Mit seinem 1888 patentierten Wechselstrom-System legte der vor 170 Jahren geborene Nikola Tesla den Grundstein für die moderne Energienutzung. Sein Elektromotor gilt als eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte.
Nicht jedem dürfte bewusst sein, dass der Name des erfolgreichsten Elektro-Fahrzeugs in direktem Zusammenhang mit einer einstmals berühmten Persönlichkeit steht. An dessen Exzentrizität kann nicht einmal Elon Musk heranreichen, aber im Unterschied zu dem umstrittenen Milliardär ging dem Magier der Elektrizität jeglicher Geschäftssinn ab. Hätte der am 28. Juni 1856 in einem kleinen Dorf des heutigen Kroatiens namens Smiljan geborene Nikola Tesla nur einen kleinen Teil seiner wegweisenden Erfindungen und Patente gewinnbringend vermarktet, wäre aus dem Maschinenbau-Ingenieur ohne offiziellen Studienabschluss garantiert ein steinreicher Mann geworden. Nach Angaben des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA) hatte Tesla nachweislich 157 Patente angemeldet und mindestens doppelt so viele nicht schützen lassen.
In vielen Dingen seiner Zeit voraus
Ein Paradebeispiel ist sein 1888 präsentierter revolutionärer Wechselstrom-Induktionsmotor mit einem rotierenden Magnetfeld, der häufig auch als Drehstrom-Asynchronmotor bezeichnet wird. Laut DPMA zählen viele Experten diesen Induktionsmotor „zu den bedeutendsten Erfindungen“ der Menschheitsgeschichte. Mit diesem bald schon weltweit dominierenden Elektromotor konnte so gut wie alles angetrieben werden – von Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen bis hin zu industriellen Großanlagen wie Fließbändern – oder eben auch die Tesla-Fahrzeuge. Da Nikola Tesla das gigantische wirtschaftliche Potenzial seiner Erfindung nicht erkannt hatte, trat er die Rechte an seinem Motor zu einem Spottpreis an seinen damaligen Partner ab – den US-Großindustriellen George Westinghouse.
Neben diesem legendären Motor entwarf Nikola Tesla eine ganze Reihe innovativer Generatoren und Transformatoren wie die nach ihm benannte Tesla-Spule aus dem Jahr 1891, die ihn dank Vorführungen vor einem staunenden, mit dem neuartigen Strom noch weitgehend unvertrauten Publikum schlagartig berühmt machte. Der Transformator erlaubte es ihm, elektrische Energie in einem Raum kabellos zu übertragen und Leuchtstofflampen zum Scheinen zu bringen. Damit nicht genug, verwandelte er sich bei diesen Auftritten in seinem Labor an der Fifth Avenue vor der New Yorker High Society dank eines natürlichen Showtalents in eine „Lichtgestalt“. In elegantem Outfit auf einem Podium stehend, ließ er hochfrequente Wechselströme über seinen Körper fließen, um sich von Flammen, Feuerbällen oder Blitzen umhüllen oder Glasröhren in seinen Händen aufleuchten zu lassen. Die Tesla-Spule ebnete mit ihrer Fähigkeit zur Erzeugung hochfrequenter Wechselströme auch den Weg für die Entwicklung der Funktechnologie, Nikola Teslas Erkenntnisse zur drahtlosen Energieübertragung aus dem Jahr 1900 werden inzwischen gemeinhin als erstes Funkpatent angesehen.
Auch in anderen Bereichen der drahtlosen Kommunikation war er seiner Zeit weit voraus, etwa in der Entwicklung der Fernsteuerung namens „Teleautomaton“, die er 1898 mithilfe eines Mini-U-Bootes erstmals im New Yorker Madison Square Garden demonstrieren konnte. Oder auch mit seinen frühen Ideen zur späteren Radartechnologie im Jahr 1917. Daneben beschäftigte sich das Multitalent auch mit der neuen Röntgenstrahlung, bastelte an einem Raster-Elektronen-Mikroskop oder meldete 1928 ein Patent für ein Fluggerät an, das heutigen Senkrechtstartern schon ziemlich ähnlich war. Nikola Tesla war keinesfalls ein theoretischer Physiker, sondern ein ewiger Tüftler im Gewand eines genialen Elektroingenieurs, dessen besondere Stärke darin bestand, physikalische Prinzipien praktisch nutzbar zu machen.
Sein größter Verdienst für die moderne Menschheit besteht fraglos in der weltweiten Durchsetzung des 1888 patentierten (Mehrphasen-)Wechselstrom-Systems, das ihn zu einer der herausragendsten Figuren des um 1880 einsetzenden elektrischen Zeitalters machte. In den damaligen Anfängen der Stromversorgung war es nämlich noch völlig offen, ob der Gleichstrom mit dem US-Glühbirnen-Erfinder Thomas Alva Edison als glühendstem Verfechter oder der unter anderem vom englischen Experimentalphysiker Michael Faraday entdeckte Herausforderer Wechselstrom den Sieg davontragen würde.
Nikola Tesla hatte schon früh den großen Vorteil des Wechselstroms erkannt, der sich im Unterschied zum Gleichstrom auch über weite Strecken unter hoher Spannung nahezu verlustfrei transportieren lässt. Die Idee für einen Wechselstrommotor war ihm nach eigenem Bekunden bereits 1882 bei einem Spaziergang im Budapester Stadtpark gekommen.
