Hitzerekorde, Dürre, Brände – Schlagworte, die nach allen Prognosen auch die nächsten Wochen dominieren. Die unentrinnbaren Folgen des Klimawandels zeigen, dass bei Schutzmaßnahmen mehr Tempo nötig ist. Auch weil gesundheitliche und soziale Folgen immer deutlicher werden.
Die Namen Drewitz und Burbach tauchen nicht gerade regelmäßig in den bundesweiten Schlagzeilen auf. Am 27. Juni war das anders. Nicht auszuschließen, dass es in absehbarer Zeit noch häufiger vorkommt.
Burbach, ein Stadtteil der saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken, hatte bis dahin den Hitzerekord in Deutschland gehalten. 41,3 Grad, gemessen im Jahr 2019. Jetzt aber setzte sich Drewitz, ein Ortsteil von Möckern (Sachsen-Anhalt) an die Spitze: 41,8 Grad ist nun die bislang höchste gemessenen Temperatur in Deutschland. Und das schon Ende Juni. Prognosen zufolge ist nicht auszuschließen, dass Drewitz im August um seinen Spitzenplatz als Hitzerekordhalter bangen muss.
Im Müritz-Nationalpark (Mecklenburg-Vorpommern) haben Hunderte von Feuerwehrleuten tagelang gegen den in diesem Jahr in Deutschland bislang größten Waldbrand gekämpft. Viele andere Brände schafften es allenfalls in lokale Nachrichten und waren – bislang – beherrschbar. Im Gegensatz zu den massiven Bränden in Spanien und Frankreich. Beide Länder mussten Hilfe der EU anfordern. Die EU hatte ihrerseits bereits Vorsorgemaßnahmen verstärkt. Knapp 800 Feuerwehrleute aus 14 Mitgliedsländern (genau: 777 nach Angaben der Kommission) können als Unterstützung eingesetzt werden, dazu eine Flotte von 22 Löschflugzeugen und fünf Hubschraubern. Das alles war aufgrund der Erfahrungen der vorhergehenden Jahre aufgebaut worden. Die Aufgaben dürften im weiter voranschreitenden Klimawandel nicht geringer werden.
Warnungen waren nicht übertrieben
Aufgeschreckt haben in diesen ersten Hitzewellen des Jahres auch Zahlen über Hitzetote und eine „Übersterblichkeit“. Die Angaben des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass vor allem für ältere Menschen und sogenannte vulnerable Gruppen, also Menschen mit gesundheitlichen Vorbelastungen, diese Witterungsverhältnisse zu einem extremen Risiko werden.
Es gibt immer noch Stimmen, die das alles in Zweifel ziehen, aber die sind in einer deutlichen Minderheit, was sie allenfalls durch ihre Lautstärke wettzumachen versuchen. Die hartnäckigen Leugner oder Verharmloser des Klimawandels und dessen Folgen lassen sich erfahrungsgemäß auch nicht durch noch so fundierte wissenschaftliche Analysen beeindrucken.
Eine klare Mehrheit ist sich aber nicht nur der Belastungen und Bedrohungen infolge des Klimawandels bewusst, sie ist auch bereit, viel dafür zu tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Und das sind, wie unlängst eine Studie gezeigt hat, deutlich mehr, als es im Bereich der Politik vermutet wird. Eine Befragung hat ziemlich eindrucksvoll gezeigt, dass Politiker die Bereitschaft der Menschen diesbezüglich deutlich unterschätzen.
Daraus erklärt sich wohl (zumindest zum Teil) auch, dass in einigen Politikfeldern, insbesondere der Energiepolitik, derzeit einiges auf den Weg gebracht wurde, was Kritiker noch zurückhaltend als ein „Aufweichen der Klimaschutzziele“ bezeichnen. Auf EU-Ebene gehören dazu die Pläne, die Regeln für den Emissionszertifikatehandel zu lockern. Dabei gilt dieser Zertifikatehandel als das zentrale Instrument, das mit marktwirtschaftlichen Methoden wesentlich dazu beitragen soll, die berühmten Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Und die sind nach Experteneinschätzung zwingend, um Kipppunkte zu vermeiden, also Entwicklungen, ab denen eine Umkehr nicht mehr möglich ist.
