RB Leipzig trennt sich nach nur einem Jahr von Ole Werner, obwohl der Trainer den Club zurück in die Champions League geführt hat. Mit Martin Demichelis beginnt der nächste Neustart – und über allem steht die Frage, wie viel Kontinuität im Leipziger Fußballprojekt unter Jürgen Klopp überhaupt noch möglich ist.
Es gibt Entlassungen, die sich sportlich leicht erklären lassen. Eine Mannschaft verliert den Anschluss, eine Entwicklung stagniert, ein Trainer erreicht seine Spieler nicht mehr. Die Trennung von Ole Werner bei RB Leipzig gehört nicht in diese Kategorie. Nach nur einer Saison muss der 38-Jährige gehen, obwohl er den Auftrag, mit dem er im vergangenen Sommer nach Sachsen gekommen war, erfüllt hatte. Leipzig kehrte in die Champions League zurück, wurde Dritter und sammelte 65 Punkte. Nur der FC Bayern und Borussia Dortmund waren erfolgreicher. Werner weist mit 1,91 Punkten pro Spiel zudem den drittbesten Schnitt aller Leipziger Bundesliga-Trainer auf.
Trotzdem verkündete RB am Mittwochabend die Freistellung. Nicht nur Werner muss gehen, sondern auch seine Co-Trainer Tom Cichon und Patrick Kohlmann. „Wir haben die abgelaufene Saison in den vergangenen Tagen noch einmal intensiv und abschließend analysiert. Am Dienstagabend haben wir dann den Beschluss gefasst, die Position des Cheftrainers neu zu besetzen“, erklärte Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer. Der Dank fiel pflichtgemäß aus, die Begründung blieb bemerkenswert: „Sie haben einen großen Anteil am erfolgreichen Umbruch sowie an der Qualifikation für die Champions League. Dennoch sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass eine inhaltliche Weiterentwicklung und eine veränderte Herangehensweise für die vor uns liegenden Aufgaben erforderlich sind.“
In diesem „dennoch“ liegt der Kern der Entscheidung. Leipzig erkennt Werners Arbeit an, trennt sich aber trotzdem von ihm. Der Club bestätigt, dass der Trainer den Umbruch moderiert und die Königsklasse erreicht hat. Gleichzeitig soll genau diese Arbeit nicht mehr ausreichen, weil es eine andere Herangehensweise brauche. Das ist als Argument nicht unmöglich, wirkt in diesem Fall aber kühl und fast konstruiert. Werner wurde nicht nach einer verlorenen Saison entlassen, sondern nach einer, die in Zahlen sehr schwer gegen ihn spricht.
Der Trainer selbst meldete sich nach der Trennung mit einem Brief an „Spieler, Mitarbeiter und Fans von RB Leipzig“ zu Wort. Eine Abrechnung war es nicht, eher eine Erinnerung an den Auftrag, mit dem er gekommen war. Werner schrieb: „Wie ihr gestern erfahren habt, hat der Verein entschieden, mit einem neuen Trainer in die nächste Saison zu gehen. Das muss ich respektieren.“ Er sei mit „dem klaren Auftrag angetreten, RB zurück ins internationale Geschäft zu führen, der Mannschaft ein neues Gesicht in Auftreten und Spielweise zu geben und dabei eine neue, für die Zukunft tragfähige Hierarchie in der Kabine zu bilden.“ Sein Fazit lautete: „Dass wir es gemeinsam geschafft haben, diesen Auftrag zu erfüllen.“ Noch deutlicher wurde er mit dem Satz: „Der Verein ist wieder auf Kurs!“
Leipzig kam aus einer enttäuschenden Spielzeit ohne Europa-Qualifikation. Der Verein hatte einen großen Umbruch hinter sich, musste sich sportlich neu sortieren und intern wieder Stabilität finden. Dass RB unter Werner nicht in jeder Phase glänzte, mag stimmen. Dass es zu Jahresbeginn eine Talsohle gab, ebenso. Aber das Gesamtbild blieb klar: Der Trainer lieferte Ergebnisse, entwickelte eine neue Hierarchie und brachte den Club zurück auf die Bühne, auf der Leipzig sich selbst sieht.
Überraschung auch in der Kabine
Auch innerhalb der Mannschaft wurde die Entscheidung offenbar nicht als selbstverständlich aufgenommen. Kapitän David Raum sagte bei t-online: „Ich habe es auch erst am Tag der Entlassung richtig erfahren.“ Für das Team sei das Ganze „ein Stück weit überraschend“ gewesen, „weil wir mit Ole vergangene Saison erfolgreichen Fußball gespielt haben.“ Raum sprach zudem sehr persönlich über Werner: „Ich hatte zu ihm auch ein sehr gutes Verhältnis. Er hat mich zum Kapitän gemacht, menschlich noch einmal auf ein neues Level gehoben. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“ Das sind Sätze, die nicht zu einem Trainer passen, der an einer zerrütteten Kabine gescheitert wäre.
