagte Murphy, er verstehe seine Serie „als Kommentar zur Ozempic-Kultur und der weit verbreiteten Fixierung auf schnelle, drogeninduzierte körperliche Transformationen“. Und er wundere sich darüber, dass so viele Menschen für makellose Schönheit zu großen Opfern bereit sind. Dass er seine Abrechnung mit blutigen Splatter-Effekten unterfüttert und in eine nihilistisch-böse Moral einbettet, macht den besonderen Reiz dieses Beauty-Gau-Menetekels aus. Neben Ashton Kutcher, der den zynischen Narzissten Forst mit manischer Besessenheit und grausamer Berechnung spielt, glänzt Isabella Rossellini als seine Ehefrau. In barocken, extrem exaltierten Auftritten versucht sie immer wieder, ihrem Ehegespons ins Gewissen zu reden. Bis sie selbst zum Opfer wird. Am Ende der Serie kommt es dann noch zu einer überraschenden Wendung, die als Cliffhanger neugierig auf die zweite Staffel macht. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob es dann jemandem gelingen wird, dem Teufelshandwerk ein Ende zu bereiten.