Onlineportale dominieren heute weite Teile der Sexarbeit. Dennoch gibt es Kunden, die bewusst den persönlichen Eindruck vor Ort suchen. Ramon gehört zu ihnen und macht regelmäßig Halt an einem der letzten traditionsreichen Straßenstrichs Berlins.
Es gibt in Berlin noch zwei, drei Straßen, in denen Sexarbeitende bei jedem Wetter ihre Dienste anbieten. Aber die Auswahl, die fast ausschließlich aus Frauen besteht, ist eher überschaubar. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Angebot der „Freischaffenden“ größtenteils ins Netz verlagert. Dort können sich Sexarbeitende besser präsentieren und sind vor allem auch sicherer unterwegs, gerade in den Nachtstunden.
Die Entwicklung ist dabei keineswegs auf Berlin beschränkt. Auch in anderen deutschen Großstädten berichten Beratungsstellen und Interessenvertretungen seit Jahren davon, dass immer mehr Kontakte zunächst online angebahnt werden. Die digitale Präsenz ermöglicht es vielen Sexarbeitenden, ihre Dienstleistungen gezielter anzubieten und bereits vor einem Treffen grundlegende Absprachen mit potenziellen Kunden zu treffen. Für viele Frauen bedeutet das ein höheres Maß an Kontrolle über ihre Arbeit und die Möglichkeit, problematische Anfragen frühzeitig auszusortieren. Dennoch hat die Straße als Arbeitsort bis heute nicht vollständig ausgedient. Gerade spontane Kundschaft, die nicht gezielt nach bestimmten Angeboten sucht, findet sich nach wie vor dort ein.
Einer dieser noch funktionierenden Straßenstriche in Berlin liegt zwischen den Ortsteilen Schöneberg und Tiergarten, im Bereich Genthiner Straße und Kurfürstenstraße. Es dürfte wohl bundesweit das Paradies der Bordsteinschwalben mit der längsten Tradition sein. Bereits vor 100 Jahren, mit Beginn der Weimarer Republik, standen hier schon offiziell Frauen und sehr versteckt auch Männer und warteten auf ihre Kundschaft.
Bei einer Stippvisite trifft das FORUM-Reporterteam Ramon*, der hier regelmäßig unterwegs ist. „Wenn man so will, bin ich ein echter Blick-Ficker, ich muss die Ladys real sehen“, erzählt der Mann. In Zeiten von unüberschaubaren Angeboten im Netz ist er eher eine Ausnahme. Allerdings fährt er nicht gezielt hierher, die Genthiner Straße liegt auf seinem Arbeitsweg. Nachmittags auf dem Rückweg macht er hier gern einmal eine kleine Pause.
„Am Ende bei 300 bis 400 Euro“
Am Rechner oder Smartphone entsprechende Angebote zu sondieren, ist ihm zu langweilig und kommt aus zwei weiteren Gründen nicht infrage. „Von der Arbeit aus schon gleich mal gar nicht, da würde es sofort eine Abmahnung geben, unsere IT ist sehr wachsam. Und von zu Hause auch nicht, ich bin glücklich verheiratet, habe zwei Kinder, das wäre echt assi“, so Ramon.
Außerdem komme hinzu, dass er Frauen in natura sehen möchte – wie sie sich bewegen, wie sie auftreten und wie sie tatsächlich aussehen. Fotos oder Videohäppchen im Netz turnen ihn überhaupt nicht an. „Das kennt doch jeder, der schon mal bei Tinder unterwegs war. Im Netz fallen dir echt die Augen aus dem Kopf vor Begeisterung, dann beim Treffen fällst du echt vom Glauben ab“, erzählt der Mann Anfang 40.
Dabei gibt er selbst zu, dass er, als er noch nicht verheiratet war, seine Bilder ebenfalls „ein bisschen aufgepeppt“ und es mit dem Alter nicht immer ganz so genau genommen habe.
„Im professionellen Bereich haben die Ladys heute natürlich ganz andere technische Möglichkeiten und darauf habe ich keine Lust. Ich muss die Frauen sehen, ihre Stimme hören, halt die ganz natürlichen Dinge, auf die man als Mann so achtet.“ Doch da wären ja dann noch klassische Bordelle, entsprechende Saunen oder einschlägige Clubs. Ramon winkt ab. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht leisten, da bist du am Ende bei 300, 400 Euro, eher mehr.“
Wobei er betont, dass es ihm auf keinen Fall um Billigsex geht. Er wolle mögliche Zwangslagen von Frauen keinesfalls zusätzlich ausnutzen. „Wenn ich die Frauen anspreche, merke ich sehr schnell, ob sie das wirklich freiwillig machen.“
Das heißt laut Ramons Aussage auch, dass er nicht über Preise diskutiert, sondern die aufgerufene Summe akzeptiert. „Also ein Kurzbesuch, Standardnummer, kostet derzeit um die 50 Euro, können aber auch schon mal 80 Euro sein, das kann ich mir einmal die Woche leisten.“
Damit meint er Geschlechtsverkehr mit Kondom, der etwa 15 bis 20 Minuten dauert. Für eine Stunde muss man laut Auswertungen entsprechender Interessenvertretungen sexarbeitender Frauen im Schnitt bereits rund 150 Euro auf den Tisch legen, wohlgemerkt für normalen Geschlechtsverkehr mit Kondom.
