Im ersten Halbjahr zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 6.000 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland, davon über 4.000 allein während der Extrem-Hitzewelle Ende Juni. Die Erderhitzung macht körperlich krank, belastet aber auch die Seele.
Klimaangst – das ist kein Modephänomen, sondern ein reales, das zunehmend auch von Therapeuten beobachtet wird. Es ist die belastende Sorge vor einer düsteren Zukunft angesichts der Erderhitzung. Die Folgen: Wut, Resignation, Depressionen, Verzweiflung und, bei anhaltender Hitze, sogar steigende Suizidraten.
Christine B., Mitte 50, ist wegen des Lärms und der Hitze vom Berliner Wedding nach Brandenburg gezogen. Dort kann sie von zu Hause arbeiten. Mit ihrer Trauer und ihrer Wut über die Folgen der Klimakatastrophe findet sie hier wie dort wenig Verständnis. „Meine Kolleginnen und Kollegen erzählen von ihrem Thailand-Urlaub“, erzählt sie. „Du kannst ja nicht sagen, ich finde das scheiße, weil du ja auch für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen musst.“ Dieser Druck belastet sie so, dass sie nur noch in Teilzeit arbeiten kann.
Die meisten Menschen hätten vor allem ihr eigenes Vergnügen im Blick und fühlten sich angegriffen, wenn man ihr klimaschädliches Verhalten hinterfrage. „Sie haben das Gefühl, dass sie es sich verdient haben, dadurch, dass sie arbeiten“, vermutet Christine. Nachdem sie die häufigen Flugreisen ihrer Schwester kritisiert hat, spricht diese nicht mehr mit ihr. Sie verbat sich die Einmischung. Christine hätte sich stattdessen gewünscht, dass ihre Schwester „auf meiner Seite ist und mit mir zusammen darüber nachdenkt, was kann man tun, um die Welt besser zu machen“.
Sozialer Druck, Wut und Trauer
Christine gönnt den Menschen ihr Vergnügen, wünscht sich aber etwas mehr Nachdenklichkeit. Vergeblich. Sie hat sich von den Menschen entfremdet, fühlt sich „verdammt alleine“ mit ihrer Sorge um die Zukunft. „80 Prozent wählen Parteien, die das Klima nicht schützen.“ Belastend nennt sie ihre Erfahrung. Ende Juni hat sie beobachtet, wie Turmfalken-Küken aus dem Nest an der Kirche gegenüber sprangen, weil sie bis zu 40 Grad Hitze nicht mehr aushielten. „So was tut mir einfach total weh, und ich laufe die ganze Zeit mit dieser Traurigkeit rum und dieser Wut.“ Teilen kann sie die nur mit Gleichgesinnten im Internet.
Ähnlich geht es Cora A. Die 23-Jährige studiert Stadtplanung in Südhessen. Ihre Depressionen haben sich in der Sommerhitze verschlimmert. Mit ihrer Sorge um Pflanzen, Tiere und Mitmenschen fühlt sie sich nicht ernst genommen. „Ich werde sehr, sehr oft von vielen belächelt“, sagt sie. Sie lebt vegan, heizt möglichst wenig. Um Energie zu sparen, verzichtet sie auf Ventilator und Klimaanlage. Als frustrierend und erniedrigend erlebt sie die Reaktionen der Menschen in ihrem Umfeld, die sie bisweilen als hysterisch abstempeln.
