Mit dem Hausboot mit gerade mal acht Stundenkilometern über den Canal du Midi in Südfrankreich zu schippern, macht nicht nur Spaß, sondern ist auch Entspannung pur. Ein Bootsführerschein ist nicht nötig.
Raus aus dem Alltag, rein in die Entspannung und das bei gerade einmal acht Stundenkilometern. Langsam ziehen die Ufer des Canal du Midi an den Hobby-Matrosen vorbei, verlocken zum Ankern vor kleinen Dörfern oder im Nirgendwo des französischen Südens. Immer geradeaus, den Fluss entlang. Abends auf Deck ist es besonders schön. Die Hitze verabschiedet sich mit einem letzten Aufbegehren, dann geht die Sonne unter, und es kühlt ab. Der Blick in den Himmel zeigt, dass der Traum von einem Sternenfirmament ohne Lichtverschmutzung Wirklichkeit wird. Geist und Seele beruhigen sich, werden eins. Stress und Hektik liegen weit zurück.
Ausgangspunkt ist der Hafen Port Cassafières. Das Auto wird vom Servicepersonal bequem zum Zielhafen Trèbes überführt. Vor Beginn der Tour steht noch der Großeinkauf im örtlichen Supermarkt an. Vor allem die schwereren Flaschen und das Trinkwasser werden im Wagen zum Boot transportiert. Denn unterwegs ankert man fast ausschließlich in kleinen Dörfern und versorgt sich in idyllischen Tante-Emma-Läden mit kleinem Produktangebot. Die „Calypso“, die dem Hausbootanbieter Le Boat gehört, ist rund 13 Meter lang und modern ausgestattet mit gemütlichen Sitzecken, einer Küche mit dem nötigen Zubehör, drei Schlafzimmern für je zwei Personen sowie zwei Duschen mit Toilette. Perfekt für die einwöchige Auszeit. Madame Claire von Le Boat kommt an Deck, erklärt die Technik und gibt Tipps zum sorgenfreien Navigieren. Auch wenn sich alles sehr entspannt anhört, sollte man dabei genau zuhören und Fragen stellen. Als Bonus gibts noch Fahrräder für Ausflüge unterwegs. In den Häfen der Le Boat-Flotte kann kostenlos übernachtet werden. Dort stehen Sanitäranlagen zur Verfügung. In den übrigen Häfen kostet das Übernachten auch nicht die Welt, zwischen 20 und 30 Euro pro Schiff, an den Ufern des Kanals ist das Anlegen kostenlos.
Aquädukte und Weinberge
Die Kathedrale Saint-Nazaire, die das Städtchen Beziers überragt und die man vom Schiff aus direkt sieht, symbolisiert den Sieg der Christen über die Katharer, einer mittelalterlichen religiösen Bewegung aus dem 11. Jahrhundert. Der Katharismus entwickelte sich dank der Unterstützung der südfranzösischen Adligen. Die Katharer wie auch die Adligen fochten die katholische Kirche an, wollten aber trotzdem Christen bleiben. Die Bewegung beunruhigte Rom und Papst Innozenz III. Im 13. Jahrhundert ging die katholische Kirche gegen die Volksgruppe vor. Dies führte zu ihrem Niedergang. Einige Anhänger gab es in Südfrankreich bis ins 14. Jahrhundert hinein. Das prächtige Gotteshaus wurde im 13. Jahrhundert auf einem im Jahr 1206 beschädigten romanischen Bauwerk errichtet.
Beziers ist außerdem der Geburtsort des Kanal-Erfinders Pierre Paul Riquet. Sein Todestag jährt sich am 1. Oktober zum 345. Mal. Der Besuch der wunderschönen Markthalle mitten im Städtchen, angeblich die schönste von ganz Frankreich, ist ein Muss. Besondere Leckereien, die jeden Gourmet begeistern, werden vielfältig angepriesen, und man bringt alle möglichen kulinarischen Genüsse mit zurück an Deck.
Dem Rhythmus der Schleusen folgend überquert die „Calypso“ beeindruckende Aquädukte und kommt an Getreidefeldern, Weinbergen und idyllischen Städtchen vorbei. St. Papoul bewahrt die Überreste einer Benediktinerabtei aus dem 11. Jahrhundert und das Runddorf Bram wurde kreisrund um seine Kirche herum erbaut. Castelnaudary ist nicht nur für seine herrschaftlichen Stadthäuser im Renaissancestil bekannt, sondern auch durch die mit gotischen Portalen verzierte Stiftskirche Saint-Michel.
Neben all den geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten ist der Kanal selbst wie ein großer Abenteuerspielplatz. Das Aquädukt von Orbiel, eine Kanalbrücke mit drei Bögen und erbaut im Jahr 1688, ist beeindruckend. Seine Besonderheit erkennt man erst richtig aus der Vogelperspektive. Als Besatzung sollten mindestens drei Erwachsene an Bord sein, damit alles problemlos funktioniert: Denn jeder und jede hat seine Aufgabe. Man muss das Boot steuern können und es gleichzeitig durch zahlreiche Schleusen manövrieren, Seile vertäuen und die richtigen Knoten setzen. Anspruchsvoll und herausfordernd ist dabei die Schleusentreppe von Fonseranes mit acht Kammern, neun Ober- und Untertoren und einem Höhenunterschied von 22 Metern. Da kommen sogar geübte Freizeitkapitäne gehörig ins Schwitzen.
Besser pünktlich an den Schleusen
Die Regeln der Schleusenwärter sind strikt. Von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends darf passiert werden. Wer am Abend auch nur fünf Minuten später ankommt, muss bis zum nächsten Morgen warten. Die Schleusentore sind und bleiben zu. Ausnahmen werden kaum bis gar nicht gemacht. „Zwischen Beziers und Homps gibt es den meisten Schiffsverkehr, vor allem durch Hausboote im Sommer“, erzählt die Schleusenwärterin von Puicheric. Sie arbeitet seit 20 Jahren vor Ort. „Täglich fahren zwischen 55 bis 80 Schiffe hier durch, abhängig von Jahreszeit und Ferien.“
Auch der Schleusenwärter am Endziel Trèbes ist seit 25 Jahren dabei. „Früher kamen mehr Boote. Das hat mit der Preisentwicklung zu tun. Die umliegenden Städte und Dörfer sind teuer geworden“, argumentiert er.
Zu guter Letzt steht ein Tagesausflug ins wenige Kilometer entfernte Unesco-Weltkulturerbe Carcassonne auf dem Programm. Die befestigte Altstadt liegt hoch auf einem Hügel. Ihr Ursprung geht auf die Zeit des Römischen Reiches im 3. und 4. Jahrhundert zurück. Neben der historischen Burg und der Stadtmauer besichtigt man die Basilika Saint-Nazaire, schlendert durch verwinkelte Gassen und isst in kleinen Restaurants Cassoulet, ein Gericht aus weißen Bohnen mit Schweine- und Entenfleisch, das typisch für die Gegend ist.
Nach sieben Tagen hat die „Calypso“ ihr Endziel erreicht: den idyllischen Hafen von Trèbes. Vom Anleger sind es nur wenige Schritte zu den kleinen Restaurants und Bars, die die Gäste mit ihrem südfranzösischen Flair bezaubern. Und das Auto wartet bereits auf dem bewachten Parkplatz. Rechtzeitig, um die Heimfahrt anzutreten.