Seit 50 Jahre steht der Circus Roncalli für Nostalgie und große Gefühle. Nun zieht sich Gründer Bernhard Paul langsam zurück. Die Manege gehört der nächsten Generation. Im Zentrum: Vivian Paul, seine älteste Tochter.
Der Himmel hängt tief über Köln. Der Regen fällt in feinen, unermüdlichen Fäden auf die Karnevalsstadt. Doch auf dem Festwagen mit der goldenen „50“ trotzt man dem Wetter mit E-Gitarren und Trompeten. Die Roncalli-Band spielt Rock ’n’ Roll gegen das Grau, als wollten sie den Frühling herbeimusizieren.
Ganz oben auf dem Wagen stehen Vivian Paul, 36, und ihre Schwester Lilli, 34, beide in schwarzen Fräcken mit goldfarbenem Soutache-Band. Eine Hommage an die Manege. Die Töchter des Roncalli-Gründers Bernhard Paul werfen Gummibärchen, Waffeln und rote Nasen ins Publikum. Unten jubeln Menschen in durchnässten Kostümen.
„Das Jubiläum schwebt schon seit Jahren über unseren Köpfen“, sagt Vivian am Morgen, kurz bevor der Wagen losrollt. 50 Jahre, ein ganzes Leben, alles in diesem Moment verdichtet. Sie wirkt konzentriert, wach, trotz kurzer Nacht. „Natürlich stellt man sich die Frage: Was erzählen wir? Was muss rein?“
Die vergangenen Monate seien anstrengend gewesen. Kostüme verladen, einpacken, umbauen – und dann zum ersten Mal ein eigener Zirkus in ihrer Verantwortung. Der Weihnachtszirkus in Bremen. „Ich war vorher sehr aufgeregt“, sagt sie. Proben mit wenig Zeit, technische Probleme, Winterkrankheiten. „Bis zum letzten Tag hatten wir Grippefälle. Drei Musiker krank, der Clown krank. Ich war einfach nur froh, als wir es geschafft hatten.“
Müde sei sie gewesen. Aber glücklich. Ihr Vater, Bernhard Paul, hielt sich während der Proben zurück. „Er hat mal angedroht, zu kommen“, sagt Vivian und lacht. „Da dachte ich: Bitte nicht.“ Zur Premiere in Bremen kam er. Sie hat sich kaum getraut, ihm danach zu begegnen. „Er war zufrieden“, sagt sie und lacht. „Aber ein paar Anmerkungen hatte er dann doch noch.“
Seit 2018 verzichtet der Zirkus komplett auf Tiere
Fünfzig Jahre Roncalli. Das ist nicht nur eine Zahl, es ist Familiengeschichte. „Was macht Roncalli aus?“, fragt Vivian. „Was macht meinen Papa aus?“ Diese Fragen haben sie monatelang begleitet und tun es noch.
1976 gründete Bernhard Paul den Zirkus, erschuf eine Traumwelt aus Nostalgie, Rock ’n’ Roll, Goldornamenten und liebevoller Detailversessenheit. Mit Liebe zum Schnörkel, zum Nostalgischen, zur Kunst. Seit 2018 verzichtet der Zirkus komplett auf Tiere.
Bernhard Paul habe Grafik studiert, sagt sie, das sehe man bis heute in der Ästhetik. Er sei bei der Regie präsent, diskutiere Licht, Reihenfolge, Übergänge.
„Die Planung für das Jubiläum ist ein Kraftakt“, sagt Vivian. Vier Weihnachtsshows parallel, neue Produktionen, Castings, Kostüme, Technik – und immer wieder diese Frage: Was passt wirklich? Am Ende entscheidet ihr Vater, was in der Manege der Jubiläumsshow zu sehen sein wird. Da sei Geduld gefragt. „Kreativität kann man nicht pushen“, sagt Vivian. „Manchmal muss ich meinen Papa ein bisschen nerven und sagen: Wir brauchen eine Entscheidung.“ Magie entsteht nicht über Nacht. Sie ist ein Prozess, der von Details lebt, von kleinen Überraschungen für das Publikum, von Momenten, die ans Herz gehen.
Um zu verstehen, wie dieser Zauber entsteht, haben wir Vivian Paul vergangenen Sommer in Köln getroffen. In einem ruhigen Hinterhof öffnet sich eine Glastür, und eine Frau tritt hinaus: schwarze Boots, dunkle, wellige Haare, eine große Valentino-Tasche locker über der Schulter. „Sagt ruhig Vivi“, sagt sie beim ersten Händedruck. Sie wirkt nicht wie jemand, der gerade dabei ist, ein Zirkusimperium zu übernehmen. Kein Pathos, keine Rolle, sondern ein echtes Gegenüber. Sie lacht schnell, wenn sie an früher denkt, und wird ernst, wenn es um Verantwortung geht.
