Deutschland ist kein attraktives Zuwanderungsland. Im vergangenen Jahr haben über eine halbe Million Zugewanderte Deutschland wieder den Rücken gekehrt. Arbeitskräfte, die fehlen. Gründe dafür erläutert Theresa Koch vom Institut Migration, Integration & Internationale Arbeitsmarktforschung (IAB).
Frau Dr. Koch, warum verlassen Zuwanderer, die mit viel Hoffnung auf ein besseres Leben gekommen sind, Deutschland?
Da muss man ein Stück weit unterscheiden. Es gibt Personen, die in ihr Herkunftsland zurückkehren, bei denen vor allem familiäre Gründe eine Rolle spielen, oder auch persönliche Netzwerke, also wo Freunde im angestammten Ort sind, nach denen sie Sehnsucht haben. Und dann haben wir einen nicht ganz unerheblichen Personenkreis, der schlicht weiterwandert in die Nachbarstaaten Deutschlands. Die Hintergründe bei diesen Menschen sind dann weniger persönlich geprägt, sondern haben rein berufliche Gründe. Sie sehen am neuen Standort einfach bessere Perspektiven.
Inwieweit spielt gerade die berüchtigte deutsche Bürokratie eine Rolle für die Entscheidung, Deutschland wieder zu verlassen?
Eine absolut nicht zu unterschätzende. Die Menschen, die sich zum Arbeiten für Deutschland entscheiden, sprechen meist nicht richtig unsere Sprache. Wenn sie hierherkommen, kriegen sie es dann mit der Bürokratie zu tun! Schon wir als Muttersprachler sind mit Amtsschreiben in Teilen völlig überfordert. Das wirkt auf Zuwanderer dann völlig abschreckend. Das ist tatsächlich der zweitwichtigste Faktor, der von den meisten Personen benannt wird, warum sie Deutschland wieder verlassen. Dazu kommt die Dauer der Verfahren, es dauert ewig, bis man überhaupt eine Rückantwort erhält, also leben sie in andauernder Unsicherheit. Damit ist die Bürokratie für Zuwanderer abschreckend.
Welche Rolle spielt denn die Willkommenskultur?
Wenn man sich hier sehr willkommen fühlt, dann tut man sich die Bürokratie ja vielleicht auch noch an. Doch wenn die Bezahlung nicht üppig ist und ich obendrein den Eindruck habe, selbst die Verwaltung will mich hier gar nicht haben, dann ist das schlecht. Also um die Willkommenskultur ist es nicht wirklich gut bestellt. Bei der Abwanderung von Zuwanderern steht übrigens bei den Bundesländern Sachsen auf dem ersten Platz. Wie will man dann Deutsch in der Umgangssprache lernen, wenn die Menschen mir eher aus dem Weg gehen. Dazu kommt dann noch, dass auch die Gesetzgebung für das Bleiberecht nicht gerade für Willkommenskultur steht. Da bin ich dann wieder bei Ihrer vorherigen Frage, nach der Bürokratie. Willkommenskultur sieht anders aus als das, was wir hier in Deutschland anbieten …
Dazu kommt dann vermutlich noch der angespannte Wohnungsmarkt …
konkrete Willkommenskultur - Foto: Sven Bargel
… ja, und das obendrauf! Ich komme beispielsweise mit meinem Partner und den zwei Kindern hierher und kann mir dann als qualifizierte Arbeitskraft eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung leisten, wenn ich die dann überhaupt finde und auch bekomme. Weiterer Punkt: Menschen mit ausländisch klingenden Namen bekommen schwerer überhaupt einen Besichtigungstermin, das ist mehrfach belegt. Hinzu kommt dann für mich und meine Familie über Jahre, dass wir mit einer ungeklärten Bleibeperspektive leben müssen. Das wird mittlerweile selbst für viele Unternehmen, die ausländische Kräfte anwerben, zu einem Riesenproblem. Sie haben die Arbeitskräfte – aber die finden keinen adäquaten Wohnraum – mit ungeklärter Bleibeperspektive. Dann kommt dazu in bestimmten Regionen Deutschlands die alltägliche Diskriminierung auf der Straße, im Supermarkt, in Bus oder Bahn.
