Die Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow sorgt im Land für Unmut.
Es schien zuletzt, als ob die Ukraine eine Kriegswende geschafft hat. Der russische Vormarsch im Donbass kam ins Stocken. Ukrainische Drohnenschwärme trafen Ziele tief im russischen Hinterland. Ein Viertel der Ölraffinerien wurde in Brand gesetzt, was Russlands Staatseinnahmen vermindert und die Kriegskasse von Kremlchef Wladimir Putin schmälert. Benzinmangel in verschiedenen Teilen des Landes macht vielen Bürgern bewusst, dass der Waffengang in der Ukraine vor ihrer Haustür angekommen ist.
Mitten in diese für die Ukraine positive Dynamik platzt ein Machtkampf, bei dem Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht gut aussieht. Selenskyj hatte in der vergangenen Woche seinen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gefeuert. Ausgerechnet Fedorow, den Vater des ukrainischen Drohnenkrieges. Der 35-Jährige hatte vielen seiner Landsleute das Gefühl vermittelt, dass ein Sieg gegen die russische Übermacht doch noch möglich ist. Selenskyj gab mit dem Fedorow-Rausschmiss einer Forderung von Armeechef Oleksandr Syrskyj nach, der dem Präsidenten die Pistole auf die Brust gesetzt haben soll: „Er oder ich.“ Der 61-Jährige hatte als Begründung aufgeführt, dass Fedorow die Beschaffung von Munition zugunsten von Drohnenkäufen blockiert habe.
Doch hinter dem Streit steckt mehr als ein militärtechnisches Detail. Es ist der Zusammenprall zweier Welten: Jung gegen Alt, digitalisierte Kriegsführung gegen traditionelle Schlachtenlogik. Fedorow, der oft mit schwarzem Jackett und T-Shirt auftritt, kommt vor allem bei jungen Ukrainerinnen und Ukrainern an, aber auch in Teilen der Streitkräfte. Er war vorher Digitalminister und steht für einen modernen Staat. Der Einsatz von Drohnen und Robotertechnik könne menschliche Verluste in Grenzen halten, lautet seine Devise.
Seit der Entlassung des Verteidigungsministers gehen jeden Tag Tausende auf die Straße und verlangen von Selenskyj seine Wiedereinsetzung. Trotz des Krieges hat das Land eine Zivilgesellschaft. Den Demonstranten imponiert zudem, dass Fedorow nicht kleinlaut seine Demission hinnimmt. Vielmehr ging dieser den Oberbefehlshaber hart an: Er warf ihm eine veraltete Militärdenke sowie Korruption vor.
Syrskyj gilt als General alter Schule. Er ist Wahlukrainer, wurde in der Sowjetunion geboren und in Moskau ausgebildet. Er hatte sich bei der Verteidigung Kiews zu Beginn des russischen Angriffs sowie bei den ukrainischen Gegenoffensiven in Charkiw im Herbst 2022 großes Ansehen erworben. Doch mit seiner Neigung, belagerte Ortschaften selbst in aussichtsloser Lage unter hohen Opferzahlen verteidigen zu lassen, zog er Kritik auf sich. Einige Soldaten nennen ihn „den Schlächter“.
Selenskyj hatte die Konfrontation offenbar nicht kommen sehen. Er hat zudem den Rückhalt seines Verteidigungsministers in der Bevölkerung unterschätzt, was für eine gewisse Abgehobenheit des Präsidenten spricht. Nicht ausgeschlossen, dass Fedorows Popularität auch Selenskyjs Misstrauen mit Blick auf eine mögliche Amtsnachfolge erweckte. Selenskyj hat die Neigung, potenzielle Rivalen abzuschieben wie etwa den beliebten Ex-Oberkommandierenden Walerij Saluschnyj, der seit Mai 2024 Botschafter in London ist.
Dabei verlaufen die Linien in diesem Konflikt nicht zwischen Schwarz und Weiß – die Lage ist komplexer. Fedorow scheint sich in seiner nur sechsmonatigen Amtszeit mit vielen Interessengruppen im Militärapparat angelegt zu haben. Er wollte vermutlich zu viel zu schnell reformieren. Dass Selenskyj für Syrskyj Partei ergriffen hat, hat den Grundkonflikt aber nicht beseitigt. Mehrere Offiziere quittierten aus Protest den Militärdienst. Gleichzeitig meldeten sich Unterstützer Syrskyjs zu Wort.
Selenskyj hat sich in eine Situation manövriert, in der ihm keine guten Optionen bleiben. Er scheint erkannt zu haben, dass er in der Personalie Fedorow vorschnell gehandelt hat. Der Präsident führte kürzlich Beratungen mit ranghohen Kommandeuren. Dabei deutete er an, dass er offen für einen Wechsel an der Armeespitze ist. Aufhorchen ließ, dass er ausdrücklich ein Gespräch mit Generalmajor Mychajlo Drapatyj über die Lage an den Fronten erwähnte. Drapatyj ist der Favorit der Syrskyj-Gegner. In Kiew rumort es, was Putin mit Interesse verfolgen dürfte. Es wird nicht die letzte Personalrochade gewesen sein.