Was kommt mit dem Klimawandel auf Städte und Unternehmen zu? Das Climate Service Center Germany (Gerics) versucht, aufzuzeigen, womit zu rechnen ist.
Wer den Linienbus 124 in die Vier- und Marschlande nimmt, den alles andere als urbanen Südostzipfel Hamburgs, der erblickt schon beim Aussteigen blühende Landschaften. Das Haltestellenhäuschen Achterdiekbrücke ist von oben bis unten bemalt: Hellblauer Himmel, darunter sattgrüne Blätter und weiße, hängende Blütenglöckchen. „Maiblumen aus Vierlanden“, steht daneben, „Convallaria majalis“.
Geht man dann ein paar Schritte den Vierländer Eisenbahndamm hoch und biegt linker Hand ab in den Neuengammer Hinterdeich, läuft man geradewegs auf die Gärtnerei von Markus Moka zu, deren Felder für das Bushäuschen hätten Modell stehen können. Das Marschland, einst der Elbe abgerungen, bietet mit seinem sandigen Boden ideale Bedingungen für die Maiglöckchenzucht. Zumindest war das so, als Mokas Vater den Betrieb führte und davor dessen Vater. Bleibt das so, wenn das Klima nicht dasselbe bleibt?
Ein Blick in die Klimazukunft
Um herauszufinden, was die Zukunft für seine Gärtnerei bringt, lässt sich Moka auf seinem Esstisch Karten legen. „Spätfrost“ steht auf einer Karte, darunter ein Pfeil, der nach unten weist. Auf einer anderen: „Hohe Temperaturen“. Hier weist der Pfeil nach oben.
„Die Frühjahrstemperaturen sind hier seit den 1950er-Jahren im Mittel um 1,3 Grad gestiegen“, erklärt die Weissagerin, als sie die Karte „Saisonale Temperatur“ auf den Tisch legt.
„Das ist ’ne Menge!“, sagt Moka, ein groß gewachsener Endvierziger mit freundlichem Blick und kräftigen Gärtnerhänden.
„Diese Entwicklung wird weitergehen. Das vergangene Frühjahr war das bisher wärmste.“
Für Mokas Maiglöckchen bedeutet das, dass sie früher sprießen. Damit kann er leben, doch andererseits, so Moka, „kickt so ein Spätfrost dann richtig rein“. Die Pflanzen müssen aufwendig abgedeckt werden.
Die Karten auf Mokas lang gestrecktem Holztisch zeigen Klimaprojektionen für die Jahre 2036 bis 2065. Mitgebracht hat sie Juliane El Zohbi vom Climate Service Center Germany (Gerics), sie sind Teil eines Pilotprojektes namens HaLaGa, das von der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft gefördert wird. HaLaGa steht für „Hamburgs Landwirtschaft und Gartenbau gegenüber dem Klimawandel stärken“. Sechs der rund 600 landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betriebe der Stadt wurden für das Projekt ausgewählt, um gemeinsam mit dem Gerics einen Blick in ihre Klimazukunft zu werfen. Wie verändert sich die Witterung vor Ort? Welche Risiken, womöglich welche Chancen bringt sie mit sich? Wie kann sich der Betrieb darauf einstellen?
Risiken sowie Chancen erkennen
Gut 80 Mitarbeitende hat das Gerics, sie stammen aus mehr als 20 Ländern und sind in ebenso vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu Hause. Der Arbeitsschwerpunkt von El Zohbi, promovierte Geografin mit Expertise für Klimamodellierung, ist die Landwirtschaft im Klimawandel. Deshalb ist sie zum Klimakartenlegen in die Vier- und Marschlande gekommen. El Zohbi zieht eine weitere Karte. Niederschlag. „Im Schnitt regnet es 1,6 Millimeter pro Tag“, sagt sie. „Die Regenmengen sind sehr variabel. Wenn man sie über die Jahrzehnte statistisch auswertet, kann man allerdings keinen Trend erkennen.“
„Das ist gut“, freut sich Moka. „Der Frühlingsregen soll bleiben.“
Als nächstes der Herbst. Er hat sich weniger erwärmt als das Frühjahr, im Mittel um 0,8 Grad.
„Ist das viel oder nicht so wild?“, fragt Moka.
„Aus wissenschaftlicher Sicht ist das sehr deutlich. Und das wird so weitergehen, wie all unsere Simulationen zeigen.“
Das hört Moka nicht gern. Denn wenn der Herbst wärmer wird, treiben die Pflanzen noch einmal zu einer Zeit aus, in der sie eigentlich zur Ruhe kommen sollten: Das, sagt er, sei „wie bei einem Braunbären, der Winterschlaf halten will und aus seiner Höhle getrieben wird“.
Die Klimakarten sind eine der Methoden des Gerics, das allgegenwärtige, oft aber abstrakte Thema Klimawandel auf anschauliche Weise für Stadtverwaltungen und Unternehmen greifbar zu machen. Das Institut bietet auch regionale Klima-Ausblicke für jeden Landkreis in Deutschland an. Oder einen „Stadtbaukasten“, um Kommunen bei der Klimaanpassung zu unterstützen.
