Tobias Strobl soll das Projekt Wiederaufstieg beim VfL Wolfsburg anleiten. Der Trainer ist gerade mal 38 und hat nur ein Jahr Drittliga-Erfahrung. Doch das war beeindruckend. Und sein Club hat sich zur wahren Trainer-Schmiede entwickelt.
Der SC Verl hat sich in den vergangenen Jahren zu einer eindrucksvollen Trainer-Schmiede entwickelt. Im Februar 2022 verpflichteten die Ostwestfalen den damals erst 36 Jahre alten Mitch Kniat aus der Zweiten Mannschaft des SC Paderborn. Der rettete die Klasse in der 3. Liga, wurde anschließend Zehnter und ging zum Nachbarn Arminia Bielefeld, den er in die 2. Liga und sogar ins DFB-Pokalfinale führte. In Verl übernahm dafür Alexander Ende, den Sportchef Sebastian Lange in der U19 von Borussia Mönchengladbach entdeckt hatte. Ende schaffte als Zwölfter eine sorgenlose Saison, wurde dann sogar Siebter und ging zum Zweitligisten Preußen Münster. „Perlentaucher“ Sebastian Lange – damals vor seinem Wechsel nach Paderborn noch im Amt – holte Tobias Strobl, 37, der davor in der Zweiten Mannschaft des FC Augsburg tätig war. Und lag wieder richtig! Viele in der Szene fragen sich seitdem, ob die Auswahl der Trainer in Verl so gut ist oder ob das Umfeld so gut ist, dass sie sich dort alle toll entwickeln können. Die Antwort ist wohl einfach: Beides!
„Für den Wechsel muss ich Verl und Sebastian Lange dafür danken, dass sie so datenbasiert arbeiten“, sagte Strobl im Winter im „Kicker“: „Dadurch kamen sie auf meinen Namen, denn beim Ballbesitz und dem Pressingwert PPDA (Passes per defensive action, Anm. d. Red.), worauf hier Wert gelegt wird, war ich in den vergangenen Jahren mit meiner Mannschaft nicht so verkehrt. Daher war mein Name irgendwann präsent und es kam zum Erstkontakt, ich bin mit Sebastian mal Kaffee trinken gegangen. Wir haben uns menschlich geschätzt und sind im Austausch geblieben. Irgendwann kam dann der Anruf, bei dem es ernster wurde.“ So findet sich sicher auch ein würdiger Nachfolger, den heute vielleicht auch nur Insider kennen. „Ich bin mir sicher, dass eines Tages ein Nachfolger für mich kommt, der bei seiner vorherigen Station den höchsten Ballbesitz hatte und einen herausragenden PPDA-Wert“, sagte Strobl im „Kicker“-Interview: „Den könnte man vermutlich jetzt schon identifizieren.“
Heikle Mission beim Absteiger
Was für Verl freilich den Pferdefuß hat, dass Trainer meist nicht lange zu halten sind. Strobl wurde mit dem SC Sechster, spielte als Tabellenführer nach dem 20. Spieltag sogar lange um den Aufstieg mit. Und blieb im Gegensatz zu seinen Vorgängern sogar nur eine einzige Saison. Denn nachdem sein Name schon bei einigen Erst- und Zweitligisten wie Eintracht Frankfurt oder Arminia Bielefeld gehandelt wurde, holte ihn nach dem ersten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte der VfL Wolfsburg. Dass Strobl das macht, ist karrieretechnisch sinnvoll. Er wird nicht nur deutlich mehr verdienen. Medial ist die Aufregung in der VW-Stadt normalerweise nicht allzu groß – auch wenn das Abstiegsjahr zumindest in Teilen doch auch das Gegenteil bewies. Vor allem aber übernimmt er einen Club mit einer ambitionierten Mannschaft und einer realistischen Chance, im Jahr darauf schon in der Bundesliga zu spielen. Da spielten die Wölfe zuvor seit 1997 ununterbrochen. Gemeinsam mit dem 1. FC Kaiserslautern – der in der darauffolgenden Saison den historischen ersten Meistertitel als Aufsteiger holte – war der VfL vor 29 Jahren aufgestiegen. Und nie wieder abgestiegen. Zweimal war es knapp. In der Relegation 2017 und 2018 gegen Holstein Kiel und Eintracht Braunschweig. Bevor es nun in der dritten Relegation gegen den SC Paderborn schiefging, hatten die Niedersachsen aber auch viele Highlights erlebt. Natürlich vor allem die Meisterschaft 2009 mit Trainer Felix Magath und dem magischen Offensiv-Dreieck aus Edin Džeko, Grafite und Zvjezdan Misimović. Aber auch das Jahr 2015 mit dem DFB-Pokalsieg und der deutschen Vize-Meisterschaft. Oder in der Saison darauf, als der VfL bei einer von drei Champions-League-Teilnahmen das Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid mit 2:0 gewann. Auch wenn das Rückspiel mit 0:3 verloren ging, erinnern sich daran nach dem legendären 5:1 gegen die Bayern in der Meister-Saison sicher die meisten Fußball-Fans bundesweit, wenn es um Wolfsburg geht.
