Die Kickers sind nach vier Jahren Regionalliga zurück in der 3. Liga. Der Erfolg trägt die Handschrift eines alten Bekannten – und stellt den Club vor größere Aufgaben.
Die Würzburger Kickers feiern die Rückkehr in die 3. Liga. Sie ist die sportliche Befreiung nach vier Jahren Regionalliga, nach vergeblichen Anläufen, nach dem bitteren Scheitern im Elfmeterschießen gegen Hannover 96 II im Vorjahr. Sie ist aber auch die Rückkehr in eine Welt, in der sich dieser Verein selbst längst verortet. Zwischen 2015 und 2022 spielten die Kickers sieben Jahre am Stück im Profifußball, in der 3. Liga und sogar in der 2. Bundesliga. Diese Zeit war kurz genug, um fragil zu bleiben, aber lang genug, um das Selbstverständnis am Dallenberg zu verändern.
Mit Schieles Rückkehr ging es aufwärts
Nach den Aufstiegsspielen gegen Lok Leipzig war deshalb mehr zu spüren als Erleichterung. 1:0 im Hinspiel, 2:1 im Rückspiel, zurück auf der nationalen Bühne. Würzburg feierte eine Art Wiederherstellung. Noch im Frühjahr hatte diese Saison nicht zwingend nach Aufstieg ausgesehen. Die Kickers standen weit oben, aber nicht ganz oben. Vor der Spielzeit wollte der Club kleinere Brötchen backen. Mit Marc Reitmaier hatte man einen regional verwurzelten Trainer geholt. Das Wort „Aufstieg“ stand zunächst nicht im Vordergrund.
Dass es am Ende doch so kam, hatte viel mit einer Entscheidung zu tun, die im März zunächst nicht ganz logisch wirkte. Reitmaier musste gehen, obwohl Würzburg auf Rang drei lag. Der Club griff zu, als sich die Möglichkeit ergab, Michael Schiele zurückzuholen. Schiele, der die Kickers schon von 2017 bis 2020 trainiert und sie damals in die 2. Bundesliga geführt hatte. Schiele, der nach dem Aufstieg früh entlassen wurde, was viele in Würzburg bis heute als einen Anfang des späteren Absturzes empfinden. Und Schiele, der nun wiederkam, als wäre er für diesen Verein nicht nur Trainer, sondern Erinnerung an bessere Tage.
Der Effekt war enorm. Seit Mitte März blieb Schiele mit den Kickers ungeschlagen. 15 Spiele, 13 Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage. In der Schlussphase wirkte Würzburg plötzlich nicht mehr wie ein Favorit mit Ballast, sondern wie eine Mannschaft, die ihren Lauf begriffen hatte. Schiele gilt als Menschenfänger, als Trainer, für den Spieler durchs Feuer gehen. Das bekam bei den Kickers eine konkrete Form. Jermain Nischalke, zuvor eher abgehängt, wurde plötzlich zum Aufstiegshelden. Acht Tore gelangen ihm in den letzten vier Ligaspielen, dazu der Treffer im Rückspiel gegen Leipzig. „Wir haben jede Minute an uns geglaubt“, sagte er nach der Partie.
Auch der Auftritt im Rückspiel passte dazu. Leipzig glich aus, Würzburg antwortete sofort. Cherif Cissé, gerade einmal 19 Jahre alt, erzielte das 2:1. Beim letzten Würzburger Drittliga-Aufstieg vor elf Jahren war er noch als Kind auf der Tribüne gewesen, sein Vater Lamine damals Co-Trainer. Am Ende herzten die Spieler sogar den eingeladenen Ex-Trainer Reitmaier. Es waren ungewöhnliche Szenen: der abgelöste Trainer als Teil der Freude, der zurückgekehrte Aufstiegstrainer als Hauptfigur.