Vivian trat viele Jahre als Artistin auf, lebte den Zirkus mit jeder Faser. Jetzt steht sie am Anfang eines neuen Kapitels. Nicht mehr in der Manege, aber mittendrin in der Geschichte des Zirkus, die weitergehen soll. Als älteste Tochter wird sie künftig dort die Fäden in der Hand halten, wo jahrzehntelang ihr Vater Regie führte.
Der Zirkus sei ihre Familie, ihr Zuhause, sagt sie. „Es ist wie ein ganzes Universum.“ Dass sie nun eine Hauptrolle darin spielt, fühlt sich für sie manchmal widersprüchlich an. „Ich will nicht rumlaufen und sagen: Ich bin der neue Bernhard Paul. Das wäre lächerlich. Es gibt nur einen, und das wird auch immer so bleiben.“
Ein halbes Jahrhundert lang hat ihr Vater eine Traumwelt erschaffen, mit viel Herz statt großem Tamtam, immer ganz nah am Wunder. Seine Fußstapfen sind groß. Zu groß, um allein darin zu gehen. „Ich habe immer gesagt: Wir müssen da zu dritt ran“, sagt Vivian. Ihre Schwester Lilli unterstützt sie nicht nur als Artistin, sondern auch im kreativen Prozess, während ihr Bruder Adrian das „Apollo-Varieté“ in Düsseldorf leitet. Die Zusammenarbeit ist selbstverständlich, das Band zwischen ihnen stark.
Vivian führt durch das hell erleuchtete Atelier im Hinterhof, vorbei an ordentlich gestapelten Kisten voll mit goldenen Fransenborten, Paillettenbändern, Federn und Lametta. Auf dem Tisch liegen Skizzen von Kostümen, die Instrumenten gleichen. Vivian zeigt auf die Skizze einer Tänzerin mit riesigem Trommelrock, den Schlägel in der Hand. „Die machen wir fürs Jubiläum“, erklärt sie.
Es ist viel Neues dabei, aber auch Altes. Eine grüne Jacke, früher kaum genutzt, soll die Schneiderin mit goldenen Applikationen neu dekorieren. „Wir versuchen, nachhaltig zu sein“, sagt Vivian. Sie lässt ihre Finger über den Stoff gleiten, drapiert goldene Knöpfe hin und her, bis die Frauen sich anlächeln. „So ist es perfekt“, sagt Vivian.
Gleich neben dem Atelier liegt der Kostüm-Fundus: eine Schatzkammer voll glitzernder Zirkusgeschichte. Hier ruht der Zauber, dicht gepackt, wartet er auf den nächsten Einsatz. Federboas, hoch aufgetürmte Perücken, ein zerzauster Ballettrock, Cowboyhüte neben Seifenblasenpistolen. Es riecht nach Stoffen, die etwas erlebt haben.
Teil des Ganzen und Erbin einer Ästhetik, die weit zurückreicht
Hier, wo alles voller Geschichte ist, zwischen Glanz und Patina, hat Vivian ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen. „Als die Pandemie kam, dachte ich: Oh Gott, wenn jetzt alles zerbricht, dann ist meine Welt weg.“ Sie hält kurz inne. „Ich habe gemerkt, dass ich mein Leben verändern muss.“ Während die Lichter in der Manege ausbleiben, bringt sie den Kostüm-Fundus auf Vordermann. „So ist aus vielen Provisorien ein zentraler Ort entstanden.“ Parallel arbeitet sie sich ein: ins Casting, ins Eventmanagement, ins Booking. „Anfangs dachte ich noch: Ich kann beides – ein bisschen performen, ein bisschen organisieren. Aber das hat sich von selbst erledigt.“
Heute ist sie nicht mehr nur Teil der Bühne, sondern Teil des Ganzen und damit auch Erbin einer Ästhetik, die weit zurückreicht. Vivian erfindet nicht alles neu, sondern führt weiter, was gewachsen ist. Sie nimmt ein weit ausgestelltes Rokoko-Kleid von der Stange, über und über besetzt mit Strass und Perlen. „Das ist von Maria Lucas. Man spürt, wie viel Herzblut in jedem Detail steckt.“
Vivian spricht mit ehrlicher Bewunderung über die Kostümbildnerin, die über Jahrzehnte hinweg das visuelle Erscheinungsbild von Roncalli geprägt hat. „Die Stoffe, die Details – das alles wäre heute gar nicht mehr bezahlbar“, sagt Vivian. Zu aufwendig, zu edel, zu arbeitsintensiv. Heute wird leichter gedacht: Röcke schmaler, Perücken luftiger, das Bühnenbild reduzierter und dennoch opulent genug, um zu träumen.
