In der öffentlichen Debatte gibt es oft keine Differenzierung zwischen Zwangsarbeit und Freiwilligkeit. Dabei ist das Arbeitsumfeld in der Sexarbeit extrem vielfältig. Der Verein Aldona hilft, unseren Blick zu weiten.
Können Sie die Arbeit von Aldona in wenigen Sätzen beschreiben? Welche Menschen wenden sich an Sie?
Aldona e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit zwei Fachberatungsstellen. Zielgruppe der Beratungsstelle für Migrantinnen sind Frauen, die von Gewalt betroffen sind – darunter auch Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Die Beratungsstelle für Prostituierte ist Anlaufstelle für Frauen, die im Saarland in der Sexarbeit tätig sind oder waren. Beide Beratungsstellen bieten Beratung, Unterstützung und Begleitung.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag konkret aus?
Im Zentrum steht die Beratungsarbeit mit den Klientinnen. Hierzu gehören persönliche oder telefonische Beratungsgespräche, sowie Kontakte mit Dritten zur Interessenvertretung und Begleitungen. Die Beratungsstelle für Prostituierte erlangt den Zugang zur Zielgruppe durch eine wöchentliche Sprechstunde im Gesundheitsamt Saarbrücken (saarländische Anmeldebehörde nach ProstSchG), sowie durch unsere aufsuchende Arbeit auf dem Saarbrücker Straßenstrich und in Prostitutionsstätten saarlandweit (im wöchentlichen Wechsel). Seit Corona informieren wir Sexarbeitende im Rahmen der wöchentlichen Online-Aufsuchenden-Arbeit zusätzlich auf digitalem Wege über unsere Angebote. Wöchentlich findet zudem eine Teamsitzung mit allen Kolleginnen aus beiden Beratungsstellen statt. Des Weiteren gehören Öffentlichkeitsarbeit, Präventionsarbeit sowie Netzwerkarbeit zu unserem Alltag.
Welche Hilfsangebote werden besonders stark nachgefragt?
Besonders gefragt sind niedrigschwellige Beratung, Unterstützung im Kontakt mit Institutionen und Behörden, Beratung zu gesundheitlichen Anliegen sowie Unterstützung bei existenziellen Problemen wie Wohnungssuche oder finanziellen Notlagen.
Wie gelingt es Ihnen, Vertrauen zu Menschen aufzubauen, die oftmals schlechte Erfahrungen mit Behörden oder Institutionen gemacht haben?
Der Weg zu einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung ist häufig ein langer Prozess und entsteht in erster Linie durch eine wertfreie Haltung sowie einen akzeptierenden und ergebnisoffenen Ansatz innerhalb der Beratung. Im Rahmen der kontinuierlichen aufsuchenden Arbeit an den Arbeitsorten von Sexarbeiterinnen geht es vor allem auch um Beziehungsarbeit und Vertrauensaufbau. Dabei berücksichtigen wir die Lebensrealitäten der Sexarbeiterinnen, respektieren ihre Entscheidungen und unterstützen sie unter Einbeziehung ihrer Ressourcen und Vorstellungen.
Wie hat sich das Arbeitsumfeld von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren verändert?
2014 hat die Stadt Saarbrücken eine Sperrbezirksverordnung erlassen, welche die Sexarbeit auf dem Straßenstrich räumlich und zeitlich beschränkt.
2017 trat das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, welches Rechte und Pflichten für Sexarbeitende und Betreibende eines Prostitutionsgewerbes mit sich brachte. Sexarbeitende müssen sich seither regelmäßig gesundheitlich beraten und registrieren lassen. Insbesondere nach den Corona-Beschränkungen beobachten wir eine zunehmende Verlagerung in alternative Arbeitsorte, wie Wohnungen, Hotels oder Airbnbs sowie eine Digitalisierung innerhalb der Branche. Die meisten Kontakte werden mittlerweile über Online-Plattformen angebahnt.
Welche Auswirkungen haben Digitalisierung, soziale Medien und Online-Plattformen auf die Branche?
Digitale Plattformen ermöglichen manchen Sexarbeitenden mehr Selbstbestimmung und Reichweite, bringen aber auch neue Herausforderungen mit sich. Dazu gehören die Abhängigkeit von Plattformbetreibenden, die Gefahr von Datenmissbrauch, das Risiko digitaler Gewalt, Fake-Bewertungen und die Notwendigkeit permanenter Online-Sichtbarkeit.
Für uns als Beratungsstelle bedeutet dies, dass wir einige Sexarbeiterinnen ebenfalls nur noch über digitale Wege erreichen. Aus diesem Grund haben wir während Corona „Digital Streetwork“ eingeführt, um unsere aufsuchende Arbeit um digitale Wege zu erweitern.
Beobachten Sie Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind?
