Industrial Chic, gepflegte Bierkultur und Wirtshausküche prägen das „Dieselhaus“. Der historische Ort erzählt seine Geschichte weiter – nicht museal, sondern als Treffpunkt für Genuss und entspanntes Miteinander.
Ich habe im kulinarischen Kosmos von Berlin schon viele Verkostungen gemacht. Die Currywurst natürlich. Sobald irgendwo „eigene Soße“ steht, werde ich hellhörig. Käsekuchen eignet sich auch gut. Wer ein Bäckereicafé ernst nehmen will, sollte den Kuchenklassiker können. Schwieriger ist es mit dem Schnitzeltest geworden. Da stellt sich irgendwann nicht mehr nur die Frage nach Panierung und Fleisch, sondern nach dem Zustand des Frittierfetts. Ein ähnlicher Anlass zu stiller Traurigkeit ist Guacamole. Zu oft schmeckt sie nicht nach Avocado, Limette und Salz, sondern nach Fertigzubereitung, Zusatzstoffen und dem müden Versuch, Frische zu behaupten. Deshalb frage ich bei Guacamole inzwischen immer zuerst: Macht ihr die selbst? Und genau das tue ich auch bei Obazda. Die Käsezubereitung ist mein Biergarten-Favorit – nicht nur in Bayern, sondern überall dort, wo sie selbst gemacht auf den Tisch kommt.
Flair der historischen Bausubstanz
„Brie, geräucherte Paprika, rote Zwiebel, Salzgebäck“ lautet die Beschreibung für den „Obatzter“ im „Dieselhaus“, dem stylischen Wirtshaus im Forum an der Museumsinsel. Schreibweise und Rezeptur dieses bayerischen Brotzeitklassikers dürfen variieren. Entscheidend ist, ob am Ende etwas auf dem Teller liegt, das nach Käse, Würze und Handwerk schmeckt. Auf der Karte steht der Obazda – so schreibt ihn der Duden – in der Rubrik „Vorweg“ als einzelne Vorspeise. Außerdem taucht er im „Dieselsampler“ auf, zusammen mit Nürnbergern auf Sauerkraut, Boulette auf Kartoffelsalat und Wurstsalat mit Allgäuer Bergkäse. Da zeigt sich, was die Küche kann. Wer diese vier Happen ordentlich hinbekommt, versteht sein Handwerk.
„Brauhaustradition in Berliner Manier“ verspricht die Homepage des Restaurants. Das „Dieselhaus“ liegt auf dem Areal des Forums an der Museumsinsel, und dieses Gelände bringt seine eigene Geschichte mit. Ab den 1920er-Jahren baute die Reichspost hier die Kommunikationszentrale der Hauptstadt auf – samt eigener Notstromversorgung: Ein gewaltiger Schiffsdiesel sollte im Ernstfall Strom liefern. Heute verbreitet er nur noch Atmosphäre. Blitzblank geputzt und ziemlich eindrucksvoll steht er im Zentrum des Dieselhauses und gibt dem Gebäude seinen Namen.
Im Vorfeld meines Besuchs meldet sich leise Skepsis. Die Stadt hat schließlich genug Lokale, die Touristen aus dem Ausland mit pseudo-alpenländischem Flair locken. Spoiler: Das „Dieselhaus“ zählt nicht dazu. Die Mischung aus authentischem Industrial-Style und zünftiger Wirtshauskultur gelingt hier erstaunlich gut. Kein Widerspruch, sondern ein reizvolles Miteinander mit Liebe zum Detail. Die Holzmöbel aus alten Dachbalken des ursprünglichen Gebäudeensembles erzählen davon ganz nebenbei.
Krachende Kruste, flaumiger Knödel
Stadtgeografisch liegt das Restaurant an einer Stelle, an der Berlin gern zeigt, wie gut es Widersprüche nebeneinander aushält. Monbijoupark, Oranienburger Straße, ein paar Schritte bis Hackescher Markt, Museumsinsel, Berliner Dom, Friedrichstraße und Unter den Linden: Historisches Berlin und Ausgeh-Berlin bilden hier einen reizvollen Stadtraum, in dem das Forum an der Museumsinsel von Zeit, Geduld und Stadtgeschichte erzählt. Acht Gebäude gehören zu dem historischen Ensemble, das nach Umbau und Sanierung im Frühjahr 2023 feierlich eröffnet wurde. Der Gebäudeblock vereint historische Bausubstanz aus vier Jahrhunderten. Dazu zählt auch das zwischen 1910 und 1916 entstandene Telegraphenamt im neobarocken Stil. Seit einigen Jahren empfängt es Gäste als luxuriöse Herberge. Im Hotel Guide 2026 kürte Falstaff das „Hotel Telegraphenamt“ zum besten Designhotel in Deutschland. Vieles erinnert noch an die ursprüngliche Nutzung, hinzu kommen stilvolles Interieur und ein vielfältiges gastronomisches Angebot: Das „Root Bistro“ setzt abends auf Signature-Sushi und eine klassische Bistrokarte, die „Root Bar“ ist ein gepflegter Ort für lange Abende. Außerdem gehören die urbane Pâtisserie „L’oui Torcafé“ und das französisch angehauchte Café „Petit Bijou“ dazu – ebenso wie das „Dieselhaus“.
