Der Saarländische Fußballverband hat einen neuen Präsidenten. Lars Diedrich hat das Amt vor wenigen Wochen übernommen – und einige Ziele auf seiner Agenda, die er in den kommenden Jahren umsetzen möchte.
Lars Diedrich muss nicht lange überlegen, wenn man ihn fragt, warum er Präsident des Saarländischen Fußballverbands (SFV) werden wollte. „Ich hatte schon richtig Lust und Bock drauf, das zu machen“, sagt er. Nach 20 Jahren Verbandsarbeit, zahllosen Sitzungen, Veranstaltungen und Gesprächen mit Vereinen ist der frisch gewählte Präsident kein Neuling, sondern jemand, der den Verband von der Basis bis in die Führungsebene genaustens kennt. „Mir gefällt das einfach richtig gut“, sagt er über seine Arbeit im Fußball. „Und das finde ich total spannend und reizt mich total.“
Sein Weg an die Spitze des SFV begann bereits 2005 als Klassenleiter. 15 Jahre übte er dieses Amt aus, engagierte sich darüber hinaus in verschiedenen Gremien und sammelte Erfahrungen auf Landes- und Bundesebene, agierte zuletzt als Vizepräsident unter Heribert Ohlmann. Durch die enge Zusammenarbeit mit Ohlmann habe er bereits früh einen realistischen Eindruck davon bekommen, welche Aufgaben und Herausforderungen auf einen Präsidenten warten. „Ich habe also gewusst, auf was ich mich einlasse“, lacht er. „Man konnte sich schon mal so ein bisschen den Plan machen: Was kommt eigentlich auf dich zu? Was sind so die Themen?“ Und das ist eine Menge. Die Arbeit, insbesondere neben einer hauptberuflichen Tätigkeit, sei zeitintensiv. Ohne Unterstützung, auch durch ein sehr qualifiziertes Geschäftsstellen-Team, wie Diedrich betont, sei das für den Familienvater kaum zu stemmen.
Dass er nun an der Spitze des Verbandes steht, bedeutet für ihn allerdings keinen radikalen Neuanfang. Vielmehr versteht er seine Aufgabe darin, bestehende Entwicklungen weiterzuführen und dort nachzuschärfen, wo Verbesserungen nötig und auch möglich sind. „Ich muss doch nicht die Philosophie oder alles neu entwickeln“, sagt er. Viele Themen seien bereits gesetzt, entscheidend sei vielmehr die Frage, „wie man die Sachen vielleicht anders oder besser machen kann“.
Den Jugendbereich im Fokus
Eines dieser Themen ist die Jugendarbeit. Gerade in den Altersklassen der B- und A-Jugend sieht Diedrich Handlungsbedarf. Während die Vereine in den jüngeren Jahrgängen über großen Zulauf verfügen, gehen auf dem Weg in den Erwachsenenbereich viele Spieler verloren. „Wenn wir uns die Basis anschauen – F-Jugend, G-Jugend, E-Jugend –, da haben wir so viele Kinder, da haben wir so viel Spielbetrieb. Also es funktioniert ja“, sagt er. Warum dann viele aufhören, hat unterschiedliche Gründe: Schule, Ausbildung, Beruf oder veränderte Freizeitinteressen.
Wie geht man dagegen vor? Eine Patentlösung gäbe es bislang nicht. „Das wird die Frage sein. Wenn wir das beantwortet hätten …“, sagt Diedrich. Dennoch will der Verband neue Wege gehen. Denkbar seien weitere flexible Spielformen, gegebenenfalls neue Spieltage statt der bestehenden Termine samstags oder für die B-Jugend sonntagmorgens, und vor allem mehr Austausch mit den Jugendlichen selbst. So sollen künftig wieder Spielführertreffen stattfinden, bei denen die Jugendlichen ihre Sichtweise einbringen können. Denn nur wer die Bedürfnisse der Jugendlichen kenne, könne Angebote schaffen, die sie langfristig im Fußball halten. Mindestens ebenso wichtig wie die Nachwuchsarbeit ist für Diedrich das Ehrenamt. „Das liegt mir schon am Herzen“, sagt er. „Ohne Ehrenamt wird es nicht funktionieren, weder im Verband noch in den Vereinen.“ Dabei geht es ihm nicht nur um Wertschätzung, sondern auch um konkrete Unterstützung. Im kommenden Jahr ruft der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das „Jahr des Ehrenamts“ aus. Für Diedrich bietet das die Chance, bestehende Qualifizierungsangebote weiterzuentwickeln und neue Wege zu gehen. Gerade digitale Formate sieht er dabei als große Chance. Nicht jeder könne mehrere Wochenenden für Lehrgänge opfern. Deshalb müsse Weiterbildung flexibler werden. Entscheidend sei vor allem, den vielen Ehrenamtlichen klarzumachen, wie wichtig ihre Arbeit ist: „Die Leute sollen die Wertschätzung bekommen, die sie verdient haben“, betont Diedrich. Schließlich seien es genau diese Menschen, die Woche für Woche Trainings organisieren, Fahrdienste übernehmen, Jugendmannschaften betreuen oder Vereinsarbeit leisten.