Auch Stars fanden immer wieder den Weg in die VW-Stadt. Neben Džeko, Grafite oder Misimović zauberten auch Kevin De Bruyne, Mario Mandžukić oder Ivica Olić in Grün. Es verteidigten brasilianische Stars wie Naldo, Luiz Gustavo oder Josué als Meister-Kapitän 2009. Nationalspieler wie Julian Draxler, André Schürrle, Stefan Effenberg oder Thomas Hitzlsperger spielten am Mittellandkanal, auch Hasan Salihamidžić schlug zum Karriereende noch mal seine Zelte in der Volkswagen Arena auf. Manager wie Klaus Allofs oder Jörg Schmadtke prägten den Verein. Auf der Bank saßen prominente Namen wie Eric Gerets, Armin Veh, Oliver Glasner, Mark van Bommel, Bruno Labbadia, Ralph Hasenhüttl oder Niko Kovač. So farblos, wie Kritiker es glauben machen wollen, war der VfL also nie.
Dennoch war die Häme groß, als es den Werksverein nun erstmals mit dem Abstieg erwischte. Doch auch wenn ein Abstieg per se nie etwas Gutes ist, könnte es dem Verein doch zur wichtigen Neuaufstellung dienen. Schließlich war nicht nur die vorherige Saison verkorkst, die bislang letzte richtig gute war 2020/21, als der VfL mit Glasner Rang vier erreichte. Seitdem ging es stetig bergab. Der Abstieg nun, mit dem wohl bis zum Abpfiff in Paderborn kaum jemand in Wolfsburg ernsthaft gerechnet hat, war einfach die Quittung.
Zusammenarbeit mit Hecking
Trainer Dieter Hecking, der die Wolfsburger 2015 und 2016 während der zweiterfolgreichsten Zeit trainierte und nun als vermeintlicher Retter den Klassenerhalt nicht mehr schaffte, soll den Umbau als Geschäftsführer Sport anleiten. Der 61-Jährige ist sicher ein gutes Pendant zum 23 Jahre jüngeren Strobl. „Er hat noch nie in der 2. Liga gearbeitet. Aber ein Trainer, der weiß, wie er spielen will, kann das, egal in welcher Liga“, sagte Hecking: „Ich hätte auch einen 68-Jährigen holen können und hätte keine Garantie, dass es klappt. Aber es geht nicht um alt oder jung. Tobi hat schon 13 Jahre Erfahrung als Trainer. Und es gab zuletzt auch bei den jüngeren Trainern viele positive Beispiele wie Merlin Polzin, Fabian Hürzeler, Ralf Kettemann oder Vincent Wagner.“
Man habe sich mit mehreren Trainern getroffen, „und die anderen waren auch gut. Aber bei Tobi war etwas, was uns noch mehr abgeholt hat.“ Strobl selbst gibt sich demütig und empfindet es als positiv, den erfahrenen Hecking an seiner Seite zu wissen. Vielleicht so ähnlich wie Bundestrainer Julian Nagelsmann (ebenfalls 38) mit Sportdirektor Rudi Völler (66) bei der Nationalmannschaft ein kongeniales Duo bildet. „Ich sehe es nicht als Risiko, dass mein Vorgänger nun mein Vorgesetzter ist, sondern als große Chance“, sagte Strobl: „Es wäre fahrlässig, nicht auf seine Erfahrung und sein Wissen zurückzugreifen.“
Doch Strobl war nicht nur Heckings Wahl. Sportdirektor Pirmin Schwegler hatte schon viel Vorarbeit in der Trainerfrage geleistet. „Und als klar war, dass Dieter nicht als Cheftrainer weitermacht, habe ich ihm vier oder fünf Kandidaten präsentiert“, erzählte er: „Dabei habe ich ihm nur eines mitgegeben: Bitte gib Tobi die Möglichkeit, dich zu überzeugen!“
Strobl bekam sie – und nutzte sie. Und hat nun die Chance, den wohl klarsten Favoriten seit Jahren in der 2. Liga trainieren zu dürfen. „Von außen ist klar, wer der Favorit ist“, sagte Hecking: „Das werden wir auch nicht verhindern können. Aber wir müssen uns erst einmal auf den Weg machen.“
Doch schon kurz nach dem Abstieg stellten die Wölfe die ersten Weichen für die Mission direkter Wiederaufstieg. Aus Augsburg kehrte Elvis Rexhbeçaj mit der Erfahrung von über 200 Erstliga-Spielen zurück. Aus Darmstadt kam der schottische Stürmer Fraser Hornby, der im Vorjahr bei 25 Zweitliga-Einsätzen an 20 Treffern beteiligt war. Zudem standen die Wechsel des Hamburgers Robert Glatzel und des Berliners Fabian Reese schon so gut wie fest.
Ex-Nationalspieler wie Maximilian Arnold oder Yannick Gerhardt dürften bleiben. Das alles spricht für eine für Zweitliga-Verhältnisse überragend gute Mannschaft. Und sie wird wohl auch einen ganz starken Trainer haben.