Paul Drux soll 2028 Bob Hanning als Geschäftsführer bei den Füchsen Berlin ablösen. Darauf bereitet er sich schon jetzt akribisch vor. Was der Ex-Kapitän für den Job mitbringt und warum die Beziehung zu Hanning so eng ist.
Meinungsfreudig war Bob Hanning schon immer. Und so bekam der Handball-Fachmann von der Zeitung „Die Welt“ die Chance, in einem Kommentar seinen Frust über das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM loszuwerden – inklusive der Gründe aus seiner Sicht. „Wut, Frust, Enttäuschung – was habe ich mich geärgert. Und, ganz ehrlich: Mir kocht das Blut noch immer in den Adern! An einen ähnlich schlechten Turnierauftritt einer deutschen Nationalmannschaft wie gegen Fußball-Zwerg Paraguay kann ich mich nicht erinnern. Ohne Feuer. Ohne Eifer. Ohne Ehrgeiz. Ohne Mumm“, schrieb der Geschäftsführer der Füchse Berlin und Handball-Nationaltrainer Italiens. Und dann spannte Hanning den ganz großen Bogen: Das Team um Kapitän Joshua Kimmich sei „ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: satt, träge und selbstgerecht“. Das Mindset habe überhaupt nicht gestimmt, polterte der 58-Jährige: „Nuancen entscheiden, nicht bloß Gucci, Gucci, Cappuccino.“ Nur noch bei der Hotelwahl sei man im deutschen Fußball Weltklasse, „in Deutschland packen wir unsere Stars in Watte, statt sie zu Höchstleistungen anzustacheln.“ Ach ja, auch den zeitweiligen Familienbesuch im Teamcamp prangerte Hanning an, so etwas habe es bei seiner italienischen Handball-Nationalmannschaft nicht gegeben. „Wir entschieden uns für den Leistungsgedanken – und qualifizierten uns sensationell für die WM.“
„Möchte im richtigen Moment loslassen“
Ob dieser Quervergleich wirklich Sinn ergibt, sei mal dahingestellt. Für seine ziemlich plakativen Aussagen erhielt Hanning von der „FAZ“ jedenfalls den „Preis für die dümmste Erklärung“, was das WM-Scheitern der DFB-Elf betrifft. Ein Satz in Hannings Kommentar würden aber wohl alle unterstreichen, die im Leistungssport tätig sind: „Harte Arbeit, Fokussierung und, ja, auch Entbehrung gehören zu den Opfern, die man bringen muss, wenn Außergewöhnliches entstehen soll.“ Paul Drux dürfte vor allem diesen Satz aufmerksam gelesen haben, denn der frühere Handball-Nationalspieler soll auf Sicht Hanning als Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin ablösen. 2028 will sich Hanning zurückziehen und dem Ex-Profi, der jahrelang Publikumsliebling und Identifikationsfigur des Vereins war, den Staffelstab für die Club-Führung übergeben. „Ich möchte im richtigen Moment loslassen: dann, wenn wir die beste Mannschaft haben, wirtschaftlich gesund aufgestellt sind und dieser Club über hervorragende Strukturen verfügt“, sagte Hanning: „In einem solchen Moment zu sagen: ‚Ich lasse los‘, finde ich richtig.“
Noch ist es nicht so weit. Der Verein ist trotz des Meistertitels 2025 noch nicht auf dem absoluten Höhepunkt, die Mannschaft kann sich punktuell noch verbessern – und Drux ist noch längst nicht so weit, die neue Karriere in derart verantwortungsvoller Position zu starten. Doch er arbeitet daran. Seit Juni arbeitet er in der Füchse-Geschäftsstelle und schaut vor allem Hanning über die Schulter, um in alle Prozesse einzutauchen und „Nähe zu Partnern“ zu schaffen. Zuletzt absolvierte er als Trainee eine Art Lehre bei der Berliner Firma Kieback&Peter. Dort sammelte er wertvolle Erfahrungen in der realen Arbeitswelt und bekam einen Einblick in komplexe Strukturen sowie Grundsätze in der Unternehmensführung. Ein Jahr durchlief Drux beim Füchse-Hauptsponsor, der über 1.700 Mitarbeiter an 50 Standorten beschäftigt, verschiedene Stationen. Das Unternehmen bietet eine digitale Vernetzung und Steuerung von gebäuderelevanten Aspekten wie Heizung, Lüftung, Klima und Brandschutz an.
