Bei Union Berlin gibt es nicht mehr viele Spieler, die der Club mit Verkäufen zu Geld machen kann. Ein junger Neuzugang für die Abwehr könnte vielleicht zu einem lukrativen Transferobjekt werden.
Im nächsten Sommer soll im Stadion an der Alten Försterei nicht der Ball im Mittelpunkt stehen, sondern der Bagger. Die Planungen sehen vor, dass nach der kommenden Saison mit dem Ausbau des Stadions begonnen werden soll. Sollte es tatsächlich so kommen, wäre die am 28. August beginnende Spielzeit 2026/27 die letzte in der „alten“ Arena. Union will dann im Übergangsjahr ins Olympiastadion ausweichen sowie auch für die ersten Europapokalspiele nach dem Bundesliga-Aufstieg. Für den Sommer 2028 ist dann die Rückkehr in die Alte Försterei geplant. Als eine Art Hommage an das eigene Stadion hat sich der Club bei der Gestaltung des neuen Heimtrikots etwas Besonderes ausgedacht: „Die geprägten Linien und Strukturen greifen die markante Dachkonstruktion auf und tragen so ein besonderes Stück Stadiongeschichte direkt in den Stoff“, schrieb der Club auf seiner Internetseite bei der Vorstellung des diesmal komplett in Rot gehaltenen Jerseys: „Das neue Heimtrikot versüßt schon jetzt den Sommer und verkürzt das Warten auf den nächsten Stadionbesuch.“
Kommt noch ein dritter Verteidiger?
Dann werden auch Marvin Friedrich und Zeno Van Den Bosch das neue Trikot tragen. Die zwei Innenverteidiger sind die beiden ersten offiziellen Neuzugänge der Sommer-Transferperiode – obwohl ihre Wechsel schon vor Monaten durchgesickert waren. Für Friedrich (30) ist es eine Rückkehr ohne großes Risiko, und auch beim Transfer des deutlich jüngeren Van Den Bosch (22) sehen die Verantwortlichen und der Spieler eigentlich nur Chancen. Beide Spieler kommen ablösefrei nach Berlin-Köpenick, was Sport-Geschäftsführer Horst Heldt noch etwas Handlungsspielraum für weitere Transfers lässt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Union noch einen dritten Innenverteidiger holt, denn der Club hat mit Diogo Leite und Danilho Doekhi zwei absolute Leistungsträger verloren. Ablösefrei – was besonders schmerzt. Während Friedrich als Soforthilfe gedacht ist, will man Van Den Bosch etwas Zeit zur Eingewöhnung und Entwicklung geben. Allerdings sind die Hoffnungen bei den Verantwortlichen groß, dass sich der von Royal Antwerpen kommende Belgier schon sehr schnell in die Startelf spielen kann.
„Zeno ist ein junger Spieler mit viel Potenzial. Er kann uns sofort helfen, weil er schon Erfahrung hat“, sagte Heldt: „Bei einer Topmannschaft in Belgien Stammspieler zu sein, zeigt, dass er Talent sowie Reife, Disziplin und Führungsqualitäten hat.“ Heldt schwärmte von den physischen Voraussetzungen des Neuzugangs, dessen Zweikampfstärke und Beweglichkeit. Bei Union soll Van Den Bosch diese Stärken nun weiterentwickeln. „Wir freuen uns, dass er seinen nächsten Karriereschritt bei Union machen will.“ Der Profi gab zu Protokoll, schon bei den ersten Gesprächen mit den Club-Verantwortlichen „ein gutes Gefühl“ bekommen zu haben. Auch das Drumherum bei Union passt für ihn. „Der Verein steht für Zusammenhalt, Entwicklung und klare Werte“, sagte er: „In diesem Umfeld möchte ich mich verbessern.“
In der abgelaufenen Spielzeit gewann Van Den Bosch 56 Prozent seiner Zweikämpfe, hier muss er vor allem körperlich noch zulegen. Die für einen Abwehrspieler eher schlanke Figur ist aber angesichts seines Alters auch natürlich. Spielerisch ist er schon weiter, 80 Prozent seiner Pässe kamen beim Mitspieler an. Er war zudem der Feldspieler mit den meisten Einsatzminuten seines Teams. Er ist sehr selten verletzt und flexibel einsetzbar, kann in der Dreier- und Viererabwehrkette spielen. Van Den Bosch absolvierte trotz seines jungen Alters insgesamt beachtliche 140 Pflichtspiele für Antwerpen, darunter waren sogar einige in der Champions League. Er gab sein Debüt für den Club bereits mit 18 Jahren, schnell konnte er sich dort einen Stammplatz erkämpfen. Größter Erfolg für ihn war die Saison 2022/23, als Antwerpen unter dem damaligen Trainer Mark van Bommel das Double aus Meistertitel und Pokalsieg holte. Für den belgischen Fußballverband hat er zudem im Juniorenbereich einige Länderspiele bestritten.