Das Atelier der verstorbenen Kostümbildnerin liegt nur wenige Schritte entfernt. Vivian begrüßt deren Ziehsohn André Lucas, 35, mit Küsschen. Vivi und André – das ist die neue Generation. „So richtig intensiv arbeiten wir erst seit vier, fünf Jahren zusammen“, sagt André. Für die große Show in New York im vergangenen Jahr fertigte André mit seinem Team in kürzester Zeit 50 Uniformen an, dazu aufwendige Rokoko-Kleider. „Damit hat er ein Weltwunder vollbracht“, sagt Vivian. Auf dem Tisch liegt eine Roncalli-Uniform, die traditionell anmutet, doch ganz neu ist. „Das Schwierigste ist, bestehende Stücke originalgetreu nachzubauen“, erklärt André und zupft an dem aufwendig drapierten, goldfarbenen Soutache-Band. Doch es gelingt. Auch, weil da ein intuitives Verständnis ist für das, was Roncalli eigentlich bedeutet.
Die Jubiläumsshow soll Elemente tragen, die den Zirkus seit 1976 prägen: Nostalgie, Rock’n’Roll, opulente Bilder. Ein Rokoko-Bild wird wieder aufgenommen, auch als Erinnerung an Maria Lucas, deren Entwürfe das visuelle Gedächtnis von Roncalli formten.
Am Nachmittag steht Vivian vor dem Winterquartier der Familie Roncalli. Ein goldener Löwe thront über dem Eingangstor. Aus einem einst schlichten, grauen Haus hat Vater Bernhard einen Prachtbau mit goldenen Ornamenten am Treppengeländer werden lassen. Vivian ist gerade erst aus dem Elternhaus ausgezogen – in eine Wohnung direkt nebenan. „Noch näher geht es nicht“, sagt sie lachend.
„Als Teenager wollte ich alles glatt und modern – bloß keine Schnörkel!“, sagt sie. Nun steht eine Landhausküche in ihrer Wohnung. „Es färbt wohl ab.“ All die Dinge, die sie früher belächelt hat, geben ihr heute Geborgenheit. Sie schlendert über das Areal des Winterquartiers, durch Werkstätten, in denen Wagen und Kulissen gebaut werden, und durch riesige Hallen, in denen ihr Vater Requisiten sammelt wie andere Briefmarken. Die beiden arbeiten eng zusammen. „Ich muss noch viel von ihm lernen.“ Das Loslassen fällt dem Vater nicht leicht. „Der Zirkus ist sein Leben, sein Baby. Es war wichtig für ihn, zu sehen, dass ich es wirklich will und auch dranbleibe, wenn es schwierig wird.“
Nebenan im Winterquartier wird an einem besonderen Stück gearbeitet: ein Karussellkleid für die Jubiläumsshow, das sich drehen und Musik spielen soll. Zwei Artisten haben es entworfen, nun kämpfen die Erbauer mit Motoren, Mechanik, Materialfragen. „Wir wollen es megagalaktisch machen“, sagt der Werkstattleiter lachend. „Aber es ist kompliziert.“
Vater war jüngster Zirkusdirektor Europas
Am nächsten Morgen: Die Sonne steht flach über dem Bendplatz in Aachen, das blau-weiß gestreifte Roncalli-Zelt ragt in den Himmel. Vom nahen Lindt-Werk zieht der süße Geruch von Schokolade über das Gelände. Kaum ist Vivian angekommen, da tritt ihr Weißclown Fulgenci Mestres, 60, entgegen. „Gensi!“, ruft sie und lächelt. In schwarzer Robe mit goldenen Ornamenten und weißer Schminke in den Stirnfalten wirkt er wie aus der Zeit gefallen. Die beiden kennen sich seit zwanzig Jahren. Er breitet die Arme aus, küsst sie auf die Wangen. An einem kleinen Tisch vor seinem Zirkuswagen trinken sie Kaffee aus Porzellantassen. Gensi sagt Dinge wie: „Das Leben ist eine Reise.“ Oder: „Zirkus ist Magie.“ Vivian hört ihm zu, als wüsste sie längst, was kommt – und würde gerade das daran mögen. Immer wieder schneien Menschen an den Zweien vorbei. „Du hast mir Sorgen gemacht!“, ruft sie einem Kollegen zu, der lange krank war. „Mach langsam, sonst komm ich täglich vorbei und kontrollier dich!“ Zu einem jungen Mann in roter Uniform: „Hast du dich um deine Hose gekümmert? Die Hosenträger müssen enger!