Nach dem 4:1-Sieg in Saarbrücken können die Frauen von Hertha BSC am Sonntag den Aufstieg vollziehen. Es sieht nach einer Pflichtaufgabe aus.
Als das Mikrofon eines Reporters abgeschaltet war, ließ sich Tobias Kurbjuweit vergangene Woche dann doch schon knapp zur Taktik im ersten Aufstiegsspiel zur 2. Liga beim 1. FC Saarbrücken ein. „Wir wollen da schon gleich von Beginn an ‚all-in‘ gehen“, verriet der Trainer der Frauen von Hertha BSC mit einem Blitzen in den Augen. Allerdings stand Kapitänin Clara Dreher, die bei der Meisterehrung 14 Tage zuvor die Trophäe noch mit Airwalker am rechten Fuß präsentierte, nicht wie erhofft für die Partie im Ludwigspark zur Verfügung. Der Verein hatte dabei auch im Vorfeld keine Kosten und Mühen gescheut, denn erstmals konnte das Frauen-Team eine Anreise mit dem Flugzeug plus Übernachtung bestreiten. Kurbjuweits Strategie wurde im Spiel dann erfolgreich praktiziert, denn als in der zweiten Minute ein Pass von Ronja Borchmeyer in die Tiefe Elfie Wellhausen erreichte, traf die Torjägerin eiskalt zur schnellen Führung ins lange Eck.
Hertha haushoch überlegen
Die Berlinerinnen blieben am Drücker und liefen den FCS weiter hoch an – bei einem kurz ausgeführten Abstoß der Gastgeberinnen jagte Mieke Schiemann so Michelle Reifenberg die Kugel schon an der Strafraumgrenze ab und fackelte nicht lange. Nora Clausen im Tor der Saarländerinnen konnte den Schuss zwar noch parieren, doch auch den „zweiten Ball“ holten sich die Gäste, und Johanna Seifert staubte zum 0:2 ab. Ganze fünf Treffer hatte der Südwest-Meister in 22 Spielen seiner Staffel kassiert, nun waren es gleich zwei innerhalb von acht Minuten. Auch ohne Niederlage (bei einem Unentschieden) waren die FCS-Frauen durch ihre Liga marschiert – trotz der kalten Dusche zu Beginn fassten sie aber bald Fuß im Spiel und wurden ihrerseits hier und da gefährlich. Den Vorsprung vermochten die Hauptstädterinnen dennoch in die Pause mitzunehmen, auch weil die Defensive gute Arbeit verrichtete – und der Start in die zweite Halbzeit sollte dazu erneut perfekt verlaufen. Robust setzten sich Herthas Frauen nach dem Wiederanpfiff durch, und die überragende Borchmeyer flankte zu Svenja Poock, die trotz Bedrängnis zum 0:3 einköpfen konnte. Der Treffer zeigte zunächst Wirkung: Der FCS musste sich schütteln und suchte den Weg zurück in die Partie, vor allem über intensive Zweikampfführung. Dann konnte man eine Unachtsamkeit der Hertha-Deckung nach einem Einwurf durch ein schönes Tor von Lara Martin zum 1:3 nutzen. Doch Hertha BSC ließ das entfachte Feuer keine fünf Minuten auflodern und sorgte nach tollem Spielzug durch die eingewechselte Sari Saeland für den Treffer zum 1:4-Endstand – der beste Aussichten zum Aufstieg im Rückspiel am Sonntag (14 Uhr, Stadion auf dem Wurfplatz) bietet.
