Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist bei der WM in Nordamerika schon wieder früh gescheitert. Und mehr denn je stellt sich die Frage: Wann wird das endlich wieder besser?
Eine kleine Verbesserung war es nur auf den ersten Blick. Zwar hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Gegensatz zu den vorherigen Weltmeisterschaften 2018 und 2022 diesmal die Vorrunde überstanden. Doch da das Aus dann direkt im neuen Sechzehntelfinale kam, bleibt am Ende stehen: Deutschland ist wieder in der Runde der besten 32 gescheitert. Wie bei den WMs davor.
Und bei genauerem Hinsehen ist die Blamage von Nordamerika eigentlich sogar größer als die vor vier Jahren in Katar. „Ich war bei den letzten Turnieren nach dem Ausscheiden nie so fassungslos wie nach diesem Mal“, sagte Deutschlands letzter Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm. In Katar besiegelte quasi schon die Auftaktniederlage gegen Japan, die durch das Auftreten der Asiaten in den Jahren danach etwas relativiert wurde, das Aus. Es folgten ein eigentlich achtbares 1:1 gegen Spanien und ein am Ende wertloser Sieg gegen Costa Rica. Diesmal gab es nach dem 7:1 gegen Curaçao, den kleinsten WM-Starter der Geschichte, ein glückliches 2:1 gegen die Elfenbeinküste, ein 1:2 gegen Ecuador und das Aus gegen Paraguay. Die Gruppen-Ergebnisse relativieren sich noch mal dadurch, dass die Elfenbeinküste und Ecuador gegen Norwegen und Mexiko auch gleich in der nächsten Runde rausflogen. Und Paraguay war eigentlich ein Gegner, gegen den man, unter welchen Umständen auch immer, als Deutschland niemals verlieren darf. „Für die, die es noch nicht kapiert haben: Wir haben gegen die schwächste Mannschaft aus der Vorrunde gespielt und haben es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen“, sagte der 2014er-Weltmeister Per Mertesacker als ZDF-Experte.
„Wir müssen uns an die eigene Nase packen“
Nun könnte man sich unterhalten über das vermeintliche 2:1 von Jonathan Tah, das wegen eines kleinen Remplers von Waldemar Anton gegen Paraguays Torhüter aberkannt wurde. Bundestrainer Julian Nagelsmann nannte es auch einen „Vollskandal“. Doch das würde dem Thema nicht gerecht werden. „Wir müssen uns an die eigene Nase packen“, sagte Tah, der durch das Tor erst der Held werden konnte und am Ende den entscheidenden Elfmeter vergab, zurecht. ZDF-Experte Christoph Kramer erklärte: „Du darfst gegen Paraguay nicht in die Verlängerung kommen. Wir haben entschieden, dass sie so spielen können und wir uns am Ende über eine Schiedsrichterdiskussion beklagen. Dazu darf es niemals kommen.“
Die Probleme waren zu offensichtlich. „Wir sagen in Deutschland schon seit Jahren, dass wir alles analysieren müssen. Und dann retten wir uns von Turnier zu Turnier. Aber so ändert sich nichts“, sagte Samir Arabi, Sportvorstand von Fortuna Düsseldorf, in einem WM-Talk beim Public Viewing in Herten. Der neben ihm sitzende Mike Büskens, der als Trainer Fürth und Schalke in die Bundesliga führte, erzählte, dass er ab 2019 für zwei Jahre als Co-Trainer im Juniorenbereich beim DFB arbeitete. „Schon damals ging es darum, ob wir das Siegen verlernt haben und ob wir nicht mehr für die Werte stehen, die Deutschland einst stark gemacht haben. Daraus ist nichts entstanden. Wir spielen immer noch genauso lethargisch wie 2018 in Russland.“
Die Probleme liegen also tiefer. Und sie wurden bei diesem Turnier durch viele weitere Faktoren potenziert. Trainer Nagelsmann, der das da schon am Boden liegende Team 2023 wieder angezündet und zu einer ordentlichen Heim-EM 2024 geführt hatte, erntete viel Kritik für seine Kommunikation, aber auch seine Arbeitseinstellung. „Er hat seinen Job nicht gewissenhaft gemacht“, sagte Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann bei Sky, nachdem Nagelsmann erklärt hatte, seinen bis 2028 laufenden Vertrag erfüllen zu wollen: „Er war letztes Jahr nicht bei der Klub-WM, er war nicht bei der U21-EM, da ist er erst zum Finale hingefahren, nachdem es großen öffentlichen Druck gegeben hat, und auch nicht beim Afrika-Cup. Er ist selten im Stadion. Er hat zwei Jahre Zeit gehabt, die Mannschaft vorzubereiten. Das hat er nicht gemacht. Deswegen darf er auch keine Chance bekommen, das beim nächsten Turnier zu machen.“ So kam es dann auch. Nach Druck von der DFB-Spitze trat Nagelsmann schließlich zurück. Als Nachfolger stand da längst Jürgen Klopp in den Startlöchern.
