Der Nissan Micra bricht weder beim Preis noch bei der Technik Rekorde. Stattdessen punktet der Elektro-Kleinwagen mit drolligem Aussehen und sportlichem Fahrverhalten.
Hach, guckt der süß! Wenn man ein Auto ausschließlich nach seinem „Knuffigkeitsfaktor“ beurteilen würde, stünde der Nissan Micra sofort auf Platz eins. Wie Kulleraugen sehen die beiden halbkreisförmigen Tagfahrlichter aus, die die serienmäßigen LED-Scheinwerfer des elektrischen Kleinwagens umrunden. Und dann fangen sie auch noch an, zu blinken, sobald man die Türen öffnet: Zwinker, zwinker, hier bin ich!
Sie denken, man sollte solchen Spielereien nicht zu viel Bedeutung beimessen? Kann schon sein. Doch mit genau diesen will sich der kleine Stromer von der Konkurrenz absetzen. Beim Blick aufs Datenblatt wird jedenfalls klar, dass er rein technisch keine Rekorde reißt. Die verfügbaren Batteriegrößen (40 beziehungsweise 52 Kilowattstunden) sind Mittelmaß, ebenso die Reichweite (317 beziehungsweise 416 Kilometer) und das Kofferraumvolumen. Drehbare Bildschirme wie beim BYD Dolphin oder umklappbare Vordersitze wie beim Hyundai Inster wird man beim Micra nicht finden. Es scheint, als wolle er einfach nur niedlich aussehen – und das schafft er gut.
Nissan gehört zu den Pionieren der Elektromobilität. Schon 2010 brachte der japanische Hersteller den „Leaf“ auf den Markt, eines der ersten massentauglichsten E-Autos überhaupt. Dann kam lange Zeit nichts, bevor 2022 mit dem „Ariya“ ein bestenfalls durchschnittlicher SUV das Angebot erweiterte. Doch nun will es Nissan abermals wissen und bringt – neben einem neuen Leaf – den Kleinwagen Micra unters Volk.
Dazu muss man wissen: Wirklich „japanisch“ ist das Auto mit den Kulleraugen nicht, denn es wird in Frankreich gebaut und ist nahezu baugleich mit dem elektrischen Renault R5. Von außen sieht man ihm diese Verwandtschaft aber nicht an. Wo der Renault sportlich-kantig wirkt, kommt der Nissan wie ein drolliger Käfer daher. Da Preise und Ausstattung nahe beieinander liegen, ist es vor allem eine Frage des Geschmacks, wofür man sich entscheidet. Im Innenraum wird die Ähnlichkeit besonders deutlich. Sicher, bei Renault klemmt auf Wunsch ein Baguette-Halter neben der Mittelkonsole. Aber sonst? Alles gleich, abgesehen von ein paar Japan-Silhouetten und dem Nissan-Logo auf dem Lenkrad.
„One Pedal Driving“ nur gegen Aufpreis
Ein echter Hingucker ist der dunkelgrau gepolsterte Dachhimmel, der an eine Steppweste erinnert und das Cockpit in eine gemütliche Höhle verwandelt. Überhaupt machen die gepolsterten Oberflächen und Armaturen einen durchaus wertigen Eindruck. Vorne sitzt man bequem und hat auch als 1,80-Meter-Person ausreichend Platz. Nur hinten sollte man kein Raumwunder erwarten. Die Beine von Erwachsenen stoßen fast immer gegen die Vordersitze, wenngleich diese gut gepolstert sind. Der Kofferraum hat eine recht hohe Ladekante und fällt wie eine Wanne ab; einen Front-Stauraum (Frunk) gibt es nicht. Für große Urlaubsfahrten eignet sich der Micra – genau wie die meisten anderen Kleinwagen – also eher nicht, es sei denn, hinten sitzen ausschließlich Kinder. Oder Hunde.
Nach dem Drücken des Startknopfes stromert er los, überraschend dynamisch für ein babyblaues Auto mit Kulleraugen. Fahrwerk, Lenkung, Beschleunigung – alles ordentlich. Hinter dem Lenkrad befinden sich Schaltwippen, über die man die Rekuperation (Energierückgewinnung beim Bremsen) einstellen kann. Mit ein wenig Übung gelingt es auf diese Weise, den Micra ohne Betätigung der Bremse zum Stehen zu bringen. Schade nur, dass es dieses sogenannte „One Pedal Driving“ nicht in der einfachsten Ausstattungsvariante gibt. Wer darauf Wert legt, muss es im „Advance“-Paket dazubuchen (plus 1.800 Euro).
