Xabi Alonso hat Bayer Leverkusen erst vor einem Jahr verlassen. Aber schon zwei Trainer scheiterten an seiner Nachfolge und vielleicht auch an seinem großen Schatten. Der noch eher unbekannte Carles Martínez soll es nun besser machen.
Irgendwann den perfekten Trainer gehabt zu haben, ist für die Zeit danach oft ein Problem. Mainz 05 und Borussia Dortmund können davon ein Lied singen. Vor allem in Dortmund wurde nach 2015 jeder Nachfolger am doppelten Meistermacher Jürgen Klopp gemessen und scheiterte manchmal gefühlt vor allem daran, nicht Klopp zu sein. In Bremen hatte zwischen Otto Rehhagel und Thomas Schaaf und nach Schaaf jeder Coach mit deren Schatten zu kämpfen.
Alonso als das „Perfect Match“
Bei Bayer Leverkusen prägte Xabi Alonso keine so lange Amtszeit wie die erwähnten Kollegen. Dennoch waren der Baske und die Werkself vom Rhein wohl das, was man neudeutsch ein „Perfect Match“ nennt. Der frühere Weltklasse-Spieler Alonso stieg in etwas mehr als zwei Jahren vom Zweitliga-Trainer zu einem der begehrtesten Coaches in Europa auf. Und Bayer holte endlich den lange ersehnten ersten Meistertitel, war damit einziger Deutscher Meister außer dem FC Bayern nach 2012 und schaffte mit der ersten Saison ohne Niederlage sogar Historisches. Durch das Double und den Supercup gewannen die Leverkusener unter Alonso in drei Monaten sogar mehr Titel als in 100 Jahren Vereinsgeschichte zuvor.
Von dieser Spielzeit, von diesen Momenten werden sie in Leverkusen noch in den nächsten 100 Jahren erzählen. Und Alonso wird immer der Kern dieser Geschichte sein. In der Saison danach wurden dann zwar wieder die Bayern Meister. Doch Leverkusen belegte immerhin Rang zwei und schaltete die Münchner sogar in deren Stadion aus dem DFB-Pokal aus. Kurzum: Bayer war zumindest noch nah dran und ärgster Rivale der Münchner.
Als Alonso das Rheinland im Sommer 2025 verließ, wussten alle, dass dies trotz des überschaubaren Zeitfensters das Ende einer Ära war und der Start einer neuen Zeitrechnung. Und das Ergebnis war ernüchternd: Nur 59 Punkte nach 90 und 69 in den Vorjahren. Neun Niederlagen nach zuvor null und drei. Und am Ende hatte Leverkusen nicht nur 14 Punkte Rückstand auf Rang zwei und sogar 30 auf die Bayern, die Werkself verpasste als Sechster vor allem ihr absolutes Mindestziel: die Qualifikation für die Champions League.
Dass es Alonso ohne Bayer wenig besser erging als Bayer ohne ihn und er bei Real Madrid schon nach rund einem halben Jahr beurlaubt wurde, war ein schwacher Trost. Alonso hat weiter seinen Markt, startet im Sommer ein neues Projekt beim taumelnden FC Chelsea und steht auf Sicht nicht nur bei seinen Ex-Clubs Bayern München und FC Liverpool wohl weiter hoch im Kurs.
In Leverkusen sind sie nicht ganz so sicher, wohin der Weg sie führen wird. Dadurch war das vergangene Jahr zu unbeständig in allen Themen rund um die Mannschaft. Nachdem sich der Verein schon nach unglaublichen zwei Bundesliga-Spielen von Alonsos direktem Nachfolger Erik ten Hag trennte, schien sich das Team unter dem früheren dänischen Nationaltrainer Kasper Hjulmand, der in Mainz einst schon als Nachfolger von Erfolgscoach Thomas Tuchel einen schweren Stand hatte, zu stabilisieren. Am Ende der Saison mussten die Leverkusener freilich feststellen, dass das Gebilde nicht stabil genug ist. Und die Ergebnisse nicht gut genug, um das zu kaschieren.
Freilich lag die Entwicklung nicht nur am Abgang des erfolgreichen und verehrten Trainers. Mit Florian Wirtz, Granit Xhaka, Lukas Hradecky, Jonathan Tah, Jeremie Frimpong oder Piero Hincapié brach eine komplette Achse weg. Spieler, die den Verein nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kabine angeführt hatten. Nimmt man die Zugänge und Abgänge zusammen, gab es bei Bayer im Sommer 2025 über 40 Transfer-Bewegungen mit einem Umsatz von knapp 450 Millionen Euro. Mehr Umbruch geht gar nicht.