Dass Tesla später so innovativ sein konnte, hatte er seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Obwohl Nikola Tesla von seinem als orthodoxem Priester tätigen Vater bedrängt wurde, beruflich in dessen Fußstapfen zu treten, gelang es ihm, sein Interesse an den Naturwissenschaften mit der Aufnahme eines Studiums ab 1875 an der Technischen Hochschule in Graz durchzusetzen. Dort konzentrierte er sich bald schon auf den Maschinenbau, jedoch verlor er die anfängliche Lust am Lernen recht schnell wegen einer kaum zähmbaren Neigung zum Karten- und Billardspiel. Nach seiner Exmatrikulation 1877 wegen säumiger Studiengebühren musste er sich Jobs als Maschinenbauer suchen und fand schließlich Anstellungen bei diversen europäischen Niederlassungen von Thomas Alva Edison. Mit einem Empfehlungsschreiben, aber kaum einem Cent in der Tasche, machte er sich dann 1884 von Paris aus auf gen Amerika, wo er sogleich eine Anstellung in Edisons New Yorker Labor erhielt.
Liebling der New Yorker Schickeria
Wegen Zwistigkeiten mit seinem Chef bezüglich der Gehaltsvorstellungen nahm Tesla schon nach einem halben Jahr seinen Hut und gründete 1885 ein eigenes Unternehmen im nahen Rahway. Doch bereits nach nur einem Jahr musste die Firma Konkurs anmelden, weil Teslas Mitinvestoren trotz einer neuartigen patentierten Bogenlampe ausgestiegen waren. 1887 gründete Tesla sein zweites Unternehmen „Tesla Electric Company“ und meldete in kürzester Zeit bis Mai 1988 sieben Patente mit sämtlichen Komponenten für ein funktionierendes Wechselstromsystem an. Dieses erläuterte er der Fachwelt anlässlich eines Vortrages vor dem American Institute of Electrical Engineers. Unter den Zuhörern war auch ein gewisser George Westinghouse, der sich entschlossen hatte, in das lukrative und zukunftsträchtige Geschäft mit elektrischer Energie einzusteigen. Teslas Wechselstrom-Konzept überzeugte ihn sofort. Er kaufte Teslas Patente, und die beiden Männer zogen in den sogenannten Stromkrieg gegen Edison. Ihr erster Coup war die Illuminierung der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 mithilfe von Wechselstrom. Den finalen Sieg errangen sie 1895 mit der Eröffnung des ersten mit Wechselspannungsgeneratoren betriebenen Groß-Wasserkraftwerks der Welt an den Niagarafällen und der Energieweiterleitung in die rund 40 Kilometer entfernte Stadt Buffalo. Etwas, das mit Gleichstrom niemals möglich gewesen wäre.
Der Triumph des Wechselstroms katapultierte Tesla schlagartig zu einem Liebling der New Yorker Schickeria. Er logierte fortan nur noch in Luxushotels und pflegte einen Dandy-Look. Wobei er aus Furcht vor Krankheitsübertragungen durch Bakterien seine feinen Lederhandschuhe wöchentlich auswechselte und möglichst vermied, andere Menschen zu berühren. Zur Vielzahl seiner Marotten gehörten auch die geradezu abstruse Phobie gegen Perlenketten und Perlenohrringe sowie gegen den Geruch von Pfirsichen. Zudem hegte er eine obsessive Besessenheit von der Zahl 3. Alles – von seiner Hotelzimmer-Nummer über das Händewaschen bis zur Anzahl seiner Schritte – sollte möglichst diese Zahl enthalten oder zumindest durch sie teilbar sein.
Flussdichte-Einheit nach ihm benannt
Trotz seiner Verschrobenheit gelang es dem Exzentriker, für seine zunehmend realitätsfernen Zielsetzungen, bei denen er letztlich eine weltweit drahtlose Energieübertragung vor Augen hatte, zunächst noch, zahlungskräftige Investoren zu gewinnen. Etwa den Besitzer des noblen „Waldorf-Astoria“-Hotels oder den großen Privatbankier J. P. Morgan. In Colorado Springs experimentierte er in einem Labor mit künstlichen Blitzen, in New York ließ er sich 1901 den sogenannten Wardenclyffe-Tower mit dem unaufrichtigen Versprechen der Etablierung eines ersten transatlantischen Nachrichtenübermittlungssystems errichten.
Nachdem sich seine Geldgeber allerdings endgültig von ihm abgewandt hatten, begann sein finanzielles Siechtum. Schnell musste er in stetig schlechtere Hotels umziehen. Seine Entdeckungen oder Patente wurden immer abstruser und waren teils auch esoterisch angehaucht. Mittels Antennen wollte er freie Energie anzapfen und mit einem „Todesstrahl“ die Waffentechnik revolutionieren. Er fantasierte über die Kommunikation mit anderen Planeten und stellte die Behauptung auf, eine Art von Gedankenkamera oder auch einen von kosmischer Strahlung angetriebenen Motor entwickeln zu können. Zuletzt galt er in der Öffentlichkeit nur noch als abgedrehter Fantast, dem in seinem letzten Alterswohnsitz, dem Hotel „New Yorker“, allenfalls die Tauben Gesellschaft leisteten. Hier verstarb er am 8. Januar 1943 im Alter von 86 Jahren infolge eines Herzleidens. Aus der Vergessenheit wurde er erst 1960 durch die fortan seinen Namen tragende Einheit Tesla (T) für die magnetische Flussdichte entrissen.