Vor zwei Jahren stand Fortuna Düsseldorf mit einem Bein in der Bundesliga. Nun beginnt nach dem Fall in die Drittklassigkeit ein Neuaufbau, der weit über den Austausch einiger Spieler hinausgeht.
Am 28. Mai 2024 war in Düsseldorf alles angerichtet. Fortuna hatte das Hinspiel der Relegation beim VfL Bochum mit 3:0 gewonnen, der Aufstieg schien nur noch Formsache zu sein. Dann rettete sich Bochum im Rückspiel ins Elfmeterschießen und gewann mit 6:5. Die Fortuna ist nicht in die Bundesliga zurückgekehrt. Sie ist abgestiegen. Nach einem 0:3 bei Greuther Fürth spielt Düsseldorf künftig wieder in der 3. Liga.
Mit einem 3:1 gegen die SV Elversberg hatte sich die Mannschaft eine gute Ausgangslage verschafft. In Fürth aber folgte keine entschlossene Antwort, sondern ein Auftritt, der vor allem in der ersten Halbzeit erschreckend leblos wirkte. Kapitän Florian Kastenmeier sagte danach: „Wir haben es komplett verschissen, wir sind dafür verantwortlich. Das, was heute passiert ist, ist mit nichts zu entschuldigen.“ Vorstandschef Alexander Jobst sprach von „Fassungslosigkeit“ und einer ersten Halbzeit, die „absolut nicht akzeptabel“ gewesen sei.
Eine Mannschaft, die nie zusammenfand
Diese 90 Minuten waren der Endpunkt einer längeren Entwicklung. Noch nach der Saison 2024/25 hatte Jobst von einer guten Spielzeit gesprochen, auf der sich aufbauen lasse. Fortuna war nach der bitteren Relegation gegen Bochum in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen geblieben, am Ende aber nur Sechster geworden. Der Verein entschied sich nicht für einen behutsamen nächsten Schritt, sondern für den großen Angriff. Sportvorstand Klaus Allofs und Sportdirektor Christian Weber wollten alles auf den Aufstieg ausrichten. Zuvor hatten sie mit Verpflichtungen wie Christos Tzolis, Yannik Engelhardt und Isak Johannesson mehrfach ein gutes Gespür bewiesen. Diesmal entstand eine Mannschaft, die trotz großer Ambitionen nie zusammenfand.
Von 13 Neuzugängen überzeugte nur Cedric Itten uneingeschränkt. Der Schweizer erzielte 15 Treffer und damit beinahe die Hälfte aller Düsseldorfer Tore. Insgesamt kam Fortuna lediglich auf 33 Treffer und stellte die schwächste Offensive der Liga. Anouar El-Azzouzi und Florent Muslija halfen phasenweise, viele andere Zugänge blieben hinter den Erwartungen zurück. Es fehlte nicht nur an Qualität, sondern auch an Energie und Widerstandskraft. Verletzungen, besonders auf den Außenpositionen, verschärften die Probleme. Zeitweise fehlte die Hälfte des Kaders. Doch die Ausfälle allein erklären nicht, weshalb aus einem Aufstiegsanwärter innerhalb weniger Monate ein Absteiger wurde.
Im Oktober musste Trainer Daniel Thioune gehen, der die Fortuna bei seinem Amtsantritt 2022 noch vor dem Abstieg bewahrt hatte. Sein Nachfolger Markus Anfang fand ebenfalls keinen Weg aus der Krise. Im Dezember zog der Verein die nächste Konsequenz: Auch Allofs und Weber mussten gehen. Allofs räumte Fehler bei der Zusammenstellung des Kaders ein. Weber wurde von seinem Nachfolger Sven Mislintat freigestellt. Während Weber als Manager der SV Elversberg den Aufstieg in die Bundesliga feierte, brach in Düsseldorf das eigene Projekt zusammen.
Mit Mislintat sollte im Winter ein grundlegender Wandel beginnen. Er sollte die sportlichen Strukturen verändern. Seine Wintertransfers stabilisierten die Mannschaft aber nicht entscheidend. Satoshi Tanaka erwies sich als echte Verstärkung, der als „Soforthilfe“ angekündigte Stürmer Marin Ljubicic blieb dagegen ohne Tor. Mislintat hielt lange an Anfang fest, bevor im April mit Alexander Ende bereits der dritte Trainer der Saison übernahm. Auch ihm gelang in den verbleibenden fünf Spielen keine Rettung mehr.
Mislintats Fehler mit Anfang
Nach dem Abstieg verwies Mislintat auf tiefer liegende Ursachen. Der Absturz sei „niemals einfach nur ein Ergebnis einer einzelnen Saison, sondern einer längeren Entwicklung“. Im Falle des Klassenerhalts hätte Fortuna einen „relativ vollen Kader“ besessen, für die 3. Liga habe der Club dagegen „fast gar keinen Kader mehr“. Wenige Tage später war seine Zeit dennoch beendet. Nach nur sechs Monaten trennten sich Club und Sportvorstand im Einvernehmen. Hinter dieser Formulierung standen offenbar nicht nur die überschaubare Ausbeute seiner Transfers und die lange Treue zu Anfang. Aus Mannschaft und Umfeld waren auch Unzufriedenheit, Konflikte und Vorwürfe einer unstrukturierten Arbeitsweise an die Führung herangetragen worden. Während Jobst das Vertrauen des Aufsichtsrats erhielt, fehlte Mislintat eine vergleichbare Rückendeckung.
