Eine neue Kabinettausstellung in der Gemäldegalerie bringt Werke von Dorothy Iannone und Alejandra Pombo Su zusammen. Im Zentrum steht ein gezeichnetes Liebesgedicht.
Ein Gesicht füllt das Blatt. Aber zuerst spricht die Schrift. Große, kantige Buchstaben drängen über die Zeichnung, halb Manifest, halb Liebeserklärung, halb Störung. „Die Berliner Schönheiten“ steht dort auf Englisch, „oder: Mein sexuelles Verlangen regt meinen Geist so sehr an, dass ich mich rasend und ein für alle Mal in Danton verliebte.“ Dorothy Iannone zeichnet diese Figur nicht als stille Schönheit. Sie gibt ihr starre Augen, dunkle runde Wangen, ein ornamental gefülltes Gesicht und schwarze Strahlen, die aus dem Kopf schießen wie ein Heiligenschein unter Strom. Lust beginnt hier nicht nur im Körper. Sie sitzt im Denken. In der Sprache. In der Serie „The Berlin Beauties“, entstanden 1977 und 1978, macht Iannone aus Begehren eine Haltung, aus Schrift ein Bild, aus einem Zitat eine Selbstbehauptung. Die Zeichnung wirkt verspielt und radikal zugleich. Sie kokettiert nicht. Sie setzt Erotik, Liebe, Geist und Macht so dicht übereinander, dass man nicht mehr sauber trennen kann, was Bekenntnis, was Provokation und was Kunst ist.
Genau dort setzt die Ausstellung „Dorothy Iannone: The Berlin Beauties. Im Dialog mit Alejandra Pombo Su“ an. Bis zum 13. September treten dort zwei Künstlerinnen in Beziehung, die aus verschiedenen Generationen kommen und doch an ähnlichen Fragen arbeiten: Wie spricht ein Körper? Wo beginnt Verbundenheit? Was geschieht, wenn Verletzlichkeit nicht Schwäche bedeutet, sondern Kraft? Im Zentrum steht Iannones 70-teilige Zeichnungs- und Textserie „The Berlin Beauties“. Das Kupferstichkabinett besitzt diese Arbeiten seit 1988 und zeigt sie nun erstmals vollständig. Schon das ist mehr als eine kuratorische Notiz. Denn Iannones Werk war lange zu direkt, zu sinnlich, zu ornamental und zu eigensinnig. Man kann ihr Werk feministisch lesen. Aber Iannone lässt sich nicht auf ein Programm verkürzen. Sie erzählt ihr Begehren selbst: gezeichnet, geschrieben, gelebt, ausgeschmückt, überhöht. Manchmal komisch. Manchmal feierlich. Fast immer ohne Scheu.
Schönheit bedeutet hier Intensität
1933 in Boston geboren, kam die Künstlerin 1976 mit einem Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach West-Berlin und blieb. Die Stadt wurde für sie nicht nur Wohnort, sondern Resonanzraum, Bühne und Gegenüber. Kurz darauf schuf sie „The Berlin Beauties“, ein Künstlerinnenbuch aus Tuschezeichnungen und Texten, auf Deutsch und Englisch. Iannone montierte die Blätter auf schwarze Holzplatten. Der Untertitel klingt wie eine private Liebeserklärung an die Stadt, in der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2022 lebte: „Du hast ja keine Ahnung, wie schön du bist, Berlin.“ Diese Schönheit meint bei Iannone nie glatte Oberfläche. Sie meint Intensität.
Ihre Blätter kombinieren schwarze Tusche, Bleistiftspuren und gelegentlich Fotografie auf weißem Zeichenkarton. Gesichter, Körper, Schrift, Ornamente und Genitalien treten in ein dichtes Miteinander. Die Bilder zeigen Liebe, Verlangen, Alltag, Spiritualität, Witz und Pathos. Iannone verwandelt intime Erfahrung in eine Form, die zugleich alt und sehr modern wirkt: wie Ikone, Comic, Tagebuch und Liebesbrief.
Der Geliebte, den die Serie anspricht, trägt Züge einer imaginären Figur nach Georges Jacques Danton, einer zentralen Gestalt der Französischen Revolution. Zugleich weisen biografische Spuren auf Dieter Roth, den deutschen Fluxus-Künstler, den Iannone 1967 auf Island kennenlernte und der für Jahre ihre Muse wurde. Iannone erzählt autobiografisch, aber nie brav dokumentarisch. Sie nimmt das eigene Leben als Material und verwandelt es in Mythos, Bildsprache und Begehren.
