Mit dem TV-Format „Gernstl unterwegs“ schrieb der Bayer Franz Xaver Gernstl 42 Jahre lang Fernsehgeschichte. Sein Buch „Glück gehabt“ verrät einiges über seine Arbeitsweise und gibt die besten Storys wieder.
Der Mann sah die Vereinigten Staaten, Italien und viele andere schöne Ecken unseres Erdballs. Doch so richtig gut kennt er sich in Bayern aus. Von dort stammt Franz Xaver Gernstl und vor allem hier spielte die Szenerie seines kultigen Doku-Formats „Gernstl unterwegs“, das er erfand und mit seinen Freunden Hans Peter Fischer (Kamera) und Stefan Ravasz (Ton) prägte. 42 Jahre lang fuhren die drei im roten Kleinbus durch die Lande – immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Menschen und skurrilen Typen – auf Dörfern, in Städten, oft am Rand der Gesellschaft oder auf der Überholspur. Über 1.000 Gespräche kamen zusammen. Anfangs liefen die Drehs spontan, zum Ende hin musste oft vorab geplant werden. Warum, erklärt Franz Xaver Gernstl in seinem kürzlich erschienenen Buch „Glück gehabt: Über das Unterwegssein, das Filmemachen und das Leben an sich“ (Verlag Kösel), das spannende Einblicke ins deutsche Fernsehgeschäft gibt, aber auch viel über den Autor verrät.
Eine Autobiografie sei sein Werk jedoch keinesfalls, stellt der Journalist klar. Er wolle eigentlich nur von „40 Jahren Rumfahren“ berichten, wie er zur Filmerei kam und wie der Zufall Regie führte. „Der erste Zufall: Ich wurde an einer Tankstelle geboren. An der Tankstelle in Bad Feilnbach am Fuße des Wendelsteins. Quasi zwischen den Zapfsäulen. Mir wurde die Lust am Rumfahren in die Wiege gelegt. In meiner Familie ist man nicht spazieren gegangen, man ist spazieren gefahren“, so der Ur-Bayer, der mit seiner Firma Megaherz unter anderem für TV-Sendungen wie „Dingsda“ oder auch „Checker Tobi“ verantwortlich war.
Das Leben sei langweiliger geworden
Gleich zu Beginn des Gesprächs gibt’s eine Überraschung. Denn der Münchener erklärt: „Ich bin im Grunde kein kontaktfreudiger Typ. Ich habe kein Talent für Small Talk und ich scheue mich, Leute mit allzu intimen Fragen zu belästigen.“ Auch über den Journalisten-Beruf mutmaßt Franz Xaver Gernstl Bemerkenswertes. Er, aber auch einige Kollegen in Bayern, meinen, sich den Beruf unbewusst ausgesucht zu haben. Denn der Job zwinge sie, die eigene Schüchternheit, vielleicht auch Bequemlichkeit, zu überwinden. Kamera und Mikro dienten mehr oder weniger als Legitimation für die eigene Neugier, quasi als persönliches Druckmittel. Franz Xaver Gernstl: „Da könnte was dran sein.“
Seine Arbeitsweise habe sich mit den Jahren deutlich verändert, betont der mehrfache Grimme-Preisträger und Preisträger des Deutschen Filmpreises: weg vom Spontanen, hin zum Geplanten. Das Leben sei schlichtweg langweiliger geworden, so der Vater von zwei Söhnen: „Also das echte Leben, das gesellschaftliche, zwischenmenschliche Leben meine ich.“ Vermutlich liege das am Internet. Man müsse heutzutage praktisch nicht mehr aus dem Haus gehen: nicht zum Einkaufen, nicht zum Spielen, nicht zum Flirten: „Die Leute haben ihr Leben ins Internet verlegt“, so die Beobachtung des 75-Jährigen. Aus seiner Produktionsfirma Megaherz mit aktuell 50 Beschäftigten sei er „Stück für Stück“ ausgestiegen und „seit fünf Jahren komplett raus“, wie er sagt.