Gegründet 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, war das Gerics eine der weltweit ersten Institutionen für „Klima-Serviceleistungen“, die dabei helfen sollen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Seit 2014 ist das Hamburger Institut Teil der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.
„Wir haben eine Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Praxis“, erklärt Juliane El Zohbi. Ziel sei es, Erkenntnisse über den Klimawandel in alltagstaugliches Wissen zu übersetzen. Zwar erteilt das Gerics keine Empfehlungen, wie Unternehmer oder Politikerinnen auf Klimaveränderungen reagieren sollen. Aber es liefert als Entscheidungsgrundlage Informationen, die so lokal, detailliert und passgenau wie möglich sind. In Hamburg macht sich der Klimawandel im Winter besonders deutlich bemerkbar. 1,5 Grad Temperaturanstieg sind es zu dieser Jahreszeit schon jetzt – ein Trend, der sich in die Zukunft fortsetzt. „Heute gibt es im Schnitt noch 40 Tage mit Frost“, erklärt El Zohbi. „Das sind schon zehn Tage weniger als in den 50er-Jahren.“
Für Markus Moka bedeutet das: Mehr Unkraut und mehr Schädlinge. „Mein Großvater sagte immer: Pflügen wir im Herbst alles um, dann kriegen die Schädlinge im Winter vom Frost einen auf den Deckel.“
Darauf ist heute kein Verlass mehr. Großvaters Wissen ist welk geworden.
So wie Markus Mokas Maiglöckchenzucht im Kleinen muss sich Hamburg im Großen auf neue Klimawirklichkeiten einstellen. Im Februar 2025 verabschiedete der Senat eine „Strategie zur Anpassung Hamburgs an den Klimawandel“, gut 80 Seiten, auf denen steht, was auf die Stadt zukommt. Dazu zählen ein weiter steigender Meeresspiegel (plus 20 Zentimeter am Pegel Cuxhaven zwischen 1918 und 2018), weiter steigende Temperaturen (bis jetzt plus 1,7 Grad seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881), eine noch frühere Frühlingsblüte (aktuell: zwei Wochen eher als noch vor 30 Jahren), mehr heiße Tage, auch außerhalb des Sommers.
Stadt wird am PC nachgebaut
Zu erwarten sind künftig zudem häufigere und heftigere Unwetter wie Sturmfluten und Starkregen sowie Hitzewellen. Das Hitzeproblem verschärft sich in allen Großstädten, weil sich Wärmeinseln in eng bebauten Vierteln bilden. An wolkenfreien und windarmen Tagen kann es hier bis zu zehn Grad heißer werden als im Umland.
Als „prioritäre Handlungsbedarfe für die Klimaanpassung“ stuft Hamburg deshalb neben dem Küsten- und Hochwasserschutz sowie der Vorsorge gegen Starkregen auch die Stärkung der blau-grünen Infrastruktur ein.
Blau-grüne Infrastruktur, das bedeutet kühlende Grünflächen aus Bäumen, Büschen und Wiesen sowie eine ausreichende Versorgung mit gespeichertem Regenwasser und Wasserflächen. Hamburg habe in dieser Hinsicht noch einiges Potenzial, findet Markus Groth, der am Gerics zusammen mit Partnern aus der Praxis Klima-Serviceleistungen für Landkreise, Städte und Kommunen entwickelt. Wer die Stadt mit Groths Augen sieht, dem fallen überall Dinge auf, die nicht besonders klimaklug konzipiert sind. Das geht los beim neu gebauten Schulhof seiner Töchter – „Bei Starkregen kann das Wasser oft nicht gut ablaufen, da manche Gullys nicht optimal platziert wurden.“ – und endet noch lange nicht mit der Hafencity, dem Hamburger Stadtteil, der seit 25 Jahren südlich der Altstadt emporwächst: „Stark verdichtet und versiegelt, wenig Grün.“
Zwei anschauliche Beispiele für klimakluge Stadtarchitektur, ein gutes und ein schlechtes, finden sich in unmittelbarer Nähe des Gerics, das seinen Sitz im Chilehaus hat, quasi im Grenzgebiet von Altstadt und Hafencity. Das schlechte liegt direkt von der Tür: der Burchardplatz. Ein großer, asphaltierter Parkplatz – im Herzen von Hamburg. „Wirklich eine ganz schöne Platzverschwendung“, konstatiert Groth, als er am Rand des Areals steht. „Man könnte zumindest auf einige Parkplätze verzichten, dann bliebe Raum für eine Grünfläche, Wasser, ein paar Hecken und Sitzbänke. Wäre ja machbar.“
Das gute Beispiel wartet nur ein paar Schritte nördlich davon, am Rand der Fußgängerzone: der Gertrudenkirchhof. Viele Bäume in großen Erdkübeln. Dazwischen Sitzbänke. Drumherum unversiegelter Sandboden. Ein kleiner urbaner Garten, von Hamburg als temporäre Stadtoase konzipiert – aber aus Groths Sicht eine Blaupause dafür, in welche Richtung Städte sich dauerhaft entwickeln sollten, wollen sie klimaresilienter werden: „Grün in Masse, wie hier im Kleinen angefangen, schafft im Sommer spürbar Kühlung.“
Dicht bebaute, versiegelte Flächen dagegen bilden nicht nur ein Hitze-, sondern auch ein Hochwasserrisiko. Was bei Starkregen passieren kann, simuliert Markus Groth im Rahmen des Moduls „Wasser in der Stadt“, es ist Teil des Gerics-Stadtbaukastens. „Das Prinzip ist immer dasselbe“, erklärt Groth. „Wir bauen eine Stadt am Computer nach, kippen virtuell Wasser rein und sehen dann, wohin es fließt und wo es sich sammelt.“ Mal lassen sie einen normalen Starkregen niedergehen, um die 40 bis 50 Liter pro Quadratmeter. Mal einen extremen wie im Ahrtal 2021 mit bis zu 150 Litern in 24 Stunden.