Etwas Licht, viel Schatten
Was nicht klappte, was Hjulmand den Job kostete und sogar den als kongenialen Alonso-Partner verehrten Manager Simon Rolfes in Erklärungsnot brachte, ist die Tatsache, dass sich kaum einer der vielen Zugänge aus dem Sommer nachhaltig durchsetzte und vor allem entwickelte. Von den acht Spielern, die eine zweistellige Ablösesumme gekostet haben, schafften dies in ihrer Debüt-Saison lediglich Ibrahim Maza (für zwölf Millionen Euro von der Hertha gekommen) und mit Abstrichen Jarell Quansah (35 Millionen/Liverpool), der es sogar ins englische WM-Aufgebot schaffte. Eliesse Ben Seghir (32/AS Monaco), Equi Fernández (25/Al-Qadsiah) oder Ernest Poku (10/AZ Alkmaar) sind noch gar nicht angekommen. Malik Tillman (35/PSV Eindhoven), Loïc Badé (25/FC Sevilla) und Torhüter Mark Flekken (11/FC Brentford) hatten etwas Licht und erstaunlich viel Schatten. Bester Neuzugang neben Maza war der erst 18 Jahre alte Stürmer Christian Kofane, für den Bayer 5,25 Millionen an den spanischen Zweitligisten Albacete überwiesen hat. Seine fünf Bundesliga-Tore zeigen das Leistungsbild und vor allem das Potenzial nur ansatzweise auf, transfermarkt.de taxiert ihn schon mit einem Marktwert von 40 Millionen Euro, europäische Top-Clubs stehen Schlange.
Da im wechselwilligen Alejandro Grimaldo und den in ihren Leistungen immer wechselhafteren Robert Andrich und Patrick Schick die verbliebenen Meisterspieler nicht mehr lange vorangehen können, muss Bayer um Spieler wie Kofane, Maza und Quansah ein neues Team aufbauen, das irgendwann wieder die Bayern ärgern kann. Club-Chef Fernando Carro hat sich schon eine erneute Meisterschaft für „2028 oder 2029“ gewünscht. Dafür müssen nun die Grundlagen gelegt werden, nachdem genau das im Vorjahr nicht wie erhofft gelang. Deshalb musste auch Hjulmand gehen. Und die Nachfolger-Suche gestaltete sich schwierig. Der vielerorts als Wunschkandidat gehandelte Andoni Iraola ging nach Liverpool, der ebenfalls sehr geschätzte Filipe Luís nach Monaco. Und ob Oliver Glasner, der mit Crystal Palace gerade seinen zweiten Europacup-Titel holte, selbst nicht wollte oder ob der Verein nicht wirklich von ihm überzeugt war, ist nicht final verbürgt.
Spanische Trainer als Leistungsgarant?
So wurde es am Ende Carles Martínez Novell. Wieder ein junger Spanier, 42, aus Barcelona. Und bisher weder mit einer Karriere als Spieler noch mit großen Erfolgen als Trainer dekoriert. Mit 26 begann er seine Trainer-Laufbahn als Jugendtrainer bei EC Granollers, wurde dann Konditionstrainer und Torwarttrainer in der Jugend von Espanyol Barcelona und wechselte 2015 für vier Jahre als Nachwuchs-Coach in die legendäre Akademie La Masía des großen FC Barcelona, wo er heutige Stars wie Gavi, Xavi Simons und Ansu Fati förderte. Nach einem halben Jahr als Jugendtrainer bei Al-Rayyan in Katar übernahm er für zwei Jahre die U20 Kuwaits, ehe er in Frankreich Cheftrainer des FC Toulouse wurde. Den führte er auf die Plätze elf, zehn und neun, was als großer Erfolg gilt, weil Toulouse zuletzt 2014 in diesen Sphären spielte.
Dennoch wurde sein Vertrag nicht verlängert, weswegen er für Bayer sogar ablösefrei war. Doch es war weit mehr als die Vorliebe für spanische Trainer, die Rolfes zu Martínez tendieren ließ. Die aber zweifellos vorhanden ist. „Wenn wir uns angucken, wie der spanische Vereinsfußball sich entwickelt hat und wie viele spanische Trainer erfolgreich waren, dann sind wir natürlich an spanischen Trainern interessiert“, sagte der Sportchef: „Wir haben zudem viele spanischsprachige Spieler.“ Ob Martínez funktioniert, wird auch für Rolfes wichtig sein. Denn schaffen es seine Talente bereits beim dritten Trainer nicht, liegt der Schluss nahe, dass er die falschen für den Neuaufbau ausgesucht haben könnte. Er sei „uns aufgefallen, weil er eine gewisse Konstanz in Toulouse gebracht hat und das mit vielen jungen Spielern“, sagte Rolfes: „Dann haben wir uns nach der Saison zusammengesetzt, und er hat uns da einfach in den Gesprächen überzeugt.“ Er habe in Toulouse „eine international geprägte Mannschaft zu einer starken Einheit geformt“. Und genau das ist die Aufgabe bei Bayer. Mit dem von ganz Europa umworbenen Hertha-Talent Kennet Eichhorn (16) und Martínez Wunschspieler Afonso Moreira (für 30 Millionen aus Lyon) hat Rolfes auf dem Transfermarkt auch schon Zeichen gesetzt.
An wem sich der Neue orientiert, kann niemanden überraschen. „Xabi Alonso hat es bei Bayer vorgemacht, wie das funktionieren kann“, sagte er: „Was er erreicht hat, ist natürlich fantastisch.“ Ganz so viel wird von Martínez nicht verlangt. Nicht zwangsläufig. Und nicht sofort. Deutlich mehr als in der vergangenen Saison muss es dann aber doch schon sein.