Das Bedienkonzept des kleinen Japaners changiert zwischen vorbildlich und chaotisch. Vorbildlich, weil man sich auf dem klar strukturierten Touchscreen sofort zurechtfindet und zusätzlich analoge Knöpfe zur Klimasteuerung verbaut wurden. Chaotisch, weil das Lenkrad völlig überfrachtet wirkt. Wie Spinnenarme stehen unzählige Bedienelemente hervor. Da wären die genannten Schaltwippen für die Rekuperation, außerdem Hebel für Blinker, Scheibenwischer, Gangwahl und Audio-Einstellungen. Doch das war’s noch lange nicht. Zusätzlich gibt es einen Knopf, der die Fahrmodi auswählt, sowie zahlreiche berührungsempfindliche Oberflächen, über die die Fahrassistenzsysteme gesteuert werden. Von japanischer Schlichtheit ist hier nichts zu spüren.
Richtig gut funktioniert das integrierte Google-Navi (ab Ausstattungsvariante „Advance“). Es berechnet stets das aktuelle Verkehrsgeschehen mit ein und plant automatisch Ladestopps, sollte der Akku nicht bis zum Ziel reichen – eine Funktion, die selbst in höheren Fahrzeugklassen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Das alles geschieht so intuitiv und einfach, wie man es von „Google Maps“ auf dem Handy kennt.
Gleiches gilt für die Assistenzsysteme, die während der Testfahrt einen souveränen Eindruck machen. Knopf auf dem Lenkrad drücken, Funktion bestätigen und los geht’s! Besonders sticht der intelligente adaptive Tempomat hervor, der automatisch abbremst, wenn ein Tempolimit am Straßenrand auftaucht. Auch der Spurhalteassistent arbeitet so, wie er soll: Läuft man Gefahr, eine Linie zu überfahren, steuert er dezent gegen. Kein Drama, kein Piepkonzert, wie man es von manchen Wettbewerbern kennt, sondern einfach nur eine Fahrhilfe.
Putziger Look kombiniert mit Sportlichkeit
Ganz ohne Probleme kommt aber auch der Micra nicht aus. Die pixelige Rückfahrkamera, die es noch nicht mal serienmäßig gibt, zieht den positiven Gesamteindruck nach unten. Das automatische Einparksystem „ProPilot“, das 500 Euro extra kostet, versagt gleich ganz. Auf einem weitläufigen Parkplatz in einem Industriegebiet erkennt der „Pilot“ keine einzige Lücke, obwohl fast alles frei ist und die einzelnen Flächen gut markiert sind. Ohnehin stellt sich die Frage, ob man ein solches System bei einem Fahrzeug, das nicht mal vier Meter misst, überhaupt braucht. An Rundumsicht mangelt es im Micra jedenfalls nicht.
Auf der Autobahn ist bei 150 km/h Schluss, was aber für einen Kleinwagen völlig ausreicht. Bei Richtgeschwindigkeit kommt er mit einer Akkufüllung knapp 300 Kilometer weit, und am Schnelllader ist die Batterie von 13 auf 80 Prozent nach 33 Minuten gefüllt – auch hier kein Rekord, aber ein solider Durchschnittswert für ein Auto dieser Klasse. Zumal der Ladevorgang erst am nächsten Morgen stattfand. Mit aufgewärmter Batterie nach einer längeren Autobahnfahrt könnte der Micra womöglich die 30-Minuten-Marke knacken.
Für wen ist er also geeignet, dieser japanische Europäer? Wer nur auf den Preis schaut und einen möglichst simplen Zweitwagen sucht, dürfte mit Billig-Konkurrenten à la Dacia Spring glücklich werden. Auch von der Ausstattung her bietet der Micra nichts, was es nicht auch woanders gäbe. Sein großes Alleinstellungsmerkmal bleibt der putzige Look, kombiniert mit einem wohnlichen Innenraum und einer sportlichen Fahrweise. Ob das reicht, weiß man wohl erst, wenn man ihm einmal selbst in die Augen geschaut hat.