Seine beiden Söhne führen die Geschäfte nun gemeinsam mit einem Freund und Kollegen. Mit beiden Kindern verstehe er sich sehr gut und man sei in engem Kontakt. Ein Sohn wohnt im selben Haus, der andere nicht weit entfernt. „Das Rumfahren und Drehen“ vermisse er zwar, lässt es nun aber gern ruhiger angehen. „Interviews organisieren und Drehtermine planen, das war nicht unaufwendig.“ Auch mit seinen beiden Kompagnons von „Gernstl unterwegs“ verstehe er sich nach wie vor blendend. Die drei waren zuletzt in Lissabon. „Es hat zwar tagelang geregnet, aber wir haben’s uns in einer Ferienwohnung gemütlich gemacht.“ Die nächste Tour sei schon in Planung.
„Viele meinen, Talent bewirke den Erfolg“
Franz Xaver Gernstl hatte auch mit anderen TV-Sendungen Erfolg, darunter „Willi wills wissen“. Oft habe er „Glück gehabt“, worauf sich auch der Buchtitel beziehe. „Viele meinen, Talent bewirke den Erfolg. Doch oft sei dies mitnichten so“, sagt der Münchener. Der glaubt vielmehr, dass es eine ganze Menge talentierte Kollegen in seinem Metier gibt, die dennoch erfolglos bleiben. „Umgekehrt gibt es genügend Kollegen und Kolleginnen, die nicht sonderlich talentiert, aber trotzdem gut im Geschäft sind. Noch wichtiger als Können ist nämlich, im richtigen Moment die richtigen Menschen zu treffen und diesen glücklichen Umstand auch zu erkennen“, schreibt Gernstl in seinem höchst interessanten und lesenswerten Buch.
Seit über 30 Jahren lebt der Doku-Filmer in München-Schwabing. „Ich könnte wohl auch in Hintertutzing oder sonst wo wohnen, aber München ist schon angenehm: manchmal etwas langweilig, aber dafür meist gemütlich und sicher.“ Obwohl er unweit vom Wendelstein geboren ist und in Rosenheim aufwuchs, habe er nie Interesse an Bergtouren verspürt. Stundenlange Touren zum Gipfelkreuz?
Der Reiz von solchen Aktionen habe sich ihm nie erschlossen, lächelt der gelernte Bankkaufmann und studierte Soziologe. Einmal fuhr er mit der Zahnradbahn für eine Doku doch auf den Wendelstein – bei Nebel und durchwachsenem Wetter. Für die Reportage sei es okay gewesen, doch privat habe ihm das nichts gegeben. Sein Bayern genieße er auch ohne Berge: „Ich will 100 Jahre alt werden. Die ersten 25 Jahre brauchte ich zur Selbstfindung mit Banklehre und Studium. Nach 50 Jahren Filmerei folgt nun eine gute Zeit, die ich wohl in Bayern verbringe. Was ich dann tatsächlich mache, lasse ich auf mich zukommen“, so der angenehme Gesprächspartner, der am Telefon so tiefenentspannt wirkt, dass ihm die einhundert Lebensjahre locker zuzutrauen sind.
Nach Berlin und Brandenburg habe es ihn auch hin und wieder verschlagen. Doch dies meist aus dienstlichen Gründen. Im Rahmen einer Reisereportage habe ihm 1985 mal ein US-Amerikaner polnischer Herkunft den Mauerfall 1989 vorhergesagt. Das sei ihm schon sehr in Erinnerung geblieben, schmunzelt Franz Xaver Gernstl.
Der beschreibt in seinem Buch, wie es zu solchen Begegnungen kam, ob man Zufall planen kann oder ob es am Ende einfach heißt: „Glück gehabt?!“ Der Autor berichtet von wilden Jahren „on the road“ und von dem, was er gefunden hat, ohne je danach gesucht zu haben: ein abenteuerliches Leben mit seinen besten Freunden und eine Ahnung davon, was Glück bedeutet.