Die Eisbären Berlin überraschen bei der Besetzung des Trainerpostens, der mit dem Abgang von Serge Aubin frei wurde. Der neue Mann heißt Éric Dubois und hat noch nie als Cheftrainer gearbeitet.
Rein äußerlich strahlte der neue Trainer der Eisbären Berlin nicht gerade die ganz große Tatkraft aus. Das lag vor allem an der Schlinge an seinem rechten Arm, die Éric Dubois wegen einer Schulterverletzung auch am Tag seiner offiziellen Vorstellung trug. Und auch verbal hielt sich der 56-Jährige eher zurück. Markige Sprüche? Fehlanzeige. Das entspricht – glaubt man Wegbegleitern – zum einen seinem Naturell. Und zum anderen weiß er, dass er aufgrund seines bisherigen Karrierewegs noch mehr als jeder andere Eisbären-Trainer vor ihm zuerst liefern muss. „Ich kann nachvollziehen, warum es hier und da Zweifel gibt bei meinem Lebenslauf“, sagte Dubois. Selbst viele Eishockeyfans konnten mit dem Namen zunächst nichts anfangen, obwohl der Kanadier zuletzt schon in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gearbeitet hat. Er kommt vom Ligarivalen ERC Ingolstadt, wo er allerdings nicht Cheftrainer war, sondern als Assistent von Mark French angestellt war. Und nicht nur das: Der neue starke Mann an der Bande in Berlin hat in seiner Karriere überhaupt noch nie als Chefcoach gearbeitet. Und viele Eisbären wundern sich: Warum ersetzt der Club Erfolgscoach Serge Aubin ausgerechnet mit einem Trainer, der sich erst noch beweisen muss?
Dubois fühlt sich bereit für die Herausforderung
„Als Serge weggegangen ist, war er der erste Name, den ich im Kopf hatte“, sagte Sportdirektor Stéphane Richer. Das würde bedeuten, dass Dubois der A-Kandidat gewesen war. Dafür spricht, dass Richer ihn schon länger kennt – und das nicht erst, seit Dubois im Trainingslager der Berliner vor zwei Jahren hospitierte. „Für ihn spricht, dass er ein Eishockey-Fachmann ist“, sagte Richer und betonte: „Er ist eine gute Wahl für uns.“ Skeptischen Nachfragen von Journalisten in einer Medienrunde entgegnete der Sportdirektor: „War Don Jackson ein großer Name für euch, als er als Co-Trainer zu den Eisbären gekommen ist? War Serge Aubin ein großer Name?“ Auf die Vita alleine haben die Verantwortlichen bei ihrer Trainerauswahl nur selten geschaut und dennoch zuletzt immer richtig gelegen. Dass es aber auch für die Verantwortlichen ein kleines Wagnis ist, zeigt sich in der Tatsache, dass der neue Trainer zunächst nur einen Vertrag für die kommende Saison unterschrieb.
Dubois gab zu, dass er selbst „überrascht“ gewesen sei, als er den Anruf des Eisbären-Sportdirektors und das Trainerjob-Angebot erhielt. Gezögert mit seinem Ja habe er nicht. „Wer möchte bitte nicht für Berlin arbeiten? Es ist ein Traumjob“, sagte Dubois: „Man wäre, glaube ich, verrückt, wenn man nicht in dieser Organisation arbeiten möchte.“ Sorgen, dass der Job beim DEL-Rekordmeister eine Nummer zu groß für ihn sein könnte, hat er keine. Er fühle sich „bereit – und das schon seit Langem“, versicherte er. In der Tat ist Dubois kein Anfänger, er verfügt über reichlich Erfahrungen im Eishockey. Seine sportlichen Wurzeln liegen in der kanadischen Eishockey-Hochburg Québec, hier begann er seine Profikarriere als Verteidiger, die ihn auch für drei Jahre nach Deutschland in die DEL brachte. Nach seinem Karriereende machte er seine ersten Trainerschritte im Juniorenbereich in Kanada. Danach arbeitete er neun Jahre als Co-Trainer beim Farmteam von NHL-Club Winnipeg Jets. 2025 kehrte er nach Deutschland zurück, um unter French in Ingolstadt zu arbeiten. Die Vermittlung übernahm Richer, denn ursprünglich hatte sich Dubois schon vor einem Jahr eine Aufgabe bei den Eisbären vorstellen können. „Nach fast zehn Jahren in Manitoba wollte ich etwas Neues sehen und neue Dinge lernen“, begründete er damals den Schritt. Außerdem habe seine Frau Jill damals gesagt, es würde „mal wieder Zeit“ für einen Tapetenwechsel. Seine amerikanische Frau, die er „Chefin“ nennt, hatte nun auch gegen einen Umzug in die deutsche Hauptstadt nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. „Wir haben unser Zuhause gesehen, waren am Gendarmenmarkt, und ich war ausgiebig shoppen“, erzählte sie. „Ich bin sehr froh, in einer großen Stadt zu leben.“
