Hasan Ismaik kam 2011 als Retter zum TSV 1860 München. 15 Jahre später steht der Club wieder vor Zwangsabstieg, Schulden und möglicher Insolvenz – und vor der alten Frage, wem die Löwen eigentlich gehören.
Am Anfang dieses neuen Abschnitts stand ein vertrautes Bild: Die Löwen waren wieder da, aber kleiner, beschädigter, notdürftig. Kein Kevin Volland, kein Florian Niederlechner, keine Drittliga-Mannschaft. Stattdessen Nachwuchsspieler und Talente, deren Namen viele Fans lernen müssen. Beim Trainingsstart an der Grünwalder Straße kamen trotzdem fast 400 Zuschauer. „Einmal Löwe, immer Löwe“ hallte es über den Platz. Der Verein lebt also noch. Nur ist beim TSV 1860 das seit Jahren die kleinste aller Nachrichten.
Die größere Frage lautet, in welcher Form er weiterlebt. Nach dem wirtschaftlichen Verlust der Drittliga-Lizenz, dem Gang in die Regionalliga Bayern und der Kündigung des Kooperationsvertrags mit Hasan Ismaiks HAM International Limited wirkt die Lage wie ein Ende. Tatsächlich ist sie wohl eher der Beginn der nächsten Auseinandersetzung. Der Stammverein will sich lösen. Der Investor aus Jordanien will sein Investment nicht kampflos aufgeben. Dazwischen stehen eine Spielbetriebsgesellschaft, der die Insolvenz droht, eine offene KGaA und eine Fanbasis, die endlich Ruhe sucht.
Keine Einigung in Sicht
Um zu verstehen, warum das so kompliziert ist, muss man zurück ins Jahr 2011. Damals befand sich 1860 in einer existenziellen Krise. Der Club hatte da schon viel von seiner alten Größe verloren, auch wenn er als Gründungsmitglied der Bundesliga, Pokalsieger und Deutscher Meister eine große Geschichte besitzt. Doch die Allianz Arena, gemeinsam mit dem FC Bayern errichtet, wurde nach dem Abstieg 2004 zur wirtschaftlichen Falle. Als Zweitligist konnte 1860 die Dimensionen und Kosten dieses Stadions nicht tragen. Der Verein gab seine Anteile ab, wurde Mieter und verlor weiter Luft.
In diese Lage kam Hasan Ismaik. Bei seiner Vorstellung in der Allianz Arena sagte er auf die Frage nach seiner Tätigkeit: „Erst habe ich studiert, dann wurde ich Kaufmann.“ Sehr viel mehr wussten damals offenbar auch viele Verantwortliche nicht über ihn. Der heute 48-Jährige handelte erfolgreich mit Immobilien und Öl und wurde 2014 vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ als erster Milliardär Jordaniens genannt. In München war er von Beginn an Projektionsfläche: Retter, Fremdkörper, Geldgeber, Störfaktor, Hoffnungsträger. Sein Einstieg verhinderte 2011 die Insolvenz. Ismaik übernahm Anteile an der KGaA, brachte Kapital und half später immer wieder bei der Lizenzierung. Seine Firma HAM, benannt nach Hasan Abdullah Mohamed, wurde eigens für die Beteiligung am TSV 1860 gegründet. Sie hält 60 Prozent an der KGaA, verfügt wegen der 50+1-Regel aber nur über 49,9 Prozent der Stimmrechte. Dazu kommt Ismaiks Münchner Firma HI Squared, über die er die Merchandising GmbH des TSV 1860 besitzt. Schon diese Konstruktion zeigt, warum bei 1860 jede sportliche Frage zur Eigentumsfrage wird.
Mehrheit ist nicht gleich Mehrheit
Ismaik spricht stets von mehr als 80 Millionen Euro, die er in den Club gesteckt habe, darin enthalten auch die 18 Millionen Euro Kaufpreis für die Anteile. Ohne dieses Geld hätte es den TSV 1860 in seiner heutigen Form womöglich nicht mehr gegeben. Das macht die Bilanz schwer. Ismaik war nie nur derjenige, der den Verein lähmte. Er war auch derjenige, der ihn mehrfach am Leben hielt. Aber mit jedem Darlehen wuchs die Abhängigkeit, mit jeder Rettung der Konflikt über die Frage, wer am Ende wirklich entscheidet.
Genau darin liegt der Kern der Posse. Die HAM besitzt die Mehrheit der Anteile, nicht aber die Stimmenmehrheit. Der e. V. pocht auf seine Eigenständigkeit, Ismaik auf mehr Einfluss, strengere Kontrollen und professionellere Strukturen. Präsidenten kamen und gingen, aber der Machtkampf blieb. 50+1 wurde bei 1860 zum Dauerreizwort. Ismaik beschreibt es inzwischen selbst mit Wut und Spott: „Wenn ich Kaffeemaschine sage, sagen sie 50+1, seit 15 Jahren. Ich habe null Macht bei 1860.“
Der erste große Bruch kam 2017. Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga verweigerte Ismaik die Finanzierung der Drittliga-Lizenz. Die Löwen stürzten in die Regionalliga, schafften zwar den direkten Wiederaufstieg, aber das Trauma blieb. Nun hat sich dieses Muster wiederholt. Zur Drittliga-Lizenz fehlten diesmal 2,7 Millionen Euro. Auslöser war die Kündigung bestehender Darlehensverträge durch Ismaik beziehungsweise HAM. Weitere Finanzhilfen soll Ismaik mit sieben Forderungen verknüpft haben; bekannt wurden unter anderem Forderungen nach strengeren Finanzkontrollen und einer Restrukturierung. Vereinspräsident Gernot Mang sagte, diese Forderungen seien für die Löwen nicht erfüllbar gewesen.