Die Journalistin Michaela M. (Name von der Redaktion geändert) erlebte während ihrer Arbeit einen Zusammenbruch. „Ich habe da gesessen und habe wirklich geheult, weil ich so fertig war, psychisch und auch körperlich. Ich konnte nicht mehr“, berichtet sie. Für sie war diese Erfahrung schlimmer als andere Naturkatastrophen, die sie bereits erlebt hatte. Dort konnte sie wenigstens etwas tun. Gegen die Hitze ist sie machtlos. Die Hilflosigkeit wächst, wenn man die Zerstörung direkt vor der Haustür beobachtet. Der sieben Meter hohe Baum vor ihrem Fenster ist in der Hitze Ende Juni eingegangen. „Das hat sehr gut gespiegelt, wie ich mich gefühlt habe. Es war diese Ausweglosigkeit.“
Besonders ältere Menschen spüren die Einschränkungen. Der 73-jährige Burkhard Köppen, ehemaliger Rettungssanitäter, Intensivpfleger und heute stellvertretender Bürgermeister einer Kleinstadt, macht sich Sorgen um die Zukunft. „Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber die Folgen, die jetzt auf uns zukommen … Ich weiß, es wird Jahr für Jahr mehr werden, es wird schlechter. Wie werde ich damit zurechtkommen?“, fragt er sich. Er beobachtet, wie sich Menschen zurückziehen: „Man stellt seine eigenen täglichen Aktivitäten immer mehr ein und kommt aber irgendwann an einen Punkt, an dem man unter Umständen dann auch den sozialen Kontakt mit anderen verliert, weil man versucht, sich zu verstecken.“
Angst motiviert zum Handeln
„Klimaangst ist eine gesunde Reaktion auf eine reale Bedrohung“, bestätigt die Psychotherapeutin Lea Dohm, Mitgründerin der Initiative Psychologists for Future. Die Angst vor den Folgen des Klimawandels sei keine „behandlungsbedürftige psychische Störung“. Sie sei eher nützlich, weil sie „zum Handeln gegen die Klimakrise motivieren kann“.
Gleichzeitig verdrängten viele die Bedrohung oder reagieren nur mit eher symbolischen Einzelaktionen nach der Devise: „Ich esse dienstags ein bisschen weniger Fleisch.“ Das sei „aller Ehren Wert, aber das löst natürlich das Klimaproblem nicht“, sagt Dohm. Sie fragt sich vielmehr, warum so wenige Menschen Angst haben, obwohl die Wissenschaft die Lage als sehr bedrohlich einstuft.
Studien bestätigen, dass die Klimakrise im Therapiezimmer angekommen ist. Das Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP) der Universität Greifswald hat 700 seiner Patientinnen und Patienten gefragt, ob die Folgen der Erderhitzung ihre Symptome verstärken. 27 Prozent der Befragten geben an, durch die Klimakrise belastet zu sein. Knapp die Hälfte dieser Gruppe (42%) sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Klimakrise und der Verstärkung ihrer Depression. Und ein Großteil berichtet zudem, dass die Klimaangst und -trauer ihre psychischen Probleme verschlimmere. „Die Angst wird zum Problem, wenn sie das Leben lähmt“, warnt die Direktorin des ZPP, Eva-Lotta Brakemeier. Dies führe zu Hoffnungslosigkeit oder behandlungsbedürftigen Angststörungen. Wenn Menschen sich sehr zurückziehen und den Alltag nicht mehr bewältigen können, bräuchten sie Hilfe.
Eine Umfrage unter Therapeuten in Deutschland zeigte 2024, dass 72 Prozent bereits Patienten mit solchen Belastungen hatten. Bei 41 Prozent dieser Therapeuten haben Betroffene sogar eine Therapie begonnen. Besonders jüngere und hochgebildete Menschen suchen Hilfe.
Der Psychologe Stephan Heinzel forscht an der Technischen Universität Dortmund unter anderem zu den neurobiologischen Grundlagen psychischer Störungen und den Mechanismen therapeutischer Interventionen. Auch er nennt Klimaangst eine begründete und angemessene Reaktion auf eine reale Bedrohung. Nachdem er viele Studien aus dem In- und Ausland dazu gelesen hat, schätzt der Wissenschaftler, dass sich weltweit mehr als die Hälfte der Menschen Sorgen wegen der Klimakrise macht. Die Vereinten Nationen kamen 2024 in ihrer Umfrage „Peoples’ Climate Vote“ in 77 Ländern auf durchschnittlich 80 Prozent.
