Wie die deutsche Fußball-Nationalelf ganz unterschiedliche Emotionen weckt
Wutentbrannt haut der junge Mann mit der Hand aufs Sofa, ehe er laut schimpfend und fast den Tränen nahe aufspringt: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Er fühlt sich betrogen – um sein ganz persönliches Sommermärchen, um die Aussicht auf weitere Grillabende am Pool mit seinen Freunden, vereint beim gemeinsamen Mitfiebern mit der deutschen Nationalmannschaft. „Wie kannst Du nur so ruhig dasitzen?!“, faucht er den Älteren an. Sein Frust braucht ein Ventil. Ein 16-Jähriger – völlig aufgelöst, fast schon verzweifelt. Betrogen um ein Fußballerlebnis, wie er es selbst nur aus den Erzählungen seines alten Herrn kennt.
Eines haben die beiden gemeinsam: Den ersten WM-Titel einer deutschen Fußballnationalmannschaft erlebten sie beide eher unbewusst im Alter von vier Jahren – der Ältere 1974, der Jüngere 2014. Der Ältere aber kann von vier weiteren WM-Finals erzählen, von zwei dritten Plätzen und vor allem ausgiebig von zwei Titeln schwärmen. Dazu von fünf weiteren Finals, drei Halbfinals und zwei Titeln bei Europameisterschaften. Und der Jüngere? Wieder einmal werden all seine Hoffnungen auf einen schönen Fußballsommer frühzeitig im Keim erstickt. Aus in der Runde der letzten 32 – gegen Paraguay, die Nummer 41 der Weltrangliste.
Der junge Mann kann einem wirklich leidtun. Sein einziges halbwegs bewusst erlebtes Highlight mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war ein Halbfinale bei der EM 2016 in Frankreich – das letztlich doch wieder negativ mit einem 0:2 gegen den Gastgeber endete. Zehn lange Jahre danach hat er nur fußballerische Tristesse erlebt. Zweimal ist die deutsche Elf seither in der Vorrunde einer WM gescheitert, und auch beim aktuellen Turnier durfte er lediglich ein Spiel länger „mitfiebern“, weil das Turnier deutlich aufgebläht und mit dem Sechzehntelfinale eine neue Zwischenrunde eingefügt wurde. Und EM? Wenig besser.
Während der junge Mann tobt und nicht weiß, wohin mit seinem Frust, sitzt der Ältere nahezu regungslos und scheinbar unbeteiligt auf demselben Sofa, das der Jüngere gerade noch malträtiert hat. Bei keinem der drei verschossenen Elfmeter der Deutschen und auch nicht beim Siegtreffer für Paraguay hat sich sein Puls auch nur ein μ nach oben oder unten bewegt. Er hat fußballerisch schon viel gesehen. War als Journalist lange selbst ganz nah dran am großen Geschehen, auch an der Nationalmannschaft vor der WM 1998 beispielsweise. Er hat viele sportliche Höhen und Tiefen miterlebt, aber im Gegensatz zum jungen Mann eben weitaus mehr Höhen.
Tatsächlich hat sich der Ältere aber schon lange vor dem ersten WM-Anstoß innerlich von allen Erwartungen ans deutsche Team verabschiedet. Nicht wegen der Erkenntnis beim Blick auf den Turnierplan und einem halbwegs normalen Turnierverlauf, dass man vermutlich bereits im Achtelfinale gegen Frankreich würde antreten müssen. Sondern wegen der Baustellen, die der Bundestrainer unmittelbar vor dem Turnier selbst aufgemacht hat.
Da war zum einen Julian Nagelsmanns generelle Kommunikation, die jede Kritik stets brüsk zurückgewiesen hat. Da war zum anderen sein öffentlicher verbaler Tiefschlag gegen den bis dato treffsichersten Stürmer Deniz Undav. Vor allem aber war da die mit einem regelrechten Kommunikationsdesaster verbundene Ausbootung der bisherigen Nummer eins Oliver Baumann und die Rückholaktion Manuel Neuers. Und wozu? Für die vage Hoffnung auf das Wiederaufleben der einstigen Weltklasse des inzwischen 40-Jährigen? Einem, der seit zwei Jahren kein Spiel mehr für die Nationalmannschaft gemacht und in der abgelaufenen Saison beim FC Bayern stolze 20 Gegentore in 22 Einsätzen kassiert hat?
Wenn ein Bundestrainer ohne jede Not unmittelbar vor der WM selbst für solch große Unruhe im Team sorgt und sein Konzept augenscheinlich nur auf das Prinzip Hoffnung aufbaut und nicht auf Leistung, lässt das eben schon im Vorfeld eines Turniers nur wenig Gutes erahnen.
Rückschläge für ein deutsches Team gab es schon immer. Aber ein Jahrzehnt ohne sportliche Höhepunkte zeigt eindrucksvoll, dass Deutschland fußballerisch nicht mehr Spitze, sondern längst nur noch Mittelmaß ist. Derzeit gibt es wenig Hoffnung für den gefrusteten 16-Jährigen, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern wird. Er wird wohl noch lange auf sein ganz persönliches Sommermärchen warten müssen – auch Jürgen Klopp kann keine Wunder bewirken.