Jüngere Menschen bewegen sich oft selbstverständlicher in digitalen Arbeitsumfeldern. Ältere Sexarbeitende verfügen dagegen häufig über mehr Berufserfahrung und Strategien zum Selbstschutz. Die individuellen Unterschiede sind jedoch meist größer als die Unterschiede zwischen Altersgruppen.
Im Bereich der Umstiegsberatung zur beruflichen Umorientierung sind unsere Klientinnen durchschnittlich älter als in anderen Beratungsbereichen.
Welche Entwicklungen haben Sie seit der Corona-Pandemie wahrgenommen?
Die Pandemie hat viele Menschen in der Sexarbeit wirtschaftlich massiv getroffen, da sie im Vergleich zu anderen Branchen lange von gesetzlichen Einschränkungen betroffen waren. Viele standen in dieser Zeit plötzlich vor existenziellen Krisen und bauten dadurch Schulden auf. Einige davon haben die Branche verlassen und sich beruflich umorientiert. Die Verlagerung von Arbeitsorten in dieser Zeit ist nachhaltig geblieben. Viele Bordellbetriebe mussten schließen und Sexarbeitende waren und sind auf alternative Arbeitsorte angewiesen.
Gibt es Trends oder Veränderungen, die in der öffentlichen Debatte bislang zu wenig beachtet werden?
Häufig wird übersehen, dass die Gruppe der Sexarbeitenden sehr vielfältig ist und sich nicht auf einzelne stereotype Vorstellungen reduzieren lässt.
Welche psychischen oder sozialen Belastungen begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit besonders häufig?
Sexarbeitende erleben Stigmatisierung, Diskriminierung, Existenzängste oder Unsicherheiten im Umgang mit Behörden und anderen Institutionen. Hinzu kommen Belastungen durch gesellschaftliche Ausgrenzung und die Notwendigkeit, die eigene Tätigkeit häufig zu verbergen. Das dadurch entstehende Doppelleben belastet viele Sexarbeitende enorm.
Welche Rolle spielen finanzielle Zwänge bei der Entscheidung, in die Sexarbeit einzusteigen?
Finanzielle Motive spielen, wie in vielen anderen Berufen, eine wichtige Rolle. Menschen entscheiden sich aus vielfältigen Gründen für die Sexarbeit. Dazu gehören unter anderem wirtschaftliche Erwägungen, flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, Einkommen zu erzielen, das in anderen Tätigkeiten schwer beziehungsweise gar nicht erreichbar wäre. Gerade Menschen mit wenigen Ressourcen und schlechten Perspektiven finden in der Sexarbeit eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt und gegebenenfalls den ihrer Familie eigenständig sicherzustellen.
Welche Probleme erleben Menschen, die ihre Tätigkeit geheim halten müssen – etwa gegenüber Familie, Freunden oder anderen Arbeitgebern?
Wer seine Tätigkeit verbergen muss, lebt oft mit der Sorge vor Entdeckung, Ablehnung oder beruflichen und sozialen Nachteilen. Dies kann Beziehungen belasten und den Zugang zu Unterstützung erschweren. Im Bereich der Umstiegsberatung bedeutet dies zum Beispiel, dass Sexarbeitende in ihrem Lebenslauf nicht ehrlich sein wollen und somit schlechtere Berufschancen haben.
Gibt es auch Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, die wirklich Freude an ihrer Arbeit haben und das offen kommunizieren? Wenn ja, gibt es Zahlen dazu, wie viele gerne in der Branche tätig sind?
Ja. Unsere Erfahrung zeigt, dass es Menschen gibt, die ihre Tätigkeit bewusst gewählt haben und sie positiv bewerten. Gleichzeitig gibt es Menschen, die die Arbeit vor allem aus wirtschaftlichen Gründen ausüben. Ausschlaggebend ist aus unserer Sicht die Frage, ob eine Tätigkeit in der Sexarbeit selbstbestimmt oder unter Fremdeinfluss ausgeübt wird. Inwieweit eine berufliche Tätigkeit wirkliche Freude bringt, ist sowohl in der Sexarbeit, als auch in allen anderen Berufen individuell zu betrachten. Wir verweisen an dieser Stelle ausdrücklich auf den Abschlussbericht der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes sowie auf das Begleitgutachten zur Freiwilligkeit in der Prostitution.
Wie bewerten Sie die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland aus Sicht Ihrer Beratungsarbeit?
Aus unserer Sicht enthält die aktuelle Gesetzgebung sowohl Schutzmechanismen als auch Hürden und dringende Verbesserungspotenziale. Generell halten wir eine Regulierung der Sexarbeit im Gegensatz zu restriktiven Modellen für sinnvoll, um Rechte und Schutz der Sexarbeitenden zu stärken.
Welche Auswirkungen hat das Prostituiertenschutzgesetz auf die Menschen, die Sie betreuen?
