Als Spieler kam Martin Forkel ins Saarland. Mit seiner Familie wurde er hier sesshaft. Als Trainer arbeitet er seit Jahren in Luxemburg – und das höchst erfolgreich.
Ein früherer Mitspieler hat mal über ihn gesagt, er sei ein Mensch, der aus einem einzigen Muskel bestehen würde. Darauf angesprochen, muss Martin Forkel laut lachen. „Auch ich werde älter“, sagt er und streicht sich durch den Dreitagebart, in dem das ein oder andere graue Haar sprießt. Ende Juli wird der Inhaber der Uefa-Pro-Lizenz 47 Jahre alt. Doch er sieht immer noch so aus wie zu seiner aktiven Zeit als Profi. „Ich habe mich immer vernünftig ernährt, kaum Alkohol getrunken. Ich gehe fünfmal die Woche laufen und zweimal ins Gym. Das brauche ich einfach“, sagt er. Forkel stammt aus Oberfranken, spielte für Greuther Fürth, Wacker Burghausen und TuS Koblenz in der Zweiten Liga, bevor ihn Jürgen Luginger und Dieter Ferner 2010 zum 1. FCS lotsten. „Es ist wie so oft. Man weiß zunächst nicht viel über das Saarland und am Ende bleibt man hier hängen“, sagt Forkel.
Im Saarland heimisch geworden
Gemeinsam mit Ehefrau Corinna und den beiden erwachsenen Söhnen lebt er in Güdingen. Zwei Straßen entfernt von Dieter Ferner übrigens. Beim FCS hat er viel erlebt. Unter Luginger war er zwei Jahre lang Stammspieler, bevor die Zeit ruppig endete. „Man hat mir zuerst eine Verlängerung zugesagt und mir dann mitgeteilt, dass es doch nichts wird. Das war schon komisch“, erinnerte er sich an den Frühsommer 2012. Er ging dann zu Borussia Neunkirchen, wo Ferner gerade das Traineramt übernommen hatte, und kehrte ein Jahr später als Jugendtrainer und Führungsspieler der U23 zum FCS zurück. Es waren wilde Zeiten, sportlich ging es drunter und drüber. Luginger wurde als Cheftrainer gefeuert, Milan Sasic übernahm. Der reaktivierte Forkel, der noch einmal zu 23 Drittligaspielen kam. Am Ende stand der Abstieg. Forkel übernahm die U23, dann die U19 in der Bundesliga.
Im Sommer 2016 dann das abrupte Ende. Ferner war gerade Vizepräsident geworden, sein früherer Mitspieler Marcus Mann Sportdirektor. Eine perfekte Kombination, sollte man denken. Doch sie hatten keinen Bedarf mehr für den stets loyalen Dauerbrenner. „Das Gespräch war eher kurz und schmerzlos. Mein Vertrag ist ja auch ausgelaufen. Ich bin nicht nachtragend, aber für mich kam es schon überraschend“, sagt Forkel. Was folgte, war ein Vagabundenleben in der Fußball-Welt. Eineinhalb Jahre war er Athletik-Coach und Co-Trainer in Vietnam, arbeitete anschließend auch für den Fußball-Verband. Dann folgte eine Zeit als Co-Trainer unter Winnie Schäfer. Zuerst im Iran, dann in Abu Dhabi. „Es war wahnsinnig bereichernd. Du kannst nicht irgendwo hingehen und dein Ding durchziehen. Du musst dich auf die Kultur, die Mentalität und die Charaktere einlassen“, sagt er rückblickend und fügt hinzu: „Sportlich war es vor allem im Iran sehr spannend. Wir haben auf Champions-League-Niveau gespielt.“ Er möchte die Zeit nicht missen. Auch wenn es eine Zeit voller Entbehrungen war für einen Familienmenschen wie Forkel. „Corinna hatte viel zu stemmen in der Zeit mit zwei schulpflichtigen Kindern. Aber sie hat mir den Rücken freigehalten und die Entscheidung mitgetragen. Nur so konnte es funktionieren.“
Forkel hat viel erlebt. Heute ist er mehr als ein Bildungsreisender in Sachen Fußball. Er ist einer, der weiß, wie es ist, wenn beim Training in Vietnam plötzlich der Monsun dazwischenkommt, wenn im Iran 100.000 Zuschauer ein Derby in ein gesellschaftliches Ereignis verwandeln oder wenn in Abu Dhabi während der Corona-Zeit selbst das Joggen zur logistischen Herausforderung wird. „Ich bin von der Mentalität her viel breiter geworden“, sagt Forkel. Manchmal muss er lachen. „Das Derby in Teheran war unglaublich. Nur Männer im Stadion. Es ist eine andere Kultur. Die Menschen im Iran waren unglaublich gastfreundlich, auch wenn die politische Situation natürlich eine ganz andere ist“, sagt er.