In Deutschland ermittelte das Institut Sinus im Auftrag der Barmer-Krankenkasse im vergangenen Jahr, dass 52 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen „gesundheitliche Risiken“ durch die Folgen der Erderhitzung erwarten. 31 Prozent, also rund jeder und jede Dritte, habe „große Angst vor dem Klimawandel“.
Neben der Angst greift dauerhafte Hitze die Psyche an. Hans Knoblauch, ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ZfP in Wangen im Allgäu, beschreibt die Folgen: „Wir sind müde, können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter und werden reizbarer.“ Es gibt mehr Fouls im Sport, mehr Auffälligkeiten im Straßenverkehr. Auch Hassreden in sozialen Medien nehmen zu. „Es gibt mehr spontane Kündigungen im beruflichen Alltag und mehr Hinweise zum Beispiel auf häusliche Gewalt“, berichtet Knoblauch. Eine Auswertung von Daten aus den USA hat jetzt ergeben, dass die Suizid-Rate unter jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren zwischen 1980 und 2004 mit jedem Grad Temperaturanstieg um drei Prozent gestiegen ist. Ähnliche Erfahrungen gibt es in Europa. So berichtet die Psychotherapeutin und Podcasterin Lea Dohm von Psychologists for Future, dass die Zahl der Einweisungen in die Psychiatrien und der suizidalen Krisen bei Hitze zunehme, insbesondere ab Tag drei einer Hitzeperiode.
Hitze verändert Medikamente
Hinzu kommt, dass Hitze die Wirkung von Medikamenten verändert. Lea Dohm nennt als Beispiel Antidepressiva. Sie empfiehlt Betroffenen in die „Heidelberger Hitze-Tabelle“ zu schauen und ihre Ärztin oder ihren Arzt zu fragen.
Die Psychologin Monika Stöhr berät in der Online-Klimasprechstunde am ZfP Menschen, die die Erderhitzung in psychische Not bringt. Sie erzählt von einer Patientin Mitte 50, die ihren Familienurlaub abbrach, weil sie die Vermüllung eines Strandes nicht ertrug. „Sie hat zum Beispiel gesagt, wir, also die Menschen, wir sind die Bösen. Wir haben das der Erde angetan“, so Stöhr. Viele Betroffene leiden unter einem Widerspruch: Sie wollen klimaschonend leben, aber gleichzeitig ihre Bedürfnisse erfüllen. Diese „kognitive Dissonanz“ entstehe, „wenn das eigene Handeln nicht mit den eigenen Werten übereinstimmt.“ Dies führe zu Schuld- und Schamgefühlen, die die psychische Belastung noch verstärken.
Der wichtigste Schritt zur Besserung ist das Gespräch. „Bei dieser Klientin ging es darum, zunächst einmal Entlastung dadurch zu schaffen, dass sie über ihre Ängste und Sorgen reden konnte“, erklärt Stöhr. Im nächsten Schritt sucht man nach praktischen Lösungen im Alltag. So kann man etwa das Thema Ernährung im Elternkreis der Schule ansprechen. Es geht um kleine, machbare Schritte. Psychotherapie kann Entlastung bieten. Gleichzeitig ist es wichtig, praktische Strategien zu entwickeln – etwa durch klimafreundliches Handeln im Alltag. „Selbstwirksamkeit entsteht, wenn man spürt, dass man etwas bewegen kann“, sagt Monika Stöhr. Engagement in Klimaschutz-Initiativen kann das Gefühl von Kontrollverlust mindern und Hoffnung geben. Und das wiederum ist gut für die psychische Gesundheit.
Inzwischen gibt es auch erste Konzepte für Unterstützung von Menschen mit Klimaangst in der Psychotherapie. Stephan Heinzel von der TU Dortmund nennt die „Acceptance and Commitment“-Therapie. Die Idee dahinter: Angst und andere negative Gefühle als angemessene Reaktion auf die Bedrohung durch die Erderhitzung annehmen und akzeptieren, um dann nach einem guten Umgang damit zu suchen. Dabei gehe es darum, „Gleichgesinnte zu