Ismaik widerspricht der Darstellung, er habe den Club fallen gelassen. Nach Informationen des „Kicker“ organisierte er am 3. Juni eine Finanzierung über 2.300.871 Euro. Seine Botschaft: Der Betrag für die Lizenzrettung sei vorhanden gewesen. Ismaik sagte: „Wir hatten alles fertig, um das Geld zu transferieren.“ Man habe auf die Unterschrift unter den gemeinsam verhandelten Vertrag gewartet. „Dann waren wir überrascht, als wir um 2.40 Uhr morgens eine E-Mail bekommen haben mit einem anderen Vertrag. Das haben sie in 15 Jahren oft mit uns gemacht.“ Der Vorwurf des Investors ist klar: Er habe zahlen sollen, aber ohne echte Mitsprache. „Mich interessieren diese Spielchen nicht. Mich interessiert nur 1860 München“, sagte Ismaik. Aus Sicht des e. V. war genau dieser Moment die Bestätigung, dass diese Partnerschaft nicht länger tragfähig ist. Kurz nach dem Lizenzdebakel kündigte der Stammverein den Kooperationsvertrag mit der HAM International Limited. Viele Fans feierten das als Befreiung. Nur ist Befreiung bei 1860 selten einfach.
Denn Ismaik ist nicht weg. Er hält weiter 60 Prozent an der KGaA. Er hat angekündigt, die Kündigung juristisch prüfen zu lassen. Er reiste selbst nach München, an seiner Seite der frühere CSU-Politiker und Jurist Peter Gauweiler. Es geht nun nicht mehr nur um Regionalliga oder 3. Liga. Es geht um Deutungshoheit, mögliche Schadenersatzforderungen und vielleicht um jahrelange juristische Auseinandersetzungen. Ismaik sagt: „Unverändert steht das Geld auf einem deutschen Konto zur Verfügung. Wir reichen die Hand und suchen eine Lösung.“
Das Stadion bereitet Probleme
Auf der anderen Seite laufen die Vorbereitungen längst so, als müsse die Zukunft ohne ihn geplant werden. Aus dem Kader der abgelaufenen Saison blieben nur wenige Spieler übrig. U21-Coach Alper Kayabunar leitete die ersten Regionalliga-Einheiten. Gleichzeitig steht eine neue Spielbetriebs-GmbH im Raum, die perspektivisch die bisherige KGaA-Struktur ersetzen könnte. Jetzt wirkt dieser Plan wie der Versuch, aus dem Zusammenbruch eine neue Ordnung zu bauen.
Doch auch darin steckt ein Risiko. Das Grünwalder Stadion ist für viele Löwenfans Heimat, wirtschaftlich aber kein idealer Profifußball-Standort. Namensrechte, Business Seats und Logen fehlen weitgehend. Gleichzeitig wurden in den Budgetplanungen regelmäßig Millionenlöcher einkalkuliert, um den Kader aufzurüsten und die Chance auf den Aufstieg in die 2. Bundesliga zu erhöhen. So entstand eine sportliche Wette auf Pump. Diesmal platzte sie.
Deshalb reicht es nicht, Hasan Ismaik einfach zum Alleinschuldigen zu erklären. Er hat 1860 gerettet, abhängig gemacht, gestützt, blockiert, gereizt und geprägt. Aber der Verein hat seine eigene Geschichte aus Fehlentscheidungen, teuren Hoffnungen, internen Machtkämpfen und strukturellen Schwächen. Der Club wollte das Geld des Investors, aber nicht dessen Macht. Der Investor wollte Einfluss, bekam ihn nur begrenzt und machte seine Hilfe immer wieder zum Druckmittel. 50+1 schützte den Verein vor vollständiger Fremdbestimmung, löste aber nicht das Problem, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit längst entstanden war.
Die Regionalliga kann sportlich ein Neustart sein, vielleicht sogar emotional. Sie kann den Verein näher an seine Basis rücken. Aber strukturell ist sie kein Heilsversprechen. Die KGaA ist offen, die Finanzierung ungeklärt, die Eigentümerfrage nicht beantwortet. Und solange Ismaik sein Investment verteidigt, bleibt der Kampf um die Zukunft des TSV 1860 ein offener Konflikt. Die Löwen leben, ja. Aber sie tragen die Last von 15 Jahren Investorenehe, in der Rettung und Abhängigkeit, Geld und Misstrauen untrennbar ineinandergeraten sind. Wer 1860 künftig verstehen will, muss genau dort beginnen: bei einem Verein, der wieder frei sein will, aber noch nicht weiß, wie Freiheit bezahlt werden soll.