Die „West Side Story“ feiert am 13. August vor dem Saarpolygon Premiere. Bernsteins Musical-Klassiker und das Industriedenkmal verschmelzen zu einem außergewöhnlichen Theatererlebnis. Festivalleiter Joachim Arnold berichtet im Interview über die Entstehung der Freiluftinszenierung.
Die Musik schwillt an. Menschen tanzen, lachen, drehen sich über das Parkett. Dann trifft Tony sie zum ersten Mal. Maria. Für einen Augenblick scheint die Welt um sie herum stillzustehen. Doch ihre Liebe hat kaum eine Chance, bevor sie überhaupt beginnen darf. Denn zwischen den beiden stehen Vorurteile, Rivalitäten und der erbitterte Konflikt zweier New Yorker Straßengangs: der Jets und der Sharks.
Mit der „West Side Story“ schufen Autor Arthur Laurents und Komponist Leonard Bernstein einst eine moderne Version von Shakespeares „Romeo und Julia“ – verlegt in das pulsierende New York der 1950er-Jahre. Die Mischung aus mitreißender Musik, großen Gefühlen und zeitlosen Konflikten machte das Musical zu einem Welterfolg, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
Herr Arnold, die „West Side Story“ galt bei ihrer Uraufführung als Gegenentwurf zur klassischen Oper. Warum passt das Musical dennoch zu den Opernfestspielen – und warum fiel die Wahl gerade auf dieses Stück?
Naja, der Begriff Opernfestspiele ist recht weit gefasst. Wir beziehen uns im Prinzip auf spektakuläres Musiktheater, nicht ausschließlich auf Opern. An einem spektakulären Ort muss man spektakuläre Stücke zeigen. Im gesamten Werkkanon gibt es maximal ein Dutzend, die man so bezeichnen kann, und die „West Side Story“ ist eines davon. Mit diesem Stück sprechen wir nach der „Zauberflöte“ ein noch weiteres Publikum an. Wir müssen populär sein, um die Opernfestspiele zu etablieren. Das sollte mit diesem Musical gelingen. Als klassischer Theaterstoff funktioniert die Geschichte hervorragend und lässt sich bestens in diesem Setting aufarbeiten.
Das Saarpolygon wird zur Kulisse – und zum Mitspieler?
Wenn man an „West Side Story“ denkt, hat man direkt die Wolkenkratzer New Yorks vor dem inneren Auge, Metall, eine raue Atmosphäre, Brutalität, Lärm, Öl, große Fallhöhen – das passt perfekt zu dem Stahlgebilde, das mit dem Bühnenbild zu einer Einheit verschmilzt.
Da erkennt man auch eine Parallele zum Saarland als Grenz- und Industrieregion.
Absolut! Unbeabsichtigt, aber der Bogen zum Saarland ist nicht zu verkennen.
Welche Themen des Stücks sind denn heute noch aktuell oder scheinen sogar aktueller als bei der Uraufführung?
Es klingt vielleicht stereotyp, aber die Themen vom Ende der 50er-Jahre sind nach wie vor hochaktuell. Ob wir das nun Rassismus nennen, wenn die weißen Jugendlichen und die Puerto-Ricaner sich gegenseitig verkloppen, oder aber rivalisierende beziehungsweise verfeindete Familien wie bei „Romeo und Julia“ – es ist Aus- und Abgrenzung und abschätziges Verhalten anderen Gruppen gegenüber. Wer andersartig ist, erfährt Leid, obwohl keiner etwas dafür kann. Das war schon das Tragische bei Romeo und Julia, ist es bei Tony und Maria und im Alltag heute. Jugendgangs, Subkulturen und die Hemmungslosigkeit bei Streitigkeiten, die zu körperlicher Gewalt führen, sind auch heute noch Themen. Überall auf der Welt. Und weil die Themen zeitlos sind, bedarf das Stück auch keiner Aktualisierung. Die Kostüme und das Setting sind von damals und trotzdem auf die heutige Zeit übertragbar. Nur das Bühnenbild ist eine gewisse Abstraktion, die man gesehen haben muss, mit dem Saarpolygon als Manhattan. Ein schiefes World Trade Center, das auch sinnbildlich für Aufstieg und Hoffnung stehen kann
Wie gelingt das Stück szenisch?
Es ist ein Tanzstück. Wir brauchen also eine große, betanzbare Bühne, in der zwei Gangs aufeinander losgehen können. Ruheorte, an denen ruhigere Momente – etwa Marias Arien – wirken können. Tempo, Verstecke und überraschende Auftritte aus dem Off – dafür gibt es neben der ebenen Bühne Aufgänge und Treppen. All das wird vorher bis ins kleinste Detail in einem 3D-Modell am Computer geplant. Der Regisseur kommuniziert, was er sich vorstellt und was er braucht, und dann wird das Licht simuliert. Wir können in unserem Modell dann sehen, wie und wo etwas ankommt. Auch aus Zuschauerperspektive.
Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nie von „West Side Story“ gehört hat. Leonard Bernsteins Musik bewegt sich zwischen Musical, Oper und Sinfonik. Was macht sie so reizvoll, sowohl für das Publikum als auch für die Musiker?
Bernsteins Musik ist genial, weil er genau diese genannten Aspekte kombiniert. Die Bandbreite ist wahnsinnig. Sinfonische Klänge, unvergessliche Melodien, Jazz – die Rhythmik dieser puerto-ricanischen Klänge ist unfassbar. Das Stück bekommt einen besonderen Drive, der die Tanzszenen anschiebt. Die vielen Bläser machen Druck. Eine Mischung aus dreckigem Street-Sound mit Jazz-Einflüssen und fast schon kitschigen, perfekt ausgearbeiteten Melodien. Genau diese Mischung macht den Reiz aus. Da kann man sich leicht vorstellen, warum das Stück für die 31 Orchestermusiker so spannend ist. Das Stück wollen wirklich alle spielen. Es ist aber auch irre anspruchsvoll und ein Mordsspaß, wenn es funktioniert.
Muss das Orchester beziehungsweise die musikalische Umsetzung dem Freilufttheater in dieser Höhe des Saarpolygons angepasst werden?
Überhaupt nicht. Wir spielen die Originalbesetzung. Am Broadway wurde auch mit 31 Musikern gespielt. Sie sitzen alle in einem integrierten Orchesterkasten, der in das Bühnenbild integriert ist. Ansonsten kommt die elektronische Verstärkung ins Spiel – an Equipment haben wir das Hochwertigste, was es gibt. Denn darauf kommt es letztlich beim Freilufttheater an – die Tonanlage ist unschlagbar und was der Tontechniker abmischt, ist essenziell wichtig. Das Sounddesign ist seit 2022 ausgeklügelt und an die Gegebenheiten angepasst.
Wann weiß man, dass ein Abend gelungen ist?
Ganz einfach: Wenn das Publikum applaudiert und nicht mehr aufhören will. Man steckt aber nicht drin. Theater ist niemals ein Selbstläufer! Aber wir sind optimistisch, dass wir das Publikum mitreißen können – an einem außergewöhnlichen Ort, mit großartigen Darstellern, exzellenten Musikern und feinster Technik.