Fünf Wochen lang stand Marie-Louise Eta voll im Fokus, auch über die Landesgrenzen hinaus. Als neue Trainerin der Fußballerinnen von Union Berlin ist der Druck deutlich geringer. Was sie aus ihrer intensiven Zeit bei den Männern für die neue Aufgabe mitnimmt.
Marie-Louise Eta saß an jenem 11. April dieses Jahres, der ihr Leben schlagartig auf den Kopf stellen sollte, nichtsahnend zu Hause vor ihrem Laptop. Die Trainerin der U19-Mannschaft des 1. FC Union Berlin bereitete sich gerade auf das nächste Spiel vor, als ihr Handy klingelte. „Herr Zingler rief an und teilte mir kurz und knapp mit, dass ich für die kommenden fünf Wochen die Männermannschaft übernehmen soll“, sagte die 34-Jährige rückblickend dem RBB. Was der Club-Boss „kurz und knapp“ sagte, war nichts weniger als eine historische Entscheidung, die weltweit für Schlagzeilen sorgte. Als erste Frau übernahm Eta eine Männermannschaft in der Fußball-Bundesliga, nachdem Steffen Baumgart entlassen worden war. In diesen fünf Wochen lag ein enormer Fokus auf der Arbeit der Trainerin, und dabei ging es nicht nur um das sportliche Ziel „Klassenerhalt“. Ein Scheitern der Mission wäre auch ein Rückschlag für das Bestreben nach mehr Gleichberechtigung im Profifußball gewesen. Alle schauten auf das, was Eta bei Union macht. Und wie. Und vor allem, ob es erfolgreich ist.
Eine historische Entscheidung
Dieser riesengroße Druck ist jetzt weg. Eta bleibt zwar in der Bundesliga – allerdings übernimmt sie die Unioner Frauenmannschaft. So wie es schon vor ihrem erfolgreichen Interimsjob bei den Männer-Profis vertraglich festgehalten wurde. Sie wolle mit dem Tabellen-Neunten der Vorsaison „den nächsten Schritt“ gehen, sagte Eta: „Die Entwicklung der Mannschaft im ersten Bundesliga-Jahr habe ich aufmerksam verfolgt. Das Team, in dem ich einige Spielerinnen aus der vergangenen Saison bereits kenne, hat in den vergangenen Jahren Großartiges geleistet. Darauf werden wir aufbauen und die Mannschaft weiter voranbringen.“
Die prominenteste Person im Team ist aber sie selbst. Die fünf Wochen im Fokus haben ihr eine Bekanntheit beschert, die nicht immer nur angenehm war. Nicht wenige Fans waren voreingenommen, manche äußerten ihre Bedenken auch öffentlich. Einige waren sogar klar frauenfeindlich. Keine angenehme Situation. Eta kam entgegen, dass die sportliche Situation bei Union ihre volle Aufmerksamkeit verlangte. „Ich hatte tatsächlich kaum die Zeit dafür, mich mit Berichten über mich auseinanderzusetzen und mir Kommentare über mich durchzulesen“, sagte sie: „Das wurde eher von außen an mich herangetragen.“ Ihr Club kämpfte offensiv gegen diese Botschaften von meist anonymen Usern und prangerte sie öffentlich an. Eta selbst wollte das Thema nie so nah an sich heranlassen. „Solche Kommentare sagen mehr über die Menschen aus, die sie verfassen, als über mich“, sagte sie und betonte, dass es auch viele positive Kommentare und Botschaften gegeben habe. „Ich habe sehr viele Nachrichten bekommen, teilweise sogar aus Südamerika oder Australien. Von Mädchen und Frauen, aber auch – das freut mich sehr – von Männern, die mir schreiben, wie toll sie das finden und wie stark sie mir die Daumen drücken.“ Auch Trainerinnen hätten ihr geschrieben, „die mich als Vorbild nehmen“. Sie verstehe, dass das für die Öffentlichkeit ein „großes Thema“ gewesen sei und auch „gesellschaftlich eine Signalwirkung haben“ könnte. Aber: „Darum ging es mir nicht. Das war nie das, was ich mir vorgenommen habe.“ Sie habe dann aber versucht, „diese Rolle auch anzunehmen“. Doch vordergründig freute sich die Trainerin darüber, in der Bundesliga arbeiten zu dürfen. Es war nicht ihre erste Bundesliga-Erfahrung. Schon im November 2023 wurde sie die erste Co-Trainerin der Bundesliga und sogar in der Champions League, als sie nach dem Aus von Urs Fischer gemeinsam mit Marco Grote übernahm und später dann auch Nenad Bjelica assistierte. Als der Kroate zwei Spieltage vor Schluss in der Saison 2023/24 gehen musste, sprang Eta mit Grote erneut ein und schaffte den Klassenerhalt. So auch diesmal – als viel beachtete Cheftrainerin.