Nun soll Samir Arabi die Trümmer sortieren. Der 47-Jährige war bereits im Winter ein Kandidat für die Allofs-Nachfolge gewesen, damals fiel die Wahl noch auf Mislintat. Arabi bringt aus zwölfeinhalb Jahren bei Arminia Bielefeld Erfahrung mit schwierigen Lagen mit. Er kennt Aufstiege, Abstiege und die Bedingungen der 3. Liga. Aufsichtsratschef Björn Borgerding begründete die Entscheidung mit dem Ziel, wieder „eine klare Richtung“ in den Verein zu bekommen und „eine Mannschaft aufzubauen, mit der sich die Menschen identifizieren können und die für diesen Verein arbeitet“. In Düsseldorf ist das nach dieser Saison bereits eine anspruchsvolle Aufgabe.
Denn Arabi beginnt nahezu bei null. Nur wenige Spieler besitzen einen Vertrag für die 3. Liga. Viele können ablösefrei gehen oder waren ohnehin ausgeliehen. Kapitän Kastenmeier, seit 2019 im Verein und in 228 Spielen für Fortuna im Tor, wird den Neuaufbau nicht begleiten. Der 28-Jährige erklärte, seine persönlichen Ziele seien zuletzt in weite Ferne gerückt. „Trotzdem muss ich einen neuen Weg einschlagen“, schrieb er. Auch weitere Leistungsträger dürften kaum zu halten sein. Trainer Alexander Ende soll dagegen bleiben. Er hatte unmittelbar nach dem Abstieg betont, sein Vertrag sei auch ein klares Bekenntnis für diesen Fall gewesen.
Vereins-Ikone Fink muss gehen
Die wirtschaftlichen Folgen wiegen noch schwerer. Die Einnahmen aus den TV-Geldern brechen dramatisch ein. Nach zuvor rund 16 Millionen Euro erhält Fortuna in der 3. Liga nur noch etwa 1,3 Millionen Euro. Der Verein reagiert mit einem radikalen Sparkurs. Insgesamt 67 Mitarbeiter der Geschäftsstelle verlieren ihre Arbeitsplätze. Die Personalkosten sollen von etwa sieben Millionen auf drei Millionen Euro sinken. Betroffen sind Verwaltung und Organisation, teilweise werden ganze Bereiche aufgelöst. Auch langjährige Mitarbeiter müssen gehen, darunter nach den vorliegenden Berichten der frühere Kapitän Oliver Fink. Der Klub bezeichnete die Kündigungen als unausweichlich: „Das ist brutal und tut extrem weh. Dass es auch lang verdiente Kolleginnen und Kollegen trifft, die alle Fortuna im Herzen tragen, macht es umso schwerer.“
Der Abstieg trifft auch Projekte, die Fortuna enger mit der Stadt verbinden sollten. „Fortuna für alle“, das Modell mit freiem Eintritt bei ausgewählten Heimspielen, wird in der 3. Liga nicht fortgeführt. Auch die U23 steigt aus der Regionalliga West ab, obwohl sie sportlich die Klasse gehalten hatte. Bei der Stadionmiete hatte die Stadt ein Entgegenkommen signalisiert. Trotzdem wird deutlich, wie groß die Fallhöhe ist. Fortuna verliert nicht nur eine Liga. Der Verein verliert Einnahmen, Personal, Planungssicherheit und den Rest eines Kaders, der eigentlich für andere Ziele zusammengestellt worden war.
Der Blick zurück zeigt, dass ein sofortiger Wiederaufstieg möglich ist. Seit der Wiedereinführung der Relegation gelang zehn Zweitliga-Absteigern die direkte Rückkehr. Zuletzt schaffte dies Jahn Regensburg im Jahr 2024. Genauso gibt es Beispiele für Vereine, die nach einem Abstieg weiter abrutschten. Fortuna muss deshalb schnell handeln, ohne in die nächste Hektik zu verfallen. Gerade darin liegt die schwierigste Aufgabe für Arabi und Jobst: Der Verein braucht in kurzer Zeit viele Entscheidungen, darf aber nicht noch einmal glauben, dass eine große Zahl neuer Spieler bereits einen funktionierenden Kader ergibt.
Vor zwei Jahren fehlte Düsseldorf im Elfmeterschießen ein einziger Schritt zur Bundesliga. Heute ist der Weg zurück deutlich länger. Der Neuaufbau beginnt mit Entlassungen, Abgängen und der Erkenntnis, dass der Fall in die 3. Liga kein Betriebsunfall war. Fortuna Düsseldorf muss sich neu erfinden. Diesmal bleibt kaum Spielraum für weitere Fehler.