Bei der Stillen Disco ist man als Mann der Held
Meine wilden Disco-Zeiten sind eigentlich vorbei. Seit Jahrzehnten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal auf den neuesten Disco-Trend aufspringe.
Aber der Reihe nach: Nach einer Dorfdisco hatte ich immer mindestens drei Tage lang ordentlich Tinnitus. Montagsmorgens im Matheunterricht hab ich dann nichts von dem verstanden, was der da vorne an der Tafel erzählte. Gut, das lag nicht ausschließlich am Tinnitus. Jedenfalls war früher Disco so brüllend laut, dass man sich nur schreiend unterhalten konnte. Zwischendurch gab’s die Happy Hour, in der man für eine Mark dubiose Mischgetränke bekam – Asbach-Cola, Wodka-Orange, mit Betonung der ersten Komponente. Danach war es eh besser, man versuchte nicht noch, Konversation zu machen. Da war Tanz und Körpersprache angesagt.
Jetzt habe ich mich neulich doch tatsächlich überreden lassen, mal mit zur Silent Disco zu kommen. Die geht so: Am Eingang kriegst du einen Kopfhörer, auf dem du verschiedene Kanäle einstellen kannst, zum Beispiel Rot für 70er/80er-Hits oder Blau für 90er/00er-Jahre-Musik. Oder du schaltest auf Grün, dann haste mal ’ne Weile Stille auf den Ohren (theoretisch, dazu später mehr). Es gibt keine Boxen, aus denen Musik in Presslufthammer-Lautstärke dröhnt. Du entscheidest selbst, was wie laut läuft. Bei Bedarf regelst du deinen ausgewählten Musik-Kanal auf Zimmerlautstärke runter, Kopfhörer aufsetzten und ab auf die Tanzfläche.
Allerdings gibt’s gleich beim Einlass ein Problem: der Dresscode. Der lautet nämlich Disco Glamour, und diese Kleidervorschrift erfülle ich nicht. Tja, aus allem in meiner Garderobe, wo Pailletten drauf waren, bin ich unwiderruflich herausgewachsen. Zum Glück gibt’s direkt vor der Tanzfläche Verkaufsstände mit haufenweise Accessoires, die neonfarben leuchten oder blinken. Arm- oder Stirnband genügt.
Dann kann’s losgehen, der DJ, der sich zwischendurch auf alle Kopfhörer schaltet, sagt einem, was man zu tun hat. Hände in die Höhe zum Beispiel, oder jetzt alle, die auf dem blauen Kanal sind, den Love-Train mitmachen, die aufm roten Kanal runter in die Knie. Das ist aber nur für diejenigen, bei denen das Meniskus und Bandscheiben noch mitmachen.
Ich blicke mich auf der Tanzfläche um und bin überrascht, dass, obwohl gut 300 Menschen unterschiedliche Musik auf den Ohren haben, das Getanze nicht wesentlich unsynchronisierter wirkt als früher bei der Dorfdisco, wo ja alle auf denselben Song tanzten.
Sogar auf der Toilette ergibt sich bei der Stillen Disco das lustige Bild, dass sich die Jungs neben mir beim Pinkeln zu unterschiedlichen Rhythmen bewegen – keine Bange, nur leicht im Oberköper. Der eine zu Kanal Blau, der andere zu Rot.
Apropos Jungs. Mir fällt auf – auch hier gibt’s kaum Unterschiede zu früher –, dass praktisch nur Frauen auf der Tanzfläche sind. Ich blicke mich panisch um und entdecke genau fünf weitere Männer. Jetzt verstehe ich den Kommentar der Frau am Einlass, die meinte: „Hey, ein tapferer Mann!“ Das ängstigt mich ein wenig, aber mir schwant auch, dass ich hier als Mann so ’n bisschen Kultstatus habe. Alles richtig gemacht!
Einen Fehler begeh ich dann doch. Ich ziehe zwischendurch mal den Kopfhörer aus und hänge ihn mir um den Nacken. Bitte folgenden Grundsatz beachten: Bei der Stillen Disco immer den Kopfhörer anbehalten! Denn hier zeigt sich die Schwachstelle des Konzepts. Auf der Tanzfläche singen alle mit, manche falsch, die meisten erstaunlich text- und tonsicher. Das war bei der Dorfdisco auch nicht anders, nur dass da die Musik aus den Boxen alles übertonte. Das Problem bei der Silent Disco ist: Die eine Hälfte grölt ABBA oder Cindy Lauper („Girls Just Wanna Have Fun“) mit, die andere gleichzeitig Spice Girls oder Backstreet Boys. Ein irrer Klangbrei.
Jedenfalls hat’s Spaß gemacht, stundenlang inmitten von Hunderten Menschen zu tanzen … und danach völlig tinnitusfrei nach Hause zu gehen, sodass ich morgens darauf problemlos dem Matheunterricht folgen könnte. Theoretisch.