Viele Sexarbeitende empfinden die Anmeldepflicht und deren regelmäßige Wiederholung als bevormundend gegenüber anderen Selbstständigen. Einige fühlen sich trotz behördlicher Registrierung nicht ausreichend geschützt.
In Prostitutionsstätten haben sich mit der Einführung des ProstSchG die Arbeitsbedingungen durch Sicherheits- und Hygieneauflagen verbessert. Zudem können Sexarbeitende ihre Tätigkeit durch die Arbeitspapiere einfacher nachweisen. Gleichzeitig birgt die Pflicht zum Mitführen der Bescheinigung das Risiko eines ungewollten Outings.
Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf bei Politik und Behörden?
Insbesondere in der Vereinheitlichung der Umsetzung des ProstSchG. Derzeit gibt es noch enorme Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern, was Zuständigkeiten, Anmeldegebühren und weitere Umsetzungsfaktoren angeht. Dies führt häufig zu Unsicherheiten innerhalb der Zielgruppe. Außerdem ist im ProstSchG keine offizielle Möglichkeit zur Abmeldung der Prostitution vorgesehen.
Daneben sollten niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote flächendeckend ausgebaut und konstant finanziert werden.
Wie viele Menschen suchen bei Ihnen Unterstützung beim Ausstieg aus der Sexarbeit?
Im Jahr 2025 haben sich acht neue Frauen an die Beratungsstelle gewandt mit dem Wunsch nach beruflicher Umorientierung. Allerdings erfassen wir das jeweilige Beratungsanliegen statistisch nur im Erstkontakt. Dazu kommen Klientinnen aus den Vorjahren, die die Umstiegsbegleitung nach wie vor nutzen. Ein Aus-/Umstieg aus der Sexarbeit ist häufig ein langfristiger und dynamischer Prozess, der intensive Begleitung benötigt. Häufig werden zunächst andere Anliegen bearbeitet, die einen Umstieg eventuell behindern könnten, bevor die berufliche Umorientierung im Fokus steht.
Welchen Hürden begegnen Menschen, die die Branche verlassen möchten?
Zu den häufigsten Hindernissen gehören finanzielle Verpflichtungen, fehlende berufliche Alternativen, die zur eigenständigen Sicherung des Lebensunterhalts geeignet sind, Lücken im Lebenslauf, mangelnde Qualifikationen sowie Stigmatisierung und Ablehnung.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten fehlen Ihrer Meinung nach aktuell?
Benötigt werden flächendeckende (Umstiegs-)Beratung, gesicherte Finanzierung der Fachberatungsstellen, niedrigschwellige Qualifizierungsangebote sowie bezahlbarer Wohnraum.
Gibt es Erfolgsgeschichten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind und die Sie – anonymisiert – erzählen können?
Besonders gefreut haben wir uns über eine Frau, die Teilnehmerin in unserem Bundesmodellprojekt zur Umstiegsberatung war. Sie wollte die Sexarbeit verlassen, da sie eine Familie gegründet hat. Wir konnten sie in eine niedrigschwellige Qualifizierungsmaßnahme vermitteln, in welcher sie im Zeitraum von sieben Monaten Alltags- und Fachsprachtraining, Fachmodule sowie Praktika und Hospitationen durchlief. Sie bestand schließlich die Prüfung als Gruppenbeste und konnte in einem Betrieb übernommen werden.
Welche Vorstellungen über Sexarbeit halten sich hartnäckig, obwohl sie mit der Realität wenig zu tun haben?
Dass Menschen Sexarbeit nur ausüben, weil sie dazu gezwungen werden oder weil sie keine anderen Perspektiven haben. Dieses Narrativ spricht Menschen nicht nur ihre Selbstbestimmung ab, sondern wird den individuellen Lebensrealitäten nicht gerecht.
Was würden Sie sich von der öffentlichen Diskussion über Prostitution wünschen?
Die Debatte um Sexarbeit/Prostitution braucht mehr Sachlichkeit und weniger moralisierte und emotionalisierte Meinungsäußerungen. Zudem sollten Menschen in der Sexarbeit mehr in den Diskurs miteinbezogen werden.
Welche Botschaft möchten Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben?
Menschen in der Sexarbeit sind keine homogene Gruppe. Sie haben dieselbe Würde und verdienen dieselben Rechte, denselben Respekt und denselben Zugang zu Unterstützung wie alle anderen Menschen auch.
Wenn Sie einen weit verbreiteten Irrtum über Sexarbeit und die
Menschen dahinter korrigieren könnten – welcher wäre das?
Den Irrtum, dass man die Lebensrealität aller Sexarbeitenden mit einer einzigen Erzählung beschreiben kann. Die Branche umfasst sehr unterschiedliche Menschen, Arbeitsformen, Motivationen und Erfahrungen. Wer die Situation verbessern möchte, muss diese Vielfalt anerkennen und im Diskurs berücksichtigen.