In Antwerpen hat er viel von Teamkollege Toby Alderweireld gelernt, der in der belgischen Nationalmannschaft 127 Länderspiele als Abwehrspieler bestritt. „Toby war sehr wichtig für meine Entwicklung“, sagte Van Den Bosch: „Er hat eine super Karriere hinter sich, und allein dadurch, ihm im Training und im Spiel zuzuschauen, kann man sehr viel lernen.“ Unions neuer Innenverteidiger hat schon früh das Interesse ausländischer Clubs auf sich gezogen, doch er gilt als sehr heimatverbunden. „Ich wollte Antwerpen nicht für das erstbeste Angebot verlassen“, sagte er einmal. Hinterlegt ist das Interesse zum Beispiel vom italienischen Club Lecce. Fehlende Ambitionen sind aber nicht das Problem des Belgiers, er will es im Profifußball weit bringen. Dafür lebt er inzwischen auch noch mal professioneller als in seiner Jugend, achtet noch stärker auf Dinge wie Ernährung und Regeneration. „Ich bin noch professioneller geworden.“
Schmales Transfer-Budget
Der 1,91 Meter große Van Den Bosch ist kein Sprinter, der die gegnerischen Stürmer im Laufduell abkocht. Sondern ein Abwehrspieler mit sehr gutem Stellungsspiel. Auch sein Spielaufbau kann sich sehen lassen, zumal der Rechtsfuß auch mit dem linken Fuß kaum Schwächen hat.
Damit wäre er eigentlich für die zentrale Position in der Dreier-Abwehrkette prädestiniert. Doch der neue Trainer Mauro Lustrinelli präferiert für hinten eigentlich eine Viererkette. Ob er diese taktische Variante aber tatsächlich umsetzt, bleibt abzuwarten.
Denn dafür benötigt er Innenverteidiger, die die etwas größeren Räume mit Schnelligkeit zulaufen können. Und diesbezüglich weisen nicht nur Van Den Bosch, sondern auch Friedrich und auch Leopold Querfeld ein kleines Defizit auf.
Apropos Querfeld: Hinter der Zukunft des Abwehrchefs bei Union gibt es inzwischen ein Fragezeichen. Spätestens seit der Pay-TV-Sender Sky berichtete, dass der Vertrag des Österreichers im kommenden Juni ausläuft, ranken sich Wechsel-Gerüchte um den Nationalspieler. Denn klar ist: Die Club-Bosse wollen einen dritten ablösefreien Abgang eines Stars innerhalb kürzester Zeit unbedingt verhindern. Also entweder verlängert Querfeld demnächst seinen Vertrag – oder interessierte Clubs dürften bei Heldt gern ein Kauf-Angebot hinterlegen. Da Querfeld nicht für die WM nominiert wurde, könnte die Sache nach Ende des Urlaubs an Fahrt aufnehmen – in die eine oder andere Richtung.
Dass es zuletzt keine größeren Transfereinnahmen mehr gab und der Kader generell an Marktwert verloren hat, das sind zwei Kritikpunkte an der Arbeit von Heldt. „Wir sind ein Verein, der ganz sicher auch davon lebt, Transfereinnahmen zu generieren. Das war in der Vergangenheit so und wird auch in der Zukunft so sein“, sagte Heldt: „Aber es muss nicht unbedingt jeder Spieler, der bei uns unter Vertrag ist, auch Geld bringen.“
Wichtiger sei es, die Klasse in der Bundesliga zu halten, denn das ist die größte Einnahmequelle dank entsprechender TV- und Sponsoring-Verträge.
Doch Heldt erkennt angesichts des schmalen Transfer-Budgets, das ihm in diesem Sommer zur Verfügung steht, dass größere Summen aus Spielerverkäufen auch das Einkaufen erleichtern würden. Die Hoffnung ist, dass der Club in ein, zwei Jahren Van Den Bosch zu Geld machen kann.