Juni Habel nutzte ihre Studio-Pausen für entspannte Bücher-Exkursionen – sowie für Spaziergänge durch die Natur. Dass diese Tätigkeiten keine Flucht waren, sondern ein essenzieller Teil des Prozesses für die neuen Aufnahmen, hört man den elf zarten, luftigen, auch intimen Weisen von „Evergreen In Your Mind“ jederzeit an.
Beispielsweise fand sie beim Poeten Hans Olav Hauge Inspiration. Dessen Gedicht „It’s The Dream“ gab dem Album das Motto: „Etwas Wunderbares wird passieren…“. Wunderbares passiert dem Hörer mit „Evergreen In Your Mind“ in der Tat.
Promoter vergleichen ja gerne, um Neugier zu wecken. Bei der Norwegerin Juni Habel sind es folgende Namen, die gelistet werden: Joanna Newsom, Joni Mitchell und Jessica Pratt. Diese Vergleiche darf man mühelos gelten lassen. Auch wenn die bisweilen aufkeimende klangliche Verdichtung und stilistischen Haken und Finessen dieser drei Songschmiedinnen bei Habel nicht wirklich Entsprechung finden. Klangliche Experimente beschränken sich bei ihr lediglich auf das Integrieren von Alltagsgeräuschen wie fallende Schlüssel oder das rhythmische Klopfen auf Tischbeine. Nichts Extremes mithin, gleichwohl spürt man jederzeit die Spielfreude und Klangneugierde im ansonsten dezent inszenierten Folk-Flow.
Die akustischen Saiten einer Gitarre und auch mal jene einer Ukulele geben den Ton an. Bisweilen gesellen sich Orgeltasten oder ein Cellostrich hinzu. Im Zentrum dieses Nachfolgers des bereits bemerkenswerten Vorgängers „Carvings“ (2023) steht erneut die herzerwärmende Stimme der Sängerin. Sie flüstert, fleht und haucht – und sie befüllt emotionale Räume, die irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit existieren. Was viele affine Folk-Gourmets ja unweigerlich in den Bann zu ziehen pflegt.
Ja, und plötzlich, beim vorletzten Track mit dem Titel „Colours Close To Me“, denkt man sogar an Leonard Cohen. Kein Wunder, thematisch umkreist Juni Habel tatsächlich ähnliches Terrain. Dieses ist wohl etwas weniger abgründig, aber ihre Metaphern zwischen Sehnsucht und Schmerz, Liebe und Natur sind doch vergleichbar intensiv.