Die erste große Hitzewelle des Jahres traf Deutschland früh, bereits Mitte Juni, und sorgte mit 41,5 Grad für den Allzeit-Hitzerekord. Vor allem in den Städten rächen sich nun die Versäumnisse der Städtebau-Politik der vergangenen Jahrzehnte.
Die nagelneue Europacity direkt neben dem Berliner Hauptbahnhof steht bundesweit symptomatisch für Ignoranz in Sachen Klima- und damit Hitzeschutz. Vor zehn Jahren erstreckte sich hier mitten in der Berliner Innenstadt über knapp 60 Hektar noch eine riesige, unbebaute Brache, die die Bezirksteile Wedding und Moabit trennte. Das Gelände des ehemaligen Hamburger und Lehrter Güterbahnhofs wurde vollständig neu bebaut. Die Planungen dazu begannen vor 20 Jahren, vor acht Jahren dann endlich Baubeginn.
„Es wird schon eine Menge versucht“
Zu diesem Zeitpunkt sollte eigentlich allen Entscheidern, Politik und Planungsbüros, die Dramatik der Erderwärmung, des Klimawandels und die daraus resultierenden Herausforderungen für die Stadtbebauung voll bewusst gewesen sein, ärgert sich der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner. „Zu diesem Zeitpunkt wussten alle Beteiligten, wir müssen zukünftig klüger bauen, wir müssen die Effekte der Erderwärmung in der Planung bei den Neubauprojekten besser aufnehmen, aber hier in der Europacity ist das überhaupt nicht beachtet worden.“ Wobei UBA-Präsident Messner das nicht als ausschließliche Berlin-Kritik verstanden wissen möchte.
Die urbanen Baufehler werden trotz aller Hinweise, wie es besser gehen könnte und müsste, bundesweit weiterhin gemacht. Stichwort Schwammstädte: „Also bei Neubebauung darauf achten, dass in den Innenstädten Wasser zum Kühlen gespeichert wird. Dazu gehört das Begrünen von Dach und Gebäudeflächen, dazu gehören begrünte Laubengänge zwischen den Gebäuden, unter denen die Menschen Schatten finden. Man darf eines nicht vergessenen: Bereits jetzt sind die Städte bis zu zehn Grad wärmer als das Umland, das wird immer mehr zu einer gesundheitlichen Bedrohung der innerstädtischen Bewohner.“
Dirk Messner kann verstehen, dass gerade in den Städten die Flächen extrem knapp sind und damit jeder Quadratmeter zählt. „Da runzeln die Investoren natürlich mit der Stirn, wenn sie anstelle von vermietbarem Gewerbe- oder Wohnraum doch einen kleinen Teich zum Kühlen anlegen sollen.“
Das Dilemma: Statt in der Stadt zu bauen lieber aufs Land auszuweichen, ist auch keine Lösung: „Das ist keine so gute Idee, denn das würde heißen, wir würden im Umfeld der großen Metropolen weitere Flächen versiegeln, also ebenfalls mit Beton und Asphalt zumachen. Das wäre dann noch obendrein eine Katastrophe für die Biodiversität, weil die Ökosysteme um die dicht bebauten Flächen weiter geschwächt werden.“
Im FORUM-Gespräch zeigt der Präsident des Umweltbundesamtes exemplarisch das Dilemma der politischen Entscheider auf. Beinahe könnte man sagen, wie sie es machen, machen sie es verkehrt. „Nein, so würde ich das nicht sagen, es wird ja schon eine Menge versucht. Im Umfeld der großen Ansiedelungen sollen die Böden entsiegeln werden. Darum plädiere ich ja auch dafür, Wohnungsneubau da zu belassen, wo er gebraucht wird, in den Ballungsräumen. Aber eben mit dem Konzept, dass bei jedem Neubau Grün- und Wasserflächen mitgedacht werden, um diese Bereiche lebenswert zu gestalten“, so Messner.