Sie hatten ja schon erwähnt, Sachsen steht laut Ihrer Studie bei der Abwanderung von Zuwanderern auf Platz eins im Ranking der Bundesländer, ein Problem des Ostens?
Das stimmt, aus Sachsen hauen die Meisten wieder ab, und prozentual ist das tatsächlich ein Synonym für den Osten Deutschlands. Dort gehen wieder mehr als kommen. Im Fall von Sachsen ist das laut unserer Studie beinahe schon absurd. Gerade im Raum Dresden, wo große Unternehmen aus der Tech-Branche ständig neue Werke in Betrieb nehmen und dringend ausländische Arbeitskräfte benötigen. Aber auch hier kommt wieder alles Genannte zusammen: überbordende Bürokratie, Wohnraumengpässe und fehlende Willkommenskultur, bis hin zur Diskriminierung.
Welche europäischen Zielländer sind die Top fünf der zugewanderten Abwanderer aus Deutschland?
Das ist ganz eindeutig Spanien, gefolgt von der Schweiz, dann kommen Italien und Kroatien. Und das dokumentiert ganz eindringlich, welche Probleme Deutschland beim Halten von Zuwanderern hat. Dass viele Menschen in der Schweiz gerne leben und arbeiten möchten, erklärt sich allein über die wesentlich höhere Entlohnung dort, allerdings sind auch die Lebenshaltungskosten wesentlich höher. Aber die grundsätzlichen Bedingungen sind dort einfach mal verlockend. Alle anderen Länder haben ein vergleichbares Gehaltsniveau wie in Deutschland. Dazu kommt, dort gibt es eine Willkommenskultur für zugewanderte Arbeitskräfte, die integrativen Kräfte in der Gesellschaft sind wesentlich höher.
Viele, die hier gearbeitet haben, gehen aber auch wieder zurück in ihre alte Heimat. Welche Staaten freuen sich über die Rückkehrer?
Das ist als Erstes die Türkei, wobei es auch hier vermutlich eine recht simple Erklärung gibt, die wir in der Studie aber nicht näher untersucht haben. Türkischstämmige Arbeitnehmer, die bereits teilweise seit 40 Jahren in Deutschland leben, wollen ihren Lebensabend lieber in ihrem ursprünglichen Herkunftsland verleben. Dazu kommt dann die natürliche Fluktuation der Erwerbstätigen. Dahinter kommt dann direkt Polen, Das lässt sich einfach dadurch erklären, Polen ist unser Nachbarland und die Lebenshaltungskosten dort sind niedriger als in Deutschland. Dank der offenen Grenzen lebt man in Polen und arbeitet in Deutschland. Dahinter liegen bei den Rückkehrern dann Kroatien und Rumänien. Wenn man so will, sind drei der vier genannten Länder nun nicht gerade direkte Nachbarn, aber schon über Jahrzehnte in sehr enger Verbindung mit Deutschland.
Das war die zweite Studie des IAB zur Zu- und Abwanderung von ausländischen Arbeitnehmern.
Ihr Fazit: Wie attraktiv ist Deutschland für Zuwanderer?
Wie ich das ja schon erläutert habe, nicht wirklich verlockend. Abgesehen von der Bürokratie nenne ich jetzt mal etwas überspitzt formuliert: Die deutsche Sprache ist ein echter Standortnachteil. Das soll nun nicht als Kritik an unserer Sprache missverstanden werden, sondern als Auftrag an die Politik, mehr für die Sprachförderung zu machen. Darum muss es aus meiner Sicht viel mehr Programme zum Erlernen der deutschen Sprache geben. Das darf nicht nur für die Arbeitnehmer gelten, sondern auch für deren Angehörige, vor allem die Kinder. Man darf nicht vergessen: In den europäischen Konkurrenzstaaten innerhalb Europas ist der Arbeitsmarkt bezüglich der Sprache weit flexibler, man kommt dort auch mit Englisch sehr viel weiter.