Die Geschichte der Kickers ist auch eine Geschichte von Überhöhung und Absturz. Der erste Aufstieg in die 3. Liga 2015 entfachte eine Begeisterung, die lange nachwirkte. Später kam der Sprung in die 2. Bundesliga, dann folgte der Absturz aus der 2. Liga 2020/21. Innerhalb von zwei Jahren ging es hinunter in die Regionalliga. Das kurze Kapitel Felix Magath als Berater war da bereits Vergangenheit. Auch wirtschaftlich wurde es eng. Investor und Hauptgeldgeber Thorsten Fischer zog sich zurück. Als Dominik Möhler einstieg, stand der Verein Ende 2022 knapp vor dem finanziellen Zusammenbruch.
Dass die Kickers nun wieder oben sind, ist nicht nur eine sportliche Reparatur. Es ist auch der Beweis, dass der Verein nach den Brüchen handlungsfähig geblieben ist. In der Regionalliga Bayern wirkten die Würzburger oft wie ein kleiner Fußballriese und doch gezwungen, sich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten der 4. Liga anzupassen. Trotzdem stellte Sportdirektor Sebastian Neumann immer wieder starke Mannschaften zusammen. Nun darf er wieder in ein anderes Regal greifen.
Dort beginnt die eigentliche Arbeit. Die Drittliga-Lizenz ist gesichert, aber der Kader ist noch nicht fertig. Zwölf Spieler stehen bislang für die kommende Saison unter Vertrag, darunter Torwart Johann Hipper, Ebrahim Farahnak, Daniel Hägele, Dominik Meisel, Jermain Nischalke, Luke Hemmerich und Erol Zejnullahu. Tarsis Bonga und Philipp Ochs sollen gehalten werden. Marius Uhl und Cherif Cissé wurden verabschiedet, Peter Kurzweg beendet seine Profikarriere. Der Umbruch wird kommen, auch wenn ein Fundament steht.
Umbruch trotz Aufstieg
Das passt zu Schieles neuer Rolle. Durch den Aufstieg hat sich sein Vertrag automatisch bis 2028 verlängert. Anders als nach dem Zweitliga-Aufstieg 2020 ist er diesmal unantastbar. Gemeinsam mit Neumann soll er eine drittligareife Mannschaft aufbauen, nicht für eine kurzfristige Pointe, sondern für Stabilität. „Es geht darum, nachhaltig zu arbeiten“, sagt Vorstandsvorsitzender André Herber. Dominik Möhler formuliert das Ziel ähnlich klar: „Wir wollen die 3. Liga halten und alle Chancen nutzen, die sich bieten. Schritt für Schritt und alles zu seiner Zeit.“
Dieser Satz setzt den Rahmen. Würzburg ist nicht zurückgekehrt, um sofort wieder groß zu träumen. Der Club ist zurückgekehrt, um zu bleiben. Dafür muss er auch abseits des Rasens wachsen. Vier Jahre Regionalliga haben Spuren hinterlassen. Strukturen wurden angepasst, Ausgaben reduziert, vieles wieder kleiner gedacht. Nun muss der Verein wieder professioneller werden. Auch die Akon Arena ist zwar drittligatauglich, aber in die Jahre gekommen. Ein Umbau steht mittelfristig im Raum, dazu soll ein neues Trainingszentrum entstehen.
Der Aufstieg löst nicht alle Probleme, er verschiebt sie nur in eine bessere Liga. Aber er gibt Würzburg wieder Richtung. Die Kickers haben erlebt, wie schnell ein Traum kippen kann, wenn Anspruch, Geld und sportliche Realität auseinanderlaufen. Sie haben auch erlebt, wie lange es dauert, einen verlorenen Platz zurückzuerobern. Nun kehren sie mit einem Trainer zurück, der ihre besten Jahre geprägt hat und den Glauben an diese Mannschaft neu entzündete. Es ist der Versuch, aus der eigenen Geschichte zu lernen: nicht kleiner sein zu wollen, als man ist, aber auch nicht größer zu tun, als man schon wieder sein kann.