Nach zehn Jahren verlässt Pep Guardiola Manchester City. Wie in Barcelona und München hat er den Club nachhaltig geprägt. Die Frage ist: Was kommt nun?
Schon sein Einstieg als Profi-Trainer war eine Naturgewalt. Im Mai 2008 wurde Josep „Pep“ Guardiola mit gerade einmal 37 Jahren als künftiger Chefcoach des FC Barcelona verkündet. Seine Referenz: In seinem allerersten Trainerjahr hatte er die Zweite Mannschaft der Katalanen in die 2. Liga geführt. Viele wären in dem Moment dankbar, vorsichtig oder – wie es in einer beliebten Fußballer-Floskel inzwischen immer öfter heißt – demütig an die Aufgabe herangegangen. Guardiola verkündete als eine seiner ersten Amtshandlungen den Weltstars Ronaldinho, Deco und Samuel Eto’o, dass er nicht mehr mit ihnen plant. Wäre das in die Hose gegangen, hätte die Trainer-Karriere Guardiolas schnell beendet sein können. Doch es kam anders. Ganz anders. In sechs Wettbewerben trat Barcelona in den kommenden 18 Monaten an, in allen sechs holte Barça den Titel. Die Meisterschaft holte der FCB mit neun Punkten Vorsprung auf Titelverteidiger Real Madrid, den Pokal durch ein 4:1 gegen Athletic Bilbao und schließlich auch die Champions League durch ein 2:0 gegen Manchester United. Auch die drei Wettbewerbe, durch die sich Barça dadurch qualifizierte, gewann der Club: den spanischen Supercup, den europäischen Supercup und die Club-WM. Pep Guardiola war ein Jahr lang Profi-Trainer und hatte schon alle großen Titel gewonnen. Und nie galt der Leitsatz mehr als damals: Ein Star war geboren!
Überall setzte er Maßstäbe
Guardiola wurde in der Folge zum größten Star, den die Trainer-Gilde im 21. Jahrhundert bisher gesehen hat. Sein Barca mit den Eigengewächsen Xavi, Andres Iniesta und Lionel Messi als Achsenspieler wurde mit seinem „Tiki-Taka-Fußball“ stilprägend. Trainer betonten reihenweise seinen Einfluss und gaben ihn als Vorbild an. Spieler wechselten nur wegen ihm zu den Vereinen, die er trainierte, und sprachen das auch offen aus. So Mario Götze, der 2013 entgegen des ausdrücklichen Rats seines Beraters Volker Struth zum FC Bayern München wechselte. „Ich wollte mich selbst herausfordern, Peps Philosophie kennenlernen“, sagte er später. Und obwohl die Zeit auch ihre Schattenseiten hatte, schwärmt Götze noch heute von seinem damaligen Trainer. „Guardiola hat mir beigebracht, den Fußball von ganz unterschiedlichen Positionen auf dem Feld zu sehen“, sagte er.
„Es war eine große Revolution, wie er in Barcelona spielte, dann stellte er in der deutschen Bundesliga alles auf den Kopf“, erklärte kürzlich erst Thomas Tuchel. „Die Auswirkungen, die er auf jede Liga hatte, in der er trainierte, sind einzigartig. Es gibt keine Worte, die seine Zielstrebigkeit beschreiben können. Es ist einfach das allerhöchste Niveau.“ Die Geschichte, als sich Tuchel und Guardiola in den frühen Jahren ihrer Karrieren zum Abendessen trafen und mit Salz- und Pfefferstreuern taktische Dinge durchgingen, ist legendär.
Großer Respekt vor Jürgen Klopp
Ähnlich war der Einfluss auf Jürgen Klopp. „Er ist der beste Trainer der Welt. Das beweist er die ganze Zeit. Jeden Tag“, sagte Klopp, den mit Guardiola eine sportliche Dauerfehde verband. Nach den Dortmunder Meistertiteln 2011 und 2012 und dem deutschen Champions-League-Finale 2013 zwischen dem FC Bayern und dem BVB holten die Münchner im Sommer 2013 Guardiola als Trainer. 2015 verließ Klopp den BVB und ging bald darauf zum FC Liverpool. Wo ihm ab Sommer 2016 wieder Guardiola folgte, der Manchester City übernahm. In den direkten Duellen hat Klopp mit 12:11 Siegen die Nase vorne, deutlich mehr Titel holte aber Guardiola. Freunde wurden die beiden nie, das betonen sie auch immer. Doch der Respekt voreinander ist immens.