“ – „Immer bemutterst du mich“, sagt er und lacht. Am Nachmittag kommt Bernhard Paul mit Vivians Mutter Eliana in Aachen an. Einst war er der jüngste Zirkusdirektor Europas, heute ist er mit 78 Jahren der älteste. Die Frage, was bleibt, wenn er einmal nicht mehr da ist, hat ihn viele Jahre umgetrieben. „Roncalli ist kein Unternehmen wie jedes andere“, sagt er. Es sei Traumfabrik, Herzenssache, Lebenszweck. Bei Beiratssitzungen sind seine Kinder inzwischen dabei. „Sie haben begriffen, dass der Zirkus unsere Heimat ist, unser Dorf, auf das wir achten müssen.“ Kann er sich seine älteste Tochter als Zirkusdirektorin vorstellen? „Vivian ist wirklich talentiert“, sagt er. „Die hat alles so schnell begriffen. Das war unglaublich.“
Gegen Abend öffnen sich die Tore zur Zirkuswelt, die direkt hinter dem Zaun beginnt. Das Rot der Abendsonne lässt die alten, liebevoll restaurierten Zirkuswagen auf dem staubigen Festplatz strahlen. Die Trompeten der Zirkuskapelle tönen in den Abendhimmel. Es riecht süß und verheißungsvoll, nach Popcorn, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Alles kündigt an: Gleich beginnt etwas Besonderes.
Eine eigene Zirkusschule ist Vivians Traum
Aber der eigentliche Zauber liegt in den Gesichtern der Menschen. Nicht nur in den glänzenden Augen der Kinder. Sondern in denen des Großvaters, der schmunzelt, als ein Pirat seiner Enkelin einen Bonbon hinter dem Ohr hervorzaubert. In den strahlenden Augen der Mutter, als eine Artistin Konfetti über sie regnen lässt. Diese Magie der kleinen Dinge und das liebevolle Spiel mit dem Publikum sind seit Jahrzehnten das Markenzeichen von Roncalli. Während drinnen die Vorstellung läuft, sitzt Vivian im „Café des Artistes“. Ein seltener, stiller Moment. Sie spricht darüber, wie es ist, gerade keine klare Rolle zu haben: weder Artistin noch Direktorin. „Aber ich werde meine Rolle finden.“ Ihr Privatleben sei kompliziert. „Es ist schwer, jemanden zu finden, der versteht, warum man so für diese Arbeit brennt.“ Wer außerhalb dieser Welt lebt, schaut oft irritiert auf die Unregelmäßigkeiten, das ständige Improvisieren, das völlige Aufgehen in der Sache.
Und dann erzählt sie von einem Traum: ihrer eigenen Zirkusschule. Ein Ort, wo junge Menschen nicht nur trainieren, sondern auch lernen, was Zirkus einmal war: mit Musik, Kostümwerkstatt, mit all dem, was sie von klein auf geprägt hat. „Am liebsten halb Schule, halb Museum“, sagt sie. „Ein Platz, an dem man Neues probiert, aber auch bewahrt, was war.“
Doch der Traum muss warten. Heute in Köln zählt erst einmal dieses Jahr. Dieses goldene, laute, arbeitsintensive Jubiläum. „Es waren intensive Monate“, sagt Vivian und greift nach einem doppelten Espresso. Schlaf sei gerade Mangelware. „Der Anspruch ist so groß. Es ist nicht 25, nicht 40 – es ist 50. Das ist der Meilenstein.“ Als sie erfuhr, dass sie für das Casting der Jubiläumsshow verantwortlich sein würde, habe sie kurz gedacht: „Wenn es den Leuten nicht gefällt, dann bin ich schuld.“ Sie lacht. Aber der Satz bleibt einen Moment im Raum stehen.
Die Tour führt in diesem Jahr durch sieben Städte. Premiere war im April in Köln, die Proben dafür waren bereits im März gestartet. „Ich bin froh, wenn wir hier sind“, sagt Vivian. „Dann ist hoffentlich alles fertig.“
Wenn man Vivian an diesem verregneten Karnevalstag beobachtet, wie sie trotz Schlafmangel lacht, organisiert, verteilt, dann spürt man: Für sie ist das Jubiläum nicht nur ein Rückblick. Es ist ein Aufbruch. Trotz der ständigen Angst, dem Jubiläum nicht gerecht zu werden, wirkt sie nicht getrieben. Eher wach. Wach für Details, für Menschen, für Möglichkeiten.
Mit Pauken und Trompeten startet der Zirkus in sein Jubiläumsjahr. Fünfzig Jahre Roncalli – und kein bisschen leise.