Die eigentliche Frage lautet deshalb, wo diese Entscheidung getroffen wurde und nach welchen Maßstäben. Bei RB Leipzig sind sportliche Entscheidungen längst nicht nur Club-Entscheidungen. Seit Jürgen Klopp als Fußballchef im Red-Bull-Kosmos arbeitet, hat sich der Blick auf die Trainerfrage verändert. Klopp war mit der Hoffnung verbunden worden, dass Erfahrung, Weitblick und Kontinuität in ein System einziehen könnten, das traditionell stark von Konzernlogik, Talententwicklung und hoher Geschwindigkeit geprägt ist. Nach der Werner-Trennung entsteht eher der gegenteilige Eindruck. Es geht nicht nur darum, ob ein Trainer erfolgreich ist. Es geht auch darum, wie sehr er in das übergeordnete Modell passt.
Genau darin lag offenbar ein Spannungsfeld. Werner wollte seinen eigenen Gestaltungsspielraum behalten. Die Einflussnahme von Klopp und dessen Umfeld soll größer gewesen sein, als Werner es bei seiner Vertragsunterschrift erwartet hatte. Gleichzeitig wurde der Druck aus der Red-Bull-Spitze sichtbarer, sobald die Entwicklung nicht linear nach oben zeigte. Für Klopp ist das heikel. Früher galt er als jemand, der Entlassungen von Kollegen kritisch sah. Vor einem Jahr betonte er sinngemäß, nicht das Damoklesschwert sein zu wollen, das über Trainern schwebe. Nun aber wirkt seine Rolle anders. Das heißt nicht, dass Klopp allein solche Entscheidungen trifft. Aber sie liegen in seinem Verantwortungsbereich.
Der Nachfolger übernimmt deshalb keine einfache Aufgabe. Martin Demichelis, früher Verteidiger des FC Bayern und zuletzt Trainer von RCD Mallorca, soll in Leipzig einen Vertrag bis 2028 unterschrieben haben. Er steht für dominanten Fußball, viel Ballbesitz, Intensität und ein hohes Pressing. Aus einer 4-3-3-Grundordnung, die situativ auch zum 4-2-3-1 werden kann, soll Leipzig hoch verteidigen, den Ball kontrollieren und nach Lücken schnell und direkt zum Tor spielen. Das klingt in der Theorie sehr nach RB: Leipzig hatte Topwerte bei Sprints, Passquote und Torschüssen.
Transferüberschuss nötig
Trotzdem gibt es offene Punkte. Wenn Leipzig unter Demichelis noch höher verteidigt, braucht es noch mehr Tempo in der letzten Linie. Der von Stade Reims verpflichtete Innenverteidiger Abdoul Koné passt in dieses Anforderungsprofil. Gleichzeitig lief RB im Schnitt nur 117,6 Kilometer pro Spiel; weniger liefen nur Bremen, Mönchengladbach und der Hamburger SV. Für einen Trainer, der Intensität zu einer Primärtugend macht, ist das ein Ansatzpunkt. Ein weiteres Problem war die geringe Widerstandskraft nach Rückständen. Nur in drei Spielen punktete Leipzig noch, nachdem der Gegner geführt hatte.
Hinzu kommt, dass Leipzig nicht einfach aus einer Position sportlicher Ruhe in die neue Saison geht. Der Club muss auch in diesem Sommer einen Transferüberschuss erwirtschaften. Der Verkauf von Lois Openda für 47 Millionen Euro an Juventus Turin reicht dafür offenbar noch nicht aus. Castello Lukeba gilt ebenfalls als Verkaufskandidat. Zudem gibt es das Thema Yan Diomande. Leipzig plant zwar weiter mit dem 19 Jahre alten Shootingstar, doch der FC Liverpool soll seine Bemühungen intensiviert haben.
Demichelis kommt also in einen Club, der nach außen große Ambitionen formuliert, intern aber wieder einmal Unruhe produziert. Er übernimmt eine Mannschaft, die Dritter wurde, in die Champions League zurückkehrte und von ihrem Kapitän als erfolgreich beschrieben wurde. Gleichzeitig soll er beweisen, dass mehr möglich ist als das, was Werner erreicht hat. Genau darin liegt die Brisanz dieses Sommers. RB Leipzig hat nicht einfach einen Trainer gewechselt. Der Club hat ein Signal gesendet: Leistung allein schützt nicht, wenn sie nicht zur gewünschten Idee passt.
Für Werner endet das Jahr in Leipzig deshalb seltsam widersprüchlich. Er kam nach dreieinhalb erfolgreichen Jahren in Bremen, sollte den Umbruch schaffen und lieferte – wohlgemerkt mit dem besten Punkteschnitt aller Leipzig-Trainer in der Bundesliga. Er geht trotzdem. Für Demichelis beginnt nun eine Aufgabe, die sportlich reizvoll, aber politisch kompliziert ist. Für Klopp bleibt die Frage, ob er im neuen Amt tatsächlich Orientierung gibt oder ob unter seinem Dach nur ein alter Red-Bull-Reflex schärfer geworden ist: schnell entscheiden, schnell austauschen, schnell weiterziehen. Leipzig hat wieder Champions League. Ruhe hat der Club damit noch lange nicht.