Das hat durchaus eine pikante Note. Schließlich hatte der frühere Liverpool-Coach als Experte bei „Magenta“ auch für Störfeuer gesorgt. „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch“, hatte er schon vor dem ersten Spiel gesagt. Als Nagelsmann, der sich auf der Pressekonferenz zunächst nicht dazu äußern wollte und sichtlich verärgert war, nach dem Spiel neben ihm stand, entschuldigte er sich: „Ich hätte mir dafür aufs Maul hauen können, aber das war schon zu spät und ich war im Fernsehen. Das ist flapsig rausgerutscht. Was ich festgestellt habe: Ich werde übermorgen 59 und bin immer noch dämlich.“
Ärger im Teamhotel
Doch solche Dinge kamen offenbar nicht nur von außen. Es habe „viel Unruhe gegeben, die nicht rübergekommen ist“, sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus der „Bild“-Zeitung. Es sei „um Reisemöglichkeiten, um Hotelbuchungen gegangen. War doch alles ein Thema in der Mannschaft. Ist nie in den Medien erschienen in den letzten zwei Wochen. Aber ich weiß, dass es ein Thema war und der eine dann sauer war auf den anderen, weil bei einem die Mama mitfliegen durfte, beim anderen durfte die Frau mitfliegen, dann durften die Kinder mitfliegen und die anderen mussten dann mit der Linienmaschine fliegen.“
Das rief sogar Vertreter anderer Sportarten auf den Plan. „FAMILIENTAGE? Während einer Fußball-WM? Geht’s noch?“, schrieb Bob Hanning, italienischer Handball-Nationaltrainer und Geschäftsführer der Füchse Berlin, in der „Bild“ bewusst in Großbuchstaben und analysierte: „Der Lack ist ab. So sehr diese Erkenntnis auch schmerzt, aber die Nationalmannschaft anno 2026 ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: satt, träge und selbstgerecht. Weniger leisten, mehr bekommen ist die Maxime. 70 Prozent sind das neue 100. Mir sind fast die Ohren abgefallen, als ich von den Family Days im deutschen Camp hörte.“ Der Vergleich zur Lage der Nation wurde einige Male gezogen. „Der Fußball als Abbild des ganzen Landes: Deutschland mangelt es an Tempo“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“ und hatte zuvor analysiert: „Eine Nationalmannschaft muss in einem Turnier wachsen. Diese deutsche Mannschaft ist geschrumpft. Ihr Auftritt zum schlechten Ende mit drei vergebenen Elfmetern fasst die Widerstandslosigkeit kompakt zusammen.“
Dauerkrise seit zehn Jahren
Die von Spiel zu Spiel schlechter werdenden Leistungen lagen wohl auch an den Umständen. Angefangen von Nagelsmanns Kommunikation in den Fällen von Torjäger Deniz Undav als Joker und Manuel Neuer als Rückkehrer im Tor. Die Formschwäche der beiden „Zauber-Lehrlinge“ Florian Wirtz nach mäßiger erster Saison in England und Jamal Musiala nach langer Verletzung. Die Ausfälle der auf der rechten Offensivseite vorgesehenen Serge Gnabry und Lennart Karl, die dafür sorgten, dass Leroy Sané dort dauerhaft spielen musste und zum Diskussions-Objekt wurde. Auch, weil Joshua Kimmich hinter ihm längst nicht so überzeugte wie bei der EM 2024, Sané viel Defensivarbeit verrichten musste und offensiv kaum Durchschlagskraft hatte. Nach der Verletzung von Nico Schlotterbeck fehlte der einzige Linksfuß in der Abwehr und der mit dem besten Offensivspiel. Ersetzt wurde er von Antonio Rüdiger, der gute Leistungen brachte, durch einige Vorfälle in den vergangenen Jahren in den Augen vieler Experten aber gar nicht hätte mitreisen dürfen.
„Es gibt 500.000 Wege, ein Fußballspiel zu gewinnen. Du musst nur einen finden“, sagte Klopp nach dem Paraguay-Spiel. Nicht einen davon hat das DFB-Team gefunden. Klopp: „Es war dramatisch. Wir haben nicht funktioniert. Wir wissen alle, wie gut die Jungs spielen können, aber das haben sie nicht auf den Platz bekommen.“
Das aber nun seit zehn Jahren. Von 2006 bis 2016 erreichte Deutschland sechsmal in Folge mindestens das Halbfinale einer WM oder EM. Seitdem fünfmal in Folge nicht. Ein verlorenes Jahrzehnt. Weil die Identität fehlt, das Potenzial in der Breite und die Spitze vielleicht auch nicht so stark ist wie gedacht. Alle feierten in dieser Saison den Fußball des FC Bayern. Doch die prägenden Figuren waren der Engländer Harry Kane, der Franzose Michael Olise oder der Kolumbianer Luis Díaz, die allesamt auch bei der WM überzeugten.
Für Deutschland steht dagegen der nächste Tiefpunkt. „Man braucht eine Idee, wie man agieren will – auf dem Spielfeld, in der Offensive, in der Defensive“, sagt Lahm: „Ich glaube, das haben wir schon eine lange Zeit nicht mehr.“ Auch schon lange vor Nagelsmann. Weswegen man auch davon ausgehen kann, dass es mit einem Trainerwechsel alleine längst nicht getan ist. Die Probleme liegen viel tiefer.