Während der ersten großen Hitzewelle dieses Jahres werden von der Politik sofortige Antworten gefordert, die es aber nicht geben kann. Damit standen dann plötzlich die Bürgermeister und Oberbürgermeister in der öffentlichen Kritik. Einer von ihnen ist der Vizepräsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister von Saarbrücken, Uwe Conradt (CDU). Ausgerechnet im Saarbrücker Stadtteil Burbach wurde am Freitag, den 26. Juni, die höchste jemals gemessene Außentemperatur seit 1880 in Deutschland registriert: 41,3 Grad, einen Tag später wurde diese dann in Drewitz in Sachsen-Anhalt um 0,2 Grad noch überholt.
Oberbürgermeister Conradt versichert, er und alle seine Amtskollegen in Deutschland haben die bedrohliche Situation selbstverständlich im Blick und im jüngsten Fall umgehend mit Soforthilfen reagiert, soweit es eben geht. Doch bei den langfristigen Maßnahmen müsse die Dringlichkeit deutlicher apostrophiert werden. Klimaschutz muss zur Pflichtaufgabe werden, so der 49-jährige CDU-Mann. Aber letztendlich ist es eine Geldfrage: „Das sind bislang freiwillige Aufgaben der Kommunen und Städte, die können nur aus den Geldern bezahlt werden, die am Ende überhaupt noch übrig bleiben.“
Daraus ergibt sich für den Saarbrücker Oberbürgermeister die Frage, wie Bund und Länder mit dem Thema umgehen. „Derzeit sind es nur Förderprogramme, die sicherlich gut sind, von denen es einige gibt, die auch genutzt werden, aber die nicht überall ankommen. Aus einem einfachen Grund: Wenn ich kein Personal habe für Beantragung und Durchführung, dann kann ich auch nicht diese Förderprogramme nutzen“, so Conradt in einem RBB-Info-Interview.
„Bislang freiwillige Aufgabe“
Womit er beim Föderalismus in Deutschland und dem Konnexitätsprinzip angekommen ist, das gerade erst in der letzten Juni-Woche neu aufgestellt wurde. Bei zukünftigen Bundesgesetzen, die die Länder und Kommunen direkt betreffen, übernimmt der Bund 80 Prozent der Kosten. Doch bislang ist Klima- und damit auch Hitzeschutz keine Pflichtaufgabe, die durch den Bund verordnet worden ist. Damit, wie von Oberbürgermeister Conradt beschrieben, sind die Kommunen für entsprechende Kosten allein verantwortlich. Bei leeren Kassen kommt dem Klima- und Hitzeschutz beinahe schon die Rolle eines „Nice to have“ zu, so das Saarbrücker Stadtoberhaupt. „Würde man Klimaschutz und Klimaanpassung auch zu einer Pflichtaufgabe machen und nicht weiter als eine freiwillige Aufgabe definieren, dann müssten entsprechend auch die Gelder bereitgestellt werden. Das ist das Prinzip: Wer bestellt, bezahlt.“
Uwe Conradt und seine Amtskollegen befürchten, dass nun, nachdem die erste Hitzewelle des Jahres durch ist, auch das Thema Klima- und Hitzeschutz als Pflichtaufgabe ganz schnell wieder von der Tagesordnung verschwindet.
Zurück in die jüngste, städtebauliche Klimasünde, längs des Berliner Hauptbahnhofs. Während an dem heißesten Wochenende in Berlin seit dem Beginn genormter Aufzeichnung der Wetterdaten in der zentralen Innenstadt um 39 Grad gemessen wurden, lagen in der Europacity die gemessenen Werte drei bis vier Grad höher. Wobei ein Sprecher der Meteorologen der Freien Universität in Dahlem einschränkte, die Stichprobenmessungen dort entsprechen nicht deren Normen und könnten damit nicht gewertet werden. Aufgrund der dichten und vor allem hohen Bebauung, viel in braun oder anthrazit-grau, sind normierte Messungen in dem neuen Berliner Stadtteil nicht möglich. Wie erging es den Bewohnern während der extremen Hitzewelle? Die merkten in ihren vollklimatisierten Wohnungen nicht viel davon, im Zweifelsfall stiegen sie in der kühlen Tiefgarage im Keller in ihre wohltemperierten Autos und fuhren dahin, wo es nicht ganz so heiß ist.