Ihr Berlinbezug hat auch eine politische Schicht. Für eine Ausstellung in der Studiogalerie entwarf Iannone 1977 ein Siebdruckplakat, das auf die New Yorker Freiheitsstatue verweist, offiziell „Die Freiheit erleuchtet die Welt“. Iannone greift dieses Symbol nicht ehrfürchtig auf. Sie fragt weiter. Wem gilt dieses Freiheitsversprechen? Wer spricht darüber? Und wer darf den eigenen Körper darin wiederfinden? So verbindet sich die Ausstellung auch mit der Programminitiative „We the People“ der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum 250. Unabhängigkeitstag der USA.
Das Jubiläum schärft den Blick auf Freiheit als etwas, das in Bildern, Körpern, Geschichten und Sammlungen immer neu verhandelt werden muss.
Der Dialog mit Alejandra Pombo Su übersetzt diese Frage nicht einfach in die Gegenwart. Er bringt sie in Bewegung. Die Künstlerin wurde 1979 in Santiago de Compostela geboren und arbeitet zwischen Performance, Poesie, Video, Skulptur und Zeichnung. Sie kam über das Künstlerprogramm nach Berlin, wo sie seit 2025 arbeitet. Ihre Kunst kreist um Stimme, Körper, Raum, Wahrnehmung und Verwandlung. Sie erklärt nicht, was ein Körper ist. Sie fragt, was zwischen Körpern geschieht: zwischen Mensch und Tier, Materie und Umgebung, Klang und Gegenwart. Für die Ausstellung entwickelte Pombo Su die Arbeit „Ein Jahr der Hingabe“. Die 18 Zeichnungen verbinden Wasserfarbe, Schrift und eingelagerte Materialien wie Schmetterlingsflügel, Blütenblätter, Strasssteine oder Nagellack. Das klingt zart, fast dekorativ. Doch bei Pombo Su kippt Dekoration in Forschung. Die Materialien liegen nicht wie hübsche Reste auf dem Papier. Sie schreiben sich in die Körper- und Umweltgeflechte ein. Menschliche und tierische Lebensformen lösen ihre festen Konturen. Körper erscheinen nicht als abgeschlossene Figuren, sondern als Übergänge, Häutungen, Annäherungen. Man schaut auf diese Blätter und merkt: Hier geht es nicht darum, etwas sofort zu erkennen. Eher darum, sich für einen Moment von der Gewohnheit zu lösen, alles benennen zu müssen. Damit trifft Pombo Su Iannone nicht auf der Ebene der Ähnlichkeit. Sie imitiert nichts. Sie führt eine Frage weiter: Wie kann Zeichnung Denken in Gang bringen?
Mit Linien werden Grenzen verschoben
Beide Künstlerinnen nutzen Linien nicht nur, um Formen festzuhalten. Sie nutzen sie, um Grenzen zu verschieben. Bei Iannone drängt die Schrift durch das Bild, bis Begehren und Sprache dieselbe Energie teilen. Bei Pombo Su öffnen sich Zeichnungen zu Gefügen aus Körper, Tier, Stoff und Raum. In beiden Fällen entsteht Kunst dort, wo das Eindeutige nachgibt.
Am 4. Juli verlässt dieser Dialog das Papier. Um 15 Uhr präsentiert Pombo Su im Cranach-Saal der Gemäldegalerie ihre ortsspezifische Voice-Performance „Under Honey“. Erstmals erweitert sie ihre Solo-Performance durch die Zusammenarbeit mit einem Berliner Frauenchor, dem Feature Chor Berlin. Die Stimme wird Vibration, Bewegung und Raum. Sie löst sich vom Ursprung, breitet sich aus, trifft auf Architektur, Bilder und Menschen. So entstehen Klangräume, die nicht neben der Ausstellung stehen, sondern in sie hineinwirken. Diese Einladung zum Hineinspüren findet sich auch in ihren Bildern wieder. Ein Baum wird bei ihr zu einem verwundbaren Wesen mit rotem Stamm, dunklen Ästen und freigelegten Wurzeln. Eine nackte Figur lehnt sich an ihn und umfasst ihn mit beiden Armen, fast vorsichtig, fast suchend. Über ihr sitzen drei Vögel in den Zweigen, gelb, rosa, leicht entrückt, als gehörten sie zu einer anderen Ordnung. Alejandra Pombo Su zeichnet diese Szene zart und zugleich unruhig. Der Himmel wirkt ausgewaschen, die Erde offen, der Baum verletzlich. Nichts triumphiert hier. Und doch liegt in dieser Umarmung eine stille Beharrlichkeit. Die Figur hält sich an etwas Lebendiges, das selbst Wurzeln, Brüche und Wachstum zeigt. Hingabe meint hier keine Aufgabe des Selbst. Sie meint Annäherung. An etwas, das trägt, ohne einfach zu sein.