Schlüsselspielerin Wellhausen
Nach den Plätzen sechs und zwei in den Vorsaisons gehörten die Hertha-Frauen nach dem Aufstieg der „Überteams“ vom 1. FC Union und Viktoria Berlin quasi zwangsläufig zu den Kandidatinnen um die Meisterschaft im Nordosten. Sofian Chahed, Ex-Bundesligaprofi (Hertha BSC, Hannover 96) und sportlicher Leiter seit dem Neuaufbau des Frauenteams zur Spielzeit 2023/24, entschloss sich im Sommer vergangenen Jahres dazu, mit einem Trainerwechsel einen neuen Impuls von außen zu setzen. Manuel Meister musste so trotz eines guten zweiten Jahres inklusive Platz zwei gehen, da der Rückstand mit zehn Punkten zur Spitzenposition doch recht deutlich ausfiel und die Mannschaft schon frühzeitig nichts mehr mit dem Ausgang des Titelrennens zu tun hatte. Interessant, dass Chahed mit Kurbjuweit als Nachfolger einen Ex-Profi (unter anderem 2. Liga mit St. Pauli) holte, der jedoch bis dahin wenig Berührungspunkte mit dem Frauenfußball vorweisen konnte. So hatte der heute 43-Jährige zunächst im Nachwuchs von Hertha BSC und des Hamburger SV gearbeitet, ehe er die U17 der Mädchen bei den Hanseaten übernahm. Doch gemeinsam mit der verbliebenen Co-Trainerin Sarah Kollek traute Chahed dem neuen Coach das Erreichen des Ziels Meisterschaft zu. „In der Hinrunde haben wir noch nicht ganz so stabil gespielt“, sagte Kurbjuweit rückblickend und räumte damit zwar ein, dass sich das Team und der neue Coach auch erst mal finden mussten. Für die Herbstmeisterschaft reichte es dennoch, und im zweiten Saisonabschnitt konnte man die Konkurrenz dann zunehmend distanzieren. „Da haben wir uns trotz jeglicher Widerstände und Spielverläufe sehr gut gegen zum Teil ja auch starke Gegner durchgesetzt.“ Mit seiner nahbaren Art und dem richtigen Maß an Lockerheit und Strenge hat er das Team offenbar erreicht und stellte nun fest: „Wir sind verdient Meister der Staffel geworden.“ Die beiden letztlich für den Aufstieg entscheidenden Duelle mit den Saarländerinnen wollte Kurbjuweit dabei gar nicht so hoch hängen. „Wir haben keinen Druck, weil wir ja schon Meister geworden sind – ich glaube vielmehr, dass es was Schönes ist, sich gegen den Ersten einer anderen Staffel noch mal beweisen zu können“, vermittelte der Trainer vor den Aufstiegsspielen zumindest nach außen Gelassenheit – auch wenn er dem stark eingeschätzten Gegner natürlich Paroli bieten wollte. Neu dazugeholt hatte der sportliche Leiter im Sommer 2025 aber auch zwei Spielerinnen, die mit ihrer Erfahrung das doch sehr junge Team quasi an die Hand nehmen sollten. So ist Jennifer Cramer (33) fast ein Jahrzehnt älter als das Gros der Mannschaft – die Abwehrspielerin, die es auf knapp 170 Bundesligaeinsätze für Turbine Potsdam brachte, ist sogar 23-mal für die DFB-Auswahl aufgelaufen. Torfrau Inga Buchholz wiederum wollte nach dem Aufstieg mit Viktoria in die 2. Liga im Alter von 28 Jahren ihre Karriere aus beruflichen Gründen beenden – ließ sich dann aber noch mal auf das Werben von Hertha BSC ein. Eine absolute Schlüsselspielerin ist natürlich auch Elfie Wellhausen, denn mit ihren immer noch erst 20 Jahren hat sie ihre Torquote in den drei Saisons für die „Westend Girls“ nahezu verdoppelt (von 16 auf nun 30 Treffer). Überhaupt haben viele der jungen Spielerinnen den Weg mit den Frauen der Blau-Weißen bestritten, sodass die mannschaftliche Geschlossenheit die fehlende Erfahrung über die Zeit immer besser kompensieren konnte. „‚Team‘ beschreibt es gut“, erzählte Torjägerin Wellhausen auch kürzlich im Interview mit dem RBB – denn: „Untereinander gönnt es jede jeder. Es geht nicht darum, wer spielt, wer das Tor schießt oder wer die Vorlage macht – sondern darum, zusammen zu gewinnen.“