Mitten in das größte schwul-lesbische Straßenfest platzt die Meldung vom Familienglück von Jens Spahn und Daniel Funke dank US-Leihmutter. Die queere Community reagiert mit Unverständnis.
Berlin feiert das größte lesbisch-schwule Straßenfest in Europa. An diesem Feier-Wochenende scheint es in der queeren Community aber nur ein Thema zu geben: die Leihmutterschaft, die Jens Spahn und sein Mann Daniel Funke in den USA in Auftrag gegeben hatten und die dem Paar einen Sohn beschert hat.
„Ich verstehe nicht, wieso er es auf diesem Weg gemacht hat. Mein Mann und ich haben auch ein Kind, ich bin der leibliche Vater. Eine bisexuelle Freundin hat unser Kind ausgetragen, die auf keinen Fall selbst ein Kind haben wollte, aber zumindest mal eine Schwangerschaft spannend fand. Nun lebt unsere Tochter bei uns.“ Es braucht also nicht unbedingt eine Leihmutter im Ausland. Der juristische Weg in Deutschland ist relativ einfach. Die Kindsmutter verzichtet, der leibliche Vater erhält das alleinige Sorgerecht. Der Enddreißiger, der uns das erzählt, will selbstverständlich weder mit Namen genannt und schon gar nicht mit seinem sechsjährigen Töchterchen fotografiert werden. „Das ist keine Scham, sondern gesunder Menschenverstand. Es geht niemanden etwas an, und hier geht es für uns vor allem um das Kindswohl.“ Die Bitte, ob sich die Kindsmutter dazu äußern möchte, die ebenfalls – als Tante der Sechsjährigen – auf dem lesbisch-schwulen Straßenfest dabei ist, erntet nur ein freundliches Kopfschütteln. Was wir selbstverständlich respektieren.
„Verstehe nicht, warum dieser Weg“
Keine drei Kilometer entfernt im Regierungsviertel hat die Geschichte um die vom – zu diesem Zeitpunkt noch – Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn im Ausland beauftragte Leihmutterschaft ein beachtliches politisches Beben ausgelöst. Leihmutterschaft war bereits vor sieben Jahren ein Riesenthema, mit der Folge, das Gesetz zum strikten Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland beizubehalten. Jens Spahn, damals Gesundheitsminister, hatte die Leihmutterschaft ebenfalls, zumindest politisch, strikt abgelehnt. Privat hat er sich allerdings entschieden, die Regeln in Deutschland zu umgehen.
Selbst einer seiner Förderer und engeren Freunde, Wolfgang Bosbach (CDU), weiß keinen Rat auf Spahns Verhalten. „Ich habe keine Ahnung, was ihn da umgetrieben hat, aber in eigener Sache ist man ja immer ein schlechter Anwalt“, so der ehemalige Rechtsexperte und Vize-Fraktionsvorsitzende der Unionsbundestagsfraktion. Was viele in der Unionsfraktion völlig irritiert, ist die erneute Instinktlosigkeit von Jens Spahn. Eigentlich hätte er aus ähnlichen Fehleinschätzungen in seinem bisherigen politischen Tatendrang lernen können.
Da war Spahns Dinner-Affäre. Wer eingeladen werden wollte, musste dafür einen Obolus an Spahn zahlen, mit der Aussicht auf erfolgreiche politische Kontakte. Dann kam der Kauf einer Villa im exklusiven Berlin-Dahlem für 4,125 Millionen Euro, die er mit seinem Ehemann Daniel Funke komplett über eine Bank finanzierte, der Spahn beruflich nahestand. Gefolgt von Spahns Maskendeal, fast sechs Milliarden Masken wurden für 5,7 Milliarden Euro, so der Bundesrechnungshof, eingekauft. Später mussten drei Milliarden Corona-Masken von dieser Bestellung nach Ablaufen der Haltbarkeit verbrannt werden. Sie waren nicht gebraucht worden. Der Schaden für die Steuerzahler wird von den Gerichten derzeit noch ermittelt.
Und dann wird Spahn vorgeworfen, dass er vor anderthalb Jahren hauptsächlich dafür mitverantwortlich gewesen sei, dass Friedrich Merz der erste Bundeskanzler ist, der erst im zweiten Wahlgang gewählt wurde. Spahn soll als frisch gekürter Unionsfraktionschef seine Unions-Truppe nicht im Griff gehabt haben. Es fehlten im ersten Kanzler-Wahlgang 16 Stimmen aus den Reihen der Koalition. Es folgte die verpatzte Wahl der Rechtsprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin in Karlsruhe. Brosius-Gersdorf war vom Koalitionspartner SPD vorgeschlagen worden. Spahn wird mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Personalie aus Unionsreihen torpediert wurde und in der Folge die noch junge Koalition vor dem Scheitern stand. Spahn ist umstritten, überstand aber alle Affären. Die Vaterschaft per Leihmutter, obendrein exklusiv als Home-Story per Bild-Zeitung inszeniert, brachte das Fass dann zum Überlaufen.