Groß ist aber nicht nur Berlin, sondern auch die Fußstapfen, in die ihr Mann tritt. Aubin hat in sechs Jahren fünf Meistertitel mit den Eisbären gewonnen und sich damit einen Sonderplatz in der Ehrengalerie des Clubs verdient. Eigentlich kann der Nachfolger fast nur verlieren –
und vielleicht ist das auch der Hauptgrund, warum kein gestandener Trainer übernommen hat. Dubois, dessen Sohn Pierre-Luc in der NHL spielt (Washington Capitals), weiß um die Schwere des Erbes: „Es gilt, große Schuhe zu füllen. Das steht fest.“ Doch er sieht in seiner neuen Aufgabe nicht nur ein Risiko, sondern vor allem eine Riesenchance. Es sei eine „großartige Gelegenheit“, bekräftigte Dubois: „Ich will ein Teil dieser Meisterschafts-Mentalität werden, die es hier in Berlin gibt.“ Deswegen könne er sich auch nicht um die vielen Zweifler und Skeptiker kümmern, die seine Ernennung zum Aubin-Nachfolger zum Scheitern verurteilt ansehen. „Ich habe einen Job für den Club und die Spieler zu erledigen.“ Er wolle sich auf das fokussieren, „was ich kontrollieren kann. Und ich werde alles für die Eisbären geben.“
Meisterschafts-Mentalität in Berlin
Wird das reichen? Von der Beschreibung seines bevorzugten Spielstils passt er hervorragend zur Club-DNA. „Ich mag Eishockey mit viel Tempo und einem schnellen Umschaltspiel“, sagte Dubois. Das sei die „neue Art des Eishockeys“ und werde von fast allen erfolgreichen Mannschaften so praktiziert. Auch von den Eisbären. Den Gegner unter Druck setzen, frühes und aggressives Angreifen, schnelles Umschalten, schnörkellose Spielzüge – das ist es, was Dubois umgesetzt sehen will: „Ich mag den taktischen Teil des Spiels.“ Er gilt als Offensiv-Verfechter, weiß aber auch, dass Meisterschaften in der Regel von der Defensive gewonnen werden. „Titel gewinnst du nicht, ohne defensiv gut zu sein.“ Und noch etwas will der neue Trainer sehen: Titelhunger. „Sind die Spieler nach all den Titeln immer noch erfolgshungrig? Ich muss sicherstellen, dass sie ambitioniert bleiben und immer mehr wollen“, sagte er. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn es hier und da im Club angesichts der Erfolgsserie ein paar Motivationsprobleme geben würde. Doch beim kleinsten Anzeichen dafür wolle er dagegen steuern und obendrein als Vorbild vorangehen: „Ich bin sehr hungrig.“
Über seinen Führungsstil sagte der Kanadier: „Ich sehe mich zuerst als Lehrer.“ Und zwar als ein Lehrer, der stets hohe Ansprüche stellt – auch an die Klassenbesten. Auch die Stars der abgelaufenen Saison müssen sich unter dem neuen Coach neu beweisen, einen Meisterbonus gibt es laut Dubois nicht: „Du musst dir deine Eiszeit und deine Position verdienen und es dir erarbeiten.“
Er sei „streng“, aber vor allem auch „fair. Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar. Beispielsweise das Arbeitsethos, mit dem du zu jedem Training kommst. Jeder verdient eine Chance, aber das Team steht über allem.“
Zurzeit weilt Dubois in Kanada, wo er in der Sommerpause Kraft für seine bislang größte Aufgabe als Eishockey-Trainer sammelt. Und wo er auch seine Reha nach einer Schulteroperation fortsetzt. Damit er bald auch äußerlich tatkräftig vorangehen kann.