Als ihr erster digitaler Nachbau, vom Städtchen Bleckede im Landkreis Lüneburg, erstellt und genutzt wurde, sei im echten Bleckede ein Starkregen niedergegangen – das Wasser sammelte sich an denselben Stellen wie in der Simulation. „Das“, sagt Groth, „war für die Akzeptanz des Modells schon mal hilfreich.“
Welche Wissensbausteine, Modelle und -Module hilfreich sind, das schält sich erst im Austausch zwischen denen, die den Klimawandel beobachten, und jenen, die mit seinen Folgen vor Ort zurechtkommen müssen, heraus. Am Ende dieses Prozesses soll etwas stehen, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, andererseits allgemeinverständlich und praktikabel ist. Und: das als Blaupause für ähnlich gelagerte Fälle dienen kann. „Prototypische Produktentwicklung“ nennen sie das im etwas sperrigen Gerics-Sprech.
Anfängliche Fehlkonstruktionen sind Teil dieses Prozesses. Wie bei der Broschüre „Stadtwald Karlsruhe im Klimawandel“, einer Kooperation mit dem Karlsruher Forstamt. Als die erste Version vorlag, gesteht Groth, war das Feedback vom Forstamt: „Alles schön und gut. Aber das versteht ja keiner!“ Man sah vor lauter Klimakenngrößen den Stadtwald nicht mehr.
Also mussten sie noch mal ran. Komplexität reduzieren. Anschaulicher erklären. Allzu Abstraktes ausmisten. Bis es für alle passte. Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis ist keine Einbahnstraße.
„Das ist immer eine intensive Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, erklärt Juliane El Zohbi. Auch die Klimakarten, mit denen sie versucht, in die Zukunft von Markus Mokas Maiglöckchenzucht zu blicken, sind das Ergebnis vieler Gespräche mit Moka und anderen Betrieben für Gartenbau und Landwirtschaft, die an dem HaLaGa-Projekt beteiligt sind. Es zeigte sich: Karten mit klaren Tendenz-Pfeilen für verschiedene Witterungsfaktoren und Jahreszeiten schaffen in diesem Fall mehr Klarheit als zahlenlastige Klima-Ausblicke, die das Gerics im ersten Anlauf zum Einsatz brachte.
Moka ist dabei für das Gerics ein dankbarer Projektpartner. Schon vor dem Projekt hat er sich viele Gedanken um den Klimawandel gemacht. Notgedrungen – die Auswirkungen bekommen seine Maiglöckchen bereits seit Längerem zu spüren. Die häufigeren heißen Tage zum Beispiel.
Hinter Mokas Haus und der Halle, wo die Maiglöckchenwurzeln im Herbst für die Zucht sortiert werden, eröffnet sich ein Anblick wie ein grüngelbes Fußballfeld: Abertausend Pflanzen, jede in einem braunen Plastiktöpfchen, dicht an dicht gedrängt zu einem riesigen Blätterteppich. Jeder Windstoß ein vieltausendfaches Rascheln. Moka kniet nieder und hebt eines der Maiglöckchentöpfchen in die Höhe. „An sonnigen 30-Grad-Tagen“, sagt er, „fängt so ein Topf in der Randreihe an zu kochen.“
Vor knapp vier Jahren, an einem Sommertag 2022, wurden in Hamburg sogar erstmals 40 Grad gemessen.
Vor drei Jahren hat Markus Moka eine fußballfeldgroße Dachkonstruktion aus Stangen und Drähten errichtet, über die sich ein Schattierungstuch legen lässt. „Das wird seitdem jedes Frühjahr hochgezogen“, erklärt er, „um die Pflanzen vor der Sonne zu schützen.“
Wenn das sein Großvater geahnt hätte, als er den Hof 1950 übernahm: Selbst auf das Hamburger Schietwetter wird irgendwann, und das nur zwei Generationen später, kein Verlass mehr sein.