Besonders hart war der erste Corona-Lockdown, als er getrennt von der Familie in Abu Dhabi festsaß. „Es war wie in einem Käfig. Die Einschränkungen waren viel schärfer als in Deutschland“, erinnert er sich. Im Mai 2020 gingen die ersten Flüge Richtung Europa. Forkel konnte einen Platz ergattern. In der Zweiten Liga Luxemburgs fand er recht schnell einen Job, machte sich einen Namen und stieg wenig später auf, als Victoria Rosport anklopfte. Es folgten vier gute Jahre, die vor wenigen Wochen mit dem Einzug ins Pokalfinale endeten. Dort unterlag sein Team dem hochfavorisierten FC Differdingen, der von Yannick Kakoko trainiert wurde. „Auch wenn wir das Finale nicht gewinnen konnten, war es ein riesiger Erfolg und ein guter Abschluss. Wir haben mit einem kleinen Budget und einer schwierigen Ausgangslage sehr viel erreicht. Rosport liegt im Osten Luxemburgs, an der deutschen Grenze. Da ist es schwerer, Spieler zu bekommen“, sagt Forkel.
Corona-Lockdown in Abu Dhabi
Denn die Erste Liga Luxemburgs ist entgegen vieler Gerüchte keine, in der sich satte, alternde Stars die Klinke in die Hand geben. „Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Vereine mit Investoren, wo viel Geld geflossen ist. Aber das ist eher die Ausnahme. Die meisten Spieler gehen einer geregelten Arbeit nach. Für sie ist der Fußball ein bezahltes Hobby.“ So ist die Situation bei seinem neuen Arbeitgeber US Bad Mondorf nicht viel anders. Der Club spielte in der vergangenen Saison aber oben mit und bestreitet in Kürze die Qualifikationsspiele zur Conference League. „Die Vorfreude ist jetzt riesengroß. Ich hatte eine wunderbare Zeit in Rosport, aber man muss irgendwann auch mal etwas anderes machen“, sagt Forkel.
Und so stellt sich die Frage, warum jemand wie er, der jahrelang im deutschen Profifußball unterwegs war, keinen Job in Deutschland hat? Seit seinem unfreiwilligen Aus beim 1. FCS gab es keine größeren Kontakte in die Landeshauptstadt. „Ich bin keiner, der sich irgendwo anträgt. Ich weiß nicht, ob das ein Fehler ist, aber ich bin niemand, der sich verstellt. Ich versuche, mit loyaler Arbeit zu überzeugen, und bin sicher, dass sich das auszahlt. Ich habe Erfahrungen gesammelt, als Jugendtrainer, Assistent und in der ersten Reihe gearbeitet“, sagt Forkel.
Ohnehin ist er niemand, der schnell vertragsbrüchig wird. So sagte er kürzlich einem deutschen Regionalligisten ab, weil er wenige Tage zuvor in Mondorf unterschrieben hatte. „Ich freue mich total auf die neue Aufgabe, und daher war das überhaupt kein Thema“, meint er. Und so fiebert der Mann, der als Trainer schon in fernen Ländern unterwegs war, der Auslosung zur Conference League entgegen. Es sind Vereine aus Kasachstan oder dem hohen Norden Europas im Topf. „Wir nehmen es, wie es kommt“, sagt Forkel lachend. „Aber ein Gegner aus einer Stadt mit einem Flughafen und einer direkten Verbindung sollte es schon sein.“