„Ich würde es vorziehen, wenn Pep vier Jahre lang ein Sabbatical einlegen würde. Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, wenn er die letzten vier Jahre ein Sabbatjahr eingelegt hätte“, sagte Klopp mal im Scherz. Und nachdem Klopp seinen Abschied bei Liverpool ankündigte, sagte Guardiola mit einem Lächeln: „Ich werde besser schlafen, wenn Klopp weg ist. Die Spiele, die wir gegen Liverpool gespielt haben, waren fast wie ein Albtraum.“ Später sagte er klar und deutlich: „Ich vermisse Jürgen.“ Denn diese sportliche Rivalität habe ihn „auf dieses Trainer-Level gebracht. Jürgen war ein wirklich großer Teil meines Lebens. Wenn ich einen Rivalen in dieser ganzen Zeit wählen müsste – das wäre der beste. Liverpool war, vor allem unter Jürgen, mein größter Gegner in diesem Land. Das Universum hat so entschieden.“
Das klang ein bisschen hochtrabend bis kitschig. Wie oft bei Guardiola. Doch er ließ seinen Worten Taten folgen. War dabei nicht nur ein Superhirn, sondern auch ganz der charmante Gentleman. Und er lieferte Erfolge am Fließband. Mit Barça holte er in vier Jahren 14 Titel, mit dem FC Bayern in drei Jahren sieben. Und dann ging er 2016 eben zu Manchester City, das seit 2008 finanziell extrem von Katar unterstützt wurde, aber noch nicht mal in der eigenen Stadt die Nummer Eins war. In seiner ersten Saison wurde Guardiola mit den Skyblues Dritter in der Liga und blieb zum ersten Mal in seiner Karriere ohne Titel. Doch dann ging seine Saat auf. Im zweiten Jahr gewann ManCity die Premier League mit der Rekordausbeute von 100 Punkten, am Ende des dritten Jahres stand das nationale Triple aus Meisterschaft und beiden Pokalen. ManCity war nicht nur erfolgreich. Guardiolas Fußball schaffte es auch, mit der Art des Fußballs zu begeistern und Vorbehalte gegen den Katar-Club abzubauen. Er selbst reagierte als Erfinder der „falschen Neun“ – also dem rochierenden, gerne auch mal kleinen Stürmer – auch flexibel. Als Erling Haaland aus Dortmund zu bekommen war, stimmte Guardiola zu und baute den wuchtigen Brecher als klare Nummer Neun in sein System ein.
Ende Mai kündigte das Trainer-Genie dann trotz eines bis 2027 laufenden Vertrages seinen Abschied von City an. „Fragt mich nicht nach den Gründen für meinen Abschied. Es gibt keinen Grund, aber tief in mir weiß ich, dass es Zeit für mich ist“, sagte er in einer Videobotschaft: „Nichts ist für immer, sonst wäre ich noch hier. Für immer bleiben die Gefühle, die Menschen, die Erinnerungen, die Liebe zu meinem Manchester City. Wir haben gearbeitet. Wir haben gelitten. Wir haben gekämpft. Und wir haben die Dinge auf unsere eigene Art und Weise gemacht. Auf unsere Art.“
„Ein Revolutionär, ein Genie“
Beim Abschied flossen viele Tränen. Und neben den Erinnerungen stand eine unglaubliche Bilanz. Bevor Guardiola kam, war City in der Vereinsgeschichte viermal Meister gewesen, mit ihm wurden sie es in zehn Jahren sechsmal. Vor seiner Zeit holte Manchester viermal den FA-Cup, in seiner Zeit nun alleine noch viermal. Und vor allem: 2023 holte das Team mit Kapitän Ilkay Gündogan die Champions League und erfüllte den Kataris und allen Fans den größten Traum. 20 Titel waren es insgesamt in den zehn Jahren. Von 593 Pflichtspielen auf der Manchester-Bank gewann Guardiola 423 und verlor nur 93. Insgesamt hat Guardiola 1.001 Pflichtspiele mit Manchester, den Bayern und Barcelona bestritten. Davon gewann er 726 und verlor nur 135. Unglaubliche Zahlen.
Vor allem aber hat Guardiola den dritten Verein, die dritte Liga, den dritten Fußball nachhaltig verändert. Das Einzige, was ihn stets etwas negativ verfolgte – vor allem in der Bayern-Zeit – war der Vorwurf, dass er das Spiel verkompliziere, zu verkopft sei, immer noch eine besondere Idee suche, wo das Einfache vielleicht das Bessere wäre. „Aber Pep gebührt eher ein Denkmal im Fußball, als die lapidare Aussage in den Vordergrund zu stellen, dass er in machen Spielen zu kompliziert denkt“, sagte Matthias Sammer, der einst in München als Sportvorstand mit Guardiola arbeitete: „Gerade für uns Deutsche geht es darum, das Spiel zu gewinnen. Auch Pep will gewinnen, klar. Aber er war immer in seiner ganzen Denkweise, wie er den Fußball sieht, ein Revolutionär, ein Genie.“ Er sei dabei auch immer „ein Diener für und ein Entwickler des Fußballs“ und „in den vergangenen Jahren der wichtigste Impulsgeber“.
Noch spannender als die Frage, wie sich ManCity ohne Guardiola entwickeln wird, ist deshalb die Frage, was der inzwischen 55-Jährige künftig macht. Will er noch einen vierten Club prägen? Eine vierte Liga? Italien bliebe noch übrig, in Brescia und bei der Roma hat er gespielt. Oder wird er Nationaltrainer? Vielleicht sogar in Katar, wo er ebenfalls zum Karriere-Ende gekickt hat? Oder in England, wo er für den Fall eines schwachen WM-Abschneidens als Tuchel-Nachfolger gehandelt wird? Ein Jahr Auszeit scheint auch möglich. Doch Guardiola wird sicher wiederkommen. Und wer ihn bekommt, darf sich heute schon freuen.