„Die Füchse wollen der weltweit nachhaltigste Club sein, da passt das doch perfekt zu uns“, sagte Christoph Ritzkat, Geschäftsführer des Unternehmens: „Paul Drux ist der erste Profisportler, den wir hier bei uns ausbilden. Als mir Bob Hanning erklärte, dass Paul später sein Nachfolger werden soll, haben wir beschlossen: Paul soll hier reinschnuppern.“ Drux ging die Aufgabe nicht ganz unbefleckt an, immerhin hat er sein Wirtschaftsinformatik-Studium erfolgreich abgeschlossen. Trotzdem hat er in seiner Zeit als Trainee sehr viel gelernt, das er auch später für seine Aufgabe als Füchse-Boss gebrauchen kann. „Wir waren in Italien, Österreich und deutschen Städten, haben Geschäftspartner, Tochtergesellschaften und Banken besucht. Ich wurde in strategische Prozesse eingeweiht, habe schnell gemerkt, wie der Berufsalltag eines Managers ist“, sagte der 31-Jährige der „Bild“. Eines sei ihm dabei besonders aufgefallen: „Raus aus der Sportblase in die Berufs- und Wirtschaftswelt“, das sei „ein harter Cut“ gewesen.
„Er ist für mich wie ein Kind“
Drux hatte zuvor eigentlich nur den Leistungssport gekannt. Schon früh war sein Talent entdeckt und bei den Füchsen gefordert worden. Mit der A-Jugend des Clubs gewann er dreimal in Folge die deutsche Meisterschaft, in der Saison 2012/13 gab der Rückraumspieler sein Debüt in der Profimannschaft. Schnell stieg er zum Gesicht des Teams auf, mit seiner leidenschaftlichen Art gewann er sofort die Herzen der Fans. Über all die Jahre war Hanning sein Protegé. „Die drei Jahre Jugendzeit, in denen er mein Trainer war, haben mich natürlich extrem geprägt und auch danach war er nicht nur der Geschäftsführer und sozusagen Chef, sondern auch ein Freund und Mentor“, sagte Drux einmal über das Verhältnis zu Hanning. Ihn habe er „Tag und Nacht um Rat“ bitten können –
und immer eine Antwort erhalten. „Er ist für mich wie ein Kind, mit dem wir hier aufgewachsen sind. Wir haben viele, viele Dinge gemeinsam erlebt“, sagte Hanning: „Paul ist die Identitätsfigur in diesem Club. Er hat hier alles durchlaufen und war Vorbild für uns alle.“ Dass Drux also nun in einer anderen Funktion im Club eingebunden wird, ist da nur logisch. Auch wenn Drux und alle Verantwortlichen diesen Schritt lieber etwas später eingeleitet hätten.
Schon im Alter von 29 wurde Drux zum Sportinvaliden. Als Füchse-Kapitän verletzte sich der Spieler im September 2024 so schwer am Knie, dass ihm ein erneutes Comeback nicht mehr möglich war. Das Stehaufmännchen, das sich nach zahlreichen Verletzungen immer wieder zurück aufs Feld gekämpft hatte, musste aufgeben. „Bis die Realität im Kopf angekommen war, dauerte es ein paar Tage“, erklärte der 127-malige Nationalspieler. Geholfen hat die Geburt seiner zweiten Tochter, die ihm zeigte, was wirklich wichtig im Leben ist. Und natürlich auch, dass ihn der Club auffing, eine Perspektive für eine zweite Karriere bot. Aber nicht aus Mitleid, sondern aus fester Überzeugung. „Ich traue Paul das menschlich und fachlich einfach zu“, sagte Hanning: „Ich würde es ja nicht in Hände geben, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass es genau der richtige Moment und genau die richtige Person ist.“
Drux empfindet das als „Riesenehre“, entsprechend seriös und vorbereitet möchte er die Aufgabe angehen. Er weiß, dass viel Arbeit auf ihn wartet – egal wie gut vorbereitet Hanning ihm das Feld dann überlässt. „Dem Verein eine Vision für die nächsten Jahre zu geben, ist glaube ich eine große Aufgabe“, sagte Drux. Und Hanning? Er freut sich schon auf „neue Herausforderungen“ und darauf, „das Projekt als größter Füchse-Fan weiter zu begleiten“.