Nach dem bitteren Verlust seines Weltmeistertitels hat sich Box-Profi Jürgen Doberstein mit einem Sieg in Berlin zurückgemeldet. Noch in diesem Jahr will der Supermittelgewichtler nachlegen.
Es war ein einziger linker Haken, der Jürgen Doberstein und damit ein Stück weit seine Welt am 21. Februar in der ausverkauften Saarlouiser Stadtgartenhalle ins Wanken brachte: Rund 2.500 Fans hatten den Weltmeister im Supermittelgewicht gefeiert, als er gegen den Franzosen Pierre Hubert Dibombe in den Ring stieg – seine zweite Titelverteidigung seit dem Gewinn des WM-Gürtels des Verbandes Global Boxing Council (GBC) im September 2024. Lange sah es nach einem weiteren Sieg aus, Doberstein lag nach Punkten vorn. Dann, in der sechsten Runde, traf ihn Dibombe nach 1:08 Minuten am Kinn. Der Kampf war beendet, der Gürtel weg.
Niederlage war nicht einkalkuliert
Nur Wochen zuvor hatte der Verein Saarländischer Sportjournalisten den „Dobermann“ bei einer Gala im Alexander Kunz Theatre zum Saar-Sportler des Jahres 2025 gewählt – vor Bundesliga-Fußballer Robin Fellhauer und Volleyball-Nationalspieler Moritz Reichert. Sichtlich gerührt sagte er damals: „Ich habe mir auch zum Ziel gesetzt, einmal Saar-Sportler des Jahres zu werden. Vielen Dank, dass ihr mich gewählt habt. Das ist ein besonderer Moment für mich.“ Sein Selbstbewusstsein zog er an diesem Abend auch aus früheren Rückschlägen: „Vor vier Jahren hatten mich schon viele abgeschrieben – und dann habe ich mir gesagt: Wenn keiner mehr an mich glaubt, dann fange ich jetzt mal so richtig an.“ Dass der nächste Rückschlag nur Wochen später folgen sollte, ahnte an diesem Abend noch niemand.
Der gebürtige Kasache kam 1998 mit seinen Eltern und vier Geschwistern ins Saarland. Mit neun Jahren begann Doberstein unter Trainer Sergej Ostrovski mit dem Boxen, holte als Amateur internationale Turniersiege und wurde nach dem Gewinn der Berlin-Meisterschaft mit 18 Jahren Profi – ausgerechnet in jener Stadt, in der er nun, fast zwei Jahrzehnte später, seinen Neustart feierte. Später wurde er Deutscher Meister und Gewinner mehrerer internationaler Titel. Den GBC-Weltmeistergürtel im Supermittelgewicht hatte er sich im September 2024 durch einen einstimmigen Punktsieg gegen den Tansanier Twaha Kassimu erkämpft. Im Mai 2025 verteidigte er ihn gegen dessen Landsmann Hamisi Ayoub Maya erfolgreich – bis Dibombe kam.
Eine Pause kommt für den Profi aus Kleinblittersdorf nach der Niederlage nicht infrage. „Mir war es wichtig, so schnell wie möglich wieder zu boxen, rauszukommen, mein Ding zu machen und zu siegen“, sagt der 37-Jährige. Statt auf ein mögliches Rematch gegen Dibombe zu warten, entschied er sich gemeinsam mit seinem Manager Michael Schultheis für den direkten Weg zurück in den Ring. Bereits drei Monate nach dem K. o. stand der nächste Kampf an: Am 23. Mai bezwang Doberstein beim Box-Abend „Catch the Rookies Vol. 8“ der Troja Boxing Group in der Berliner Columbiahalle den aus Euskirchen stammenden Emran Aliju über die volle Distanz von acht Runden nach Punkten. Vor rund 1.600 Zuschauern verbesserte er seine Bilanz auf 34 Siege bei sechs Niederlagen und einem Unentschieden –
auf einer Karte, die mit den GBC-Titelkämpfen von Volkan Gokcek im Welter- und Maurice Milcke im Mittelgewicht prominent besetzt war.