Ich stelle fest: Die bayerische Küche passt sehr gut zu Berlin. Vielleicht verbindet beide die „Mach’s-beste-daraus“-Mentalität. Oder das „Für-jeden-gibt-es-etwas“-Angebot. Selbst die Beschreibung „ehrliche Zutaten, wenig Chichi, viel Gemeinschaft“ lässt sich erstaunlich gut auf Berlin übertragen.
Auf den Obazda-Test folgt die Wurstsalat-Prüfung. Zu Hause kann Wurstsalat Resteverwertung sein, und manchmal soll er das auch bleiben. Hier wirkt er zünftig, aber ausgewogen komponiert: Regensburger Würste, rote Zwiebel, saure Gurke, Allgäuer Bergkäse. Nicht zu sauer, nicht zu schwer. Der Käse bringt Charakter, die Gurke setzt säuerliche Impulse, die Zwiebel gibt Kante. Die Boulette, die hier mit Spiegelei, Schmorzwiebeln, Kartoffelpüree und Jus serviert wird, besteht meinen Test ebenso mit Bravour.
Richtig ernst wird es beim Schweinsbraten, der Masterclass sozusagen. Ofenfrisch, vom Bauch, mit Krautsalat, Kartoffelknödel und Starkbier-Jus. Das klingt wie eine bayerische Selbstverständlichkeit, aber genau die braucht Gefühl und Erfahrung. Die Kruste muss krachen, darunter das Fleisch: zart und saftig. Der mild-flaumige Knödel ist der perfekte Gegenspieler zur Starkbier-Jus: kräftig, tief, dunkel. Das Urteil: Genau so soll es sein. Das Braumeister-Gulasch erzählt große Geschichten aus der Welt der Aromen, das Kabeljaufilet mit Senfsoße, Kartoffel-Meerrettich-Püree und Spinatsalat ebenso. Erfreulich: Das Wiener Schnitzel ist hier echt, also vom Kalb. Das gibt es in kleinerer Variante auch für Kinder.
Restaurant geht über zwei Etagen
Ob es wirklich eine gute Idee war, auf der Kinderkarte eine gezeichnete Kuh zu platzieren? Ich vermute, es sollte kein pädagogisches Angebot „Wo unser Essen herkommt“ sein, sondern die Kuh auf der Wiese als Symbol für ursprüngliches Bayern zeigen. Darüber könnte man diskutieren. Oder über die Frage, ob Allgäuer Käs’knöpfle mit geschmolzenen oder gerösteten Zwiebeln serviert werden sollten. Im „Dieselhaus“ kann der Gast wählen. Das ist besser als diskutieren.
Gerne hätte ich mich noch der Apfelstrudel-Challenge gestellt oder den Kaiserschmarrn probiert, um herauszufinden, ob die 20 Minuten Wartezeit für den zerpflückten Pfannkuchen wirklich ein Zeichen für frische Zubereitung sind. Aber es war nur noch Platz für etwas „Kräutriges“, wie die Rubrik auf der Getränkekarte heißt. Der „Odl“, ein naturtrüber Likör mit 21 Kräutern und 35,4 Volumenprozent Alkohol, schmeckt würzig-frisch. Mein Digestif stammt aus dem Chiemgau, wirbt mit „Huift gega Oiss – aa gega Nix!“ und wurde schon mehrfach prämiert. Ob ich nach einem zweiten Glas Kuhglockenläuten hören würde? Oder das leise Brummen des Dieselgenerators, der den Raum wie ein schlafender Riese beherrscht?
Über zwei Etagen erstreckt sich das Restaurant. Angetan bin ich von der Kamin-Ecke, die wohlig-warme Vorahnungen auf die kalte Jahreszeit weckt. Auch der Biergarten ist einladend. Besonders schön ist die Sonnenterrasse im Obergeschoss. Wer sagt denn, dass ein Bier kein Sundowner sein kann? Im Dieselhaus fließen Helles, Dunkles, Zwickl und Weißbier vom Hofbräuhaus Traunstein aus den Zapfanlagen. Leider gibt es keine Tastingboards für den Biertest. Dafür gibt es Zehn-Liter-Holzfässer mit Hellem, mit denen Gruppen ihren eigenen „O’zapft is!“-Moment feiern können. Auch deshalb versteht man schnell, warum das „Dieselhaus“ als Ort für Gruppen, Feiern und lange Abende funktioniert. Auch das aktuelle Public Viewing kommt gut an.
Für meine Verkostungsliste hat dieser Besuch Folgen. Neu hinzugekommen sind Spinatknödel und Rindertatar, zwei Gerichte, die erstaunlich viel über eine Küche verraten. Die einen zeigen, ob vegetarisch mehr sein darf als eine freundliche Ausweichlösung. Das andere zeigt, ob jemand mit bestem Fleisch sorgfältig und beherzt umgehen kann. Ich komme bestimmt wieder. Ich muss ja noch den Kaiserschmarrn testen.