„Ich glaube, sie hat uns ein bisschen befreit“, sagte Mittelfeldspieler Andras Schäfer. Und zwar auch ein wenig von Defensiv-Fesseln. Eta bevorzugte eine offensivere Spielart als Vorgänger Baumgart und dessen Vorgänger. Sie versuchte, ihren Spielern vom ersten Training an zu vermitteln, dass sie mit mehr Mut in ihre Offensivaktionen gehen sollten. Und sie sorgte auch dafür, dass die Spieler das taktische Rüstzeug dafür bekamen. „Es ging nicht darum, dass wir auf einmal Tiki-Taka-Fußball spielen“, erklärte die Trainerin, „sondern auch darum, offensive Lösungen mit an die Hand zu geben“. Das funktionierte zunächst nur bedingt, beim viel bejubelten 4:0 zum Saisonabschluss gegen den FC Augsburg trug die Arbeit aber Früchte. „Wir sind jetzt mutiger und versuchen mehr mit dem Ball“, sagte Kapitän Christopher Trimmel. Laut Schäfer habe man versucht, unter Eta „die Spiele und Fußball zu genießen“.
Rückhol-Option theoretisch da
Das soll nun auch unter dem neuen Cheftrainer Mauro Lustrinelli so sein. Und Eta wird dann das Frauen-Bundesligateam übernehmen, so wie geplant. „Wir sind überzeugt, mit Mauro Lustrinelli und Marie-Louise Eta beide Mannschaften gut besetzt zu haben. Dazu kommt das neue Profitrainingszentrum“, sagte Union-Präsident Zingler: „Ich habe die Fantasie, dass das gut gehen kann. Darauf freue ich mich schon.“ Seine Fantasie wird auch dadurch beflügelt, dass Union viel Geld in die Hand nimmt, um ein neues Trainingszentrum zu bauen – wo dann Männer und Frauen untergebracht sind. „Ich freue mich jetzt schon zu sehen, wie unser Trainer Mauro Lustrinelli und unsere Trainerin Marie-Louise Eta mittags an einem Tisch zusammen essen und über Fußball diskutieren“, sagte Zingler der „Bild“: „Permanenter fachlicher Austausch in einem sehr modernen Trainingszentrum – wenn ich ehrlich bin, kann ich das kaum erwarten.“ Zingler hatte von Anfang an klar gemacht, dass Eta bei den Männern eine Interimslösung ist und eine Weiterbeschäftigung auf dem Posten auch im Erfolgsfall damit quasi ausgeschlossen. Ein Problem war das für die Trainerin nach eigener Aussage nicht. Das sei „so klar kommuniziert“ worden „und daher für mich auch kein Thema“. Und Zinglers Bitte, die A-Jugendmannschaft für den Rest der Saison in die Hände ihrer Co-Trainer zu geben und die Profis zu übernehmen? „Es war eher eine Aufforderung, ja“, sagte Eta: „Er hat mich aber am Ende auch noch gefragt, ob ich das machen will.“ Sie wollte – und lieferte. So gut, dass Union immer auch die Option hat, sie wieder zu befördern, sollte Lustrinelli doch nicht funktionieren.
Doch darüber will die Pionierin nicht nachdenken. Ihr voller Fokus liegt nun auf dem Frauen-Team, dem sie dank der Erfahrungen der vergangenen Wochen sicher noch mehr beibringen kann. „Natürlich gab es in der Zeit auch Druck, weil der Klassenerhalt noch nicht gesichert war und es galt, Punkte zu holen. Wir wollten aber auch Spieler weiterentwickeln und sie dafür menschlich abholen“, sagte Eta über ihre Zeit als Trainerin von Trimmel und Co.: „Da kann ich viel für die kommende Aufgabe bei den Frauen mitnehmen.“ Ob ihre Pionierarbeit in der Männer-Bundesliga in Sachen Geschlechter-Gleichheit wirklich etwas verändert, wird die Zeit zeigen. Das Magazin „Stern“ ist sich bei dem Thema aber schon sicher: „Das Patriarchat auf der Trainerbank hat ausgedient.“