Sorgen bereitet ihm dagegen der demografische Wandel. Schon heute entstehen immer mehr Spielgemeinschaften, weil einzelne Vereine allein nicht mehr genügend Spieler stellen können. „Der Mangel an Spielern wird ein großes Thema sein“, sagt Diedrich. Gleichzeitig sieht er darin nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Spielgemeinschaften könnten Ressourcen bündeln und Infrastrukturen besser nutzen. Entscheidend werde sein, nachhaltige Lösungen zu finden.
Ein weiteres Zukunftsfeld sieht der neue Präsident im Frauen- und Mädchenfußball. Hier seien in den vergangenen Jahren bereits wichtige Schritte eingeleitet worden. Ziel sei es nun, noch mehr Mädchen dauerhaft für den Fußball zu gewinnen und eigene Mädchenmannschaften zu stärken.
Positive Entwicklung im Schiedsrichterwesen
Ebenfalls positiv bewertet Diedrich die Entwicklung im Schiedsrichterwesen. Insbesondere die Nachwuchsarbeit funktioniere derzeit gut. Das Patensystem, bei dem junge Schiedsrichter bei ihren ersten Einsätzen begleitet werden, sei ein wichtiger Baustein. „Es ist wichtig, auf die Jungen aufzupassen“, betont er. Denn gerade junge Schiedsrichter seien häufig Anfeindungen ausgesetzt und bräuchten Unterstützung. Überhaupt gehört das Thema Gewalt auf den Sportplätzen zu den Bereichen, bei denen Diedrich keinerlei Kompromisse machen will. Vorfälle würden heute konsequenter gemeldet als früher, betont er. „Aber diese Aggressionen haben auf unseren Plätzen nichts verloren. Weder bei den Kindern noch bei den Aktiven.“ Der Verband werde weiterhin konsequent gegen Gewalt und Diskriminierung vorgehen. „Da gibt es auch nichts schönzureden“, stellt Diedrich klar. Gleichzeitig sei Präventionsarbeit wichtig, auch wenn sie bei mehr als 340 Vereinen und über 2.000 Mannschaften nicht immer einfach umzusetzen sei.
Um bei einer solchen Dichte an Vereinen den Überblick zu behalten, legt Diedrich großen Wert auf den direkten Austausch mit den Vereinen. Die Kommunikation zwischen Verband und Basis hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert – und genau diesen Weg möchte er fortsetzen. „Das macht mir am meisten Spaß: in die Vereine gehen“, sagt er. „Man sitzt gemeinsam am Tisch und spricht auf einer Ebene. Es gibt nicht ‚die da oben‘ oder ‚die da unten.‘“ Mit Vereinsdialogen, Vorstandstreffen und digitalen Sprechstunden versucht der Verband regelmäßig, den Kontakt zu den Clubs herzustellen. Diedrich ist überzeugt, dass Entscheidungen besser werden, wenn möglichst viele Perspektiven einfließen. „Wir haben auch immer kritische Themen vorgestellt und gefragt: Was denkt ihr denn? Was wäre denn der richtige Weg?“, erzählt er. So entstehe ein Meinungsbild aus der Praxis, und die Vereine würden aktiv eingebunden.
Dass dieser direkte Draht im Saarland besonders gut funktioniert, erlebt Diedrich regelmäßig im Austausch mit anderen Landesverbänden und dem DFB. „Wenn ein Verein ein Problem hat, der hat meine Nummer, der ruft mich an, und dann reden wir drüber“, sagt er. Gerade diese Nähe sei eine besondere Stärke des saarländischen Fußballs.
Und seine persönliche Stärke? „Ehrlichkeit“, sagt er. Es sei der Wert, der ihm persönlich mit am wichtigsten sei. Entscheidungen würden nicht immer jedem gefallen. „Bei 340 Vereinen kann man es ohnehin niemals allen recht machen“, sagt er. Entscheidend sei für ihn deshalb, offen und transparent zu handeln. „Es gibt für mich keinen Grund zu lügen“, so Diedrich. „Wenn jemand irgendwann sagt: ‚Das war vielleicht nicht der beste SFV-Präsident, aber er war wenigstens ehrlich und hat immer gesagt, wie die Sache ist‘ – dann wäre das für mich schon der Punkt, wo ich sagen würde: ‚Okay, das hat gepasst.‘“
Lars Diedrich will nicht der große Reformer sein, der krampfhaft alles umkrempelt. Sondern er will jemand sein, der zuhört, der den Austausch sucht und den saarländischen Fußball gemeinsam mit Vereinen, Ehrenamtlichen und Mitarbeitern weiterentwickeln will. „Nahbar, das trifft es vermutlich am besten“, sagt er. Für Diedrich scheint es mehr zu sein als nur eine Eigenschaft. Es ist sein Anspruch an das Amt. Und vermutlich auch der Maßstab, an dem er sich und seine Arbeit künftig messen lassen möchte.