Nach Angaben von Branchenvertretern spielen bei der Preisgestaltung heute viele Faktoren eine Rolle. Neben der Dauer eines Treffens beeinflussen unter anderem Lage, Tageszeit, Nachfrage und persönliche Erfahrungen der Anbieterinnen die Höhe der Preise. Während sich einige Kunden gezielt über Onlineportale informieren, verlassen sich andere weiterhin auf den direkten persönlichen Eindruck vor Ort. Gerade auf dem Straßenstrich entscheiden oftmals wenige Minuten darüber, ob ein Kontakt zustande kommt oder nicht.
Doch was sind eigentlich seine Vorlieben? Ramon grinst und winkt erneut ab. „Ich habe das Glück, dass ich ein absoluter Freund von Blümchensex bin und keine besonderen Wünsche habe. Ich stehe auf ganz normalen Sex.“ Da stellt sich die Frage, warum er dann überhaupt zu anderen Frauen geht. Das könnte er schließlich auch mit seiner eigenen Frau haben. Ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht und er verweist auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen. „Ich glaube, das Phänomen gibt es, seitdem es uns Menschen gibt. Frauen sind von Natur aus Sammlerinnen und haben den Kümmerinstinkt, schon wegen der Kinder. Wir Männer sind nun mal Jäger und wollen Beute machen. Außerdem brauchen wir ab und zu eine Eroberung für unser Selbstbewusstsein.“
Eine Aussage, die wie eine Kampfansage an Feministinnen klingt und bereits in den 1960er-Jahren von Sexualwissenschaftlern weitgehend widerlegt wurde. Auch Frauen definieren ihr Selbstwertgefühl unter anderem über wahrgenommene Begehrlichkeit, und daran hat sich bis heute wenig geändert, wie zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen.
Doch hat sich bei den sexuellen Vorlieben der Männer durch die Digitalisierung tatsächlich etwas verändert? Die politische Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD), Johanna Weber, die nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten als „Hure“ tätig ist, muss bei dieser Frage zunächst lachen. Auch wenn sie Ramons Einordnung von Männern als Jägern und Frauen als Sammlerinnen für ziemlich affig hält, sieht sie bei den grundsätzlichen sexuellen Vorlieben der Menschen kaum Veränderungen.
„Bei den sexuellen Vorlieben hat sich für meine Begriffe nichts geändert, das kann es eigentlich auch gar nicht. Homosexualität zum Beispiel gab es schon in der Antike. Dass Frauen durch Östrogen und Männer durch Testosteron in ihrem Sexualverhalten beeinflusst werden, ist ein biologischer Fakt.“
Vorlieben sind sichtbarer geworden
Damit meint Johanna Weber, die heutigen sexuellen Spielarten gab es bereits vor Tausenden von Jahren. Neu sei vor allem die Sichtbarkeit dieser Vorlieben. Durch das Internet seien Informationen, Bilder und Videos heute praktisch jederzeit verfügbar. Was früher in Nischen existierte oder nur in speziellen Magazinen, Filmen oder einschlägigen Geschäften zu finden war, ist inzwischen mit wenigen Klicks erreichbar.
Heute sind Analverkehr oder Fisting einer wesentlich breiteren Öffentlichkeit bekannt als noch in der Zeit vor dem Internet. Damals musste man gezielt in einem Sexshop nach entsprechenden Filmen oder Magazinen fragen. Heute genügen ein Smartphone und ein Internetzugang. Nach Ansicht Webers bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass sich die sexuellen Wünsche der Menschen grundlegend verändert haben. Vielmehr seien zahlreiche Vorlieben eben sichtbarer geworden. Menschen könnten heute leichter Gleichgesinnte finden, Informationen austauschen oder bestimmte Interessen ausleben. Dadurch entstehe schnell der Eindruck, Sexualität habe sich grundlegend gewandelt. Tatsächlich würden jedoch häufig nur Dinge sichtbarer, die es schon immer gegeben habe.
Damit hätten sich nach ihrer Einschätzung auch die Vorlieben von Freiern auf der Straße, in Clubs oder Saunen nicht grundlegend verändert. Die Technik habe neue Wege der Kontaktaufnahme geschaffen, die menschlichen Bedürfnisse seien dagegen erstaunlich konstant geblieben.
Eine Einschätzung, die auch Andreas Kirchen aus dem Bereich Pornofilmproduktion und Vertrieb im FORUM-Interview bestätigt. Für viele Branchenkenner ist genau dieser Gegensatz bemerkenswert: Während sich die technischen Möglichkeiten in rasantem Tempo entwickeln, verändern sich die grundlegenden Wünsche und Fantasien der Menschen nur sehr langsam. Die Digitalisierung hat den Zugang zu sexuellen Inhalten revolutioniert, nicht aber die menschliche Sexualität selbst. Gerade darin liegt für viele Beobachter eine der interessantesten Entwicklungen der vergangenen Jahre.