Neben diesen Pariser Klimaschutzzielen als klare Orientierung hat zudem das Bundesverfassungsgericht mit seinem wegweisenden Urteil bereits vor fünf Jahren klare Linien vorgegeben. Das oberste Gericht hatte nicht nur festgestellt, dass das damalige Klimaschutzgesetz zu kurz greift und deshalb erhebliche Belastungen auf die nächste Generation verschiebt. Das wiederum würde dann die Freiheitsrechte der nächsten Generation unzulässig einschränken, so die Verfassungsrichter. Die wäre nämlich unweigerlich zu harten Maßnahmen gezwungen, die ihre eigene Entfaltung massiv einschränken würden.
Kurzum hatte das Gericht die heutige Politik verpflichtet, wirksame Maßnahmen zu ergreifen und nicht alles auf die nächste Generation abzuschieben.
Das von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche vorgelegte neue Heizungsgesetz wird vermutlich bei den Verfassungsrichtern landen, die dann prüfen sollen, ob die neue „Freiheit im Heizungskeller“ letztlich die Freiheitsrechte der nächsten Generation in Gefahr bringt.
Hitzewellen haben soziale Folgen
Bei den aktuell immer neuen Hitzerekorden samt allen Folgen wie Dürren und Bränden geht es aber erst einmal um die Frage, wie wir damit umgehen – und im extremen Fall: wie wir überleben. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen stehen vor enormen Herausforderungen, natürlich nicht erst seit dieser Hitzeperiode. Ein Blick in ambulante Pflegedienste, die Pflege zu Hause leisten, zeigt, dass private Wohnsituationen insbesondere älterer Menschen erst recht kaum bis gar nicht auf solche Verhältnisse eingerichtet sind.Und das gilt nicht nur für private Wohnverhältnisse, es gilt auch für die meisten Städte. Die haben inzwischen, manche früher, andere etwas zögerlicher, die neuen Herausforderungen nicht nur erkannt, sondern begonnen, gegenzusteuern. Sie stehen vor einer Herkulesaufgabe: Klimafolgen begrenzen, gleichzeitig eigenen lokalen Klimaschutz vorantreiben mit allen Facetten, die dazugehören, vom klimaneutralen Rathaus bis zu Mobilitätskonzepten. Das alles sind Dinge, die nicht in ein, zwei Jahren gehen.
Was in den jüngsten Hitzewellen zudem deutlich geworden ist, sind die sozialen Aspekte. Es gibt nun mal Quartiere, in denen die Folgen deutlicher zu spüren sind, und Teile der Bevölkerung, die erheblich größere Probleme haben als andere. In vielen Kommunen entstehen neue Initiativen in Zusammenarbeit mit Sozialverbänden und Kirchen. Dazu gehören beispielsweise Besuchsdienste, die sich gezielt um ältere, alleinstehende Menschen kümmern. Zudem öffnen Kirchen nicht nur ihre Tore, sondern organisieren gezielte Angebote.Das alles geht in der Regel nur mit viel ehrenamtlichem Engagement.
In den bisherigen Hitzewellen dieses Jahres hat sich einmal mehr gezeigt, was Alexander Dony vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als zentrale Herausforderung beim Klimaschutz auf den Punkt bringt: „Wir schützen das Klima, vor allem aber schützen wir Menschen.“ Und dafür muss noch viel mehr und das vor allem viel schneller und konsequenter passieren.
Dieser Sommer macht einem gleich mehrfach zu schaffen. Fast unerträgliche Hitzewellen mit immer neuen Rekordtemperaturen zeigen, dass die Expertenwarnungen vor den Folgen des Klimawandels keine übertriebenen Warnszenarien waren, sondern Jahr für Jahr immer deutlicher spürbare Realität werden.