Der Abend in der Hauptstadt hat Doberstein gutgetan – auch über den sportlichen Erfolg hinaus. „Ich habe mich gut gefühlt und verschiedene gute Sachen im Ring gemacht“, blickt er zurück. Seine Familie war mit nach Berlin gereist, alte Weggefährten aus seiner Boxer-Vergangenheit holten ihn vom Flughafen ab und begleiteten ihn durch die Stadt. „Wir hatten eine schöne Zeit. Ich habe mich in Berlin sehr wohlgefühlt“, sagt Doberstein, der seit 2014 mit seiner Frau Nadja und den gemeinsamen drei Kindern in Kleinblittersdorf lebt. Sportlich bedeutet der Sieg vor allem eines: Der Weg zurück in Richtung großer Titel bleibt offen.
„Das ist meine Verantwortung“
Seit 2020 trainiert Doberstein komplett eigenständig, ohne festen Cheftrainer – und wie schon vor früheren Kämpfen hat er auch dieses Mal sein Programm umgestellt. Details dazu verrät er nicht – nur so viel: „Ich habe meine Beinarbeit, meine Beweglichkeit, meine alte und neue Stärke wieder zurückgeholt.“ Dabei soll auch eine neue Sportart mit eingeflossen sein. Konkreter wird er nur bei der Aufzählung seiner Vorbereitungsstationen: Ein Trainingslager in Spanien, wo er mit Sparringspartnern arbeitete, die ihn schon seit Jahren begleiten, gehörte ebenso dazu wie mehrere Einheiten mit einem französischen Trainer – ausgerechnet mit einem Landsmann jenes Gegners, der ihm zuvor den Titel gekostet hatte.
Seine Zurückhaltung bei Trainingsdetails begründet Doberstein mit der eigenen Erfahrung. „Ich analysiere, optimiere, experimentiere, mache neue Dinge. Je älter ich werde, desto vielseitiger und interessanter trainiere ich“, sagt er und ergänzt, sein Trainingslager folge nie zweimal demselben Muster. Reden über das eigene Training hält er ohnehin für überbewertet: „Im Ring wollen die Leute Kämpfe sehen und mich siegen sehen. Das ist meine Verantwortung. Wie ich das mache, muss nicht jeder wissen.“ Lieber lässt er Fäuste statt Worte sprechen – eine Haltung, die zu einem Boxer passt, der mittlerweile auch eigene Box-Abende organisiert: Seit 2022 veranstaltet Doberstein mit seiner eigenen Firma, der Doberstein Promotion GmbH, regelmäßig die „Ursapharm Fight Night“ –
Profikampfabende, bei denen er meist selbst im Hauptkampf steht.
Konkrete Pläne für den weiteren Jahresverlauf will der Saarländer erst nach der Fußball-Weltmeisterschaft verraten, die noch bis Mitte Juli läuft. Erst wenn die großen Terminkalender im Sport – ob Fußball, Handball oder Boxen – wieder frei seien, werde sich auch sein eigener nächster Termin klären, sagt Doberstein. Eine Pressekonferenz seines Teams soll dann Klarheit bringen, sowohl über das Datum als auch über den künftigen Gegner. Bis dahin bleibt nur die Andeutung: „Ich kann nur sagen, dass ich in diesem Jahr noch einmal boxen werde.“ Dass mit dem Erfolg in Berlin „neue Möglichkeiten“ eröffnet worden seien, wie er es selbst formuliert, lässt er dabei bewusst im Raum stehen.
Sicher ist nur: Mit seinem zweiten Sieg innerhalb weniger Monate nach dem Titelverlust hat sich Doberstein neue Optionen offengehalten, ohne sie schon zu benennen. Die Sportwelt wird es spätestens dann erfahren, wenn der Dobermann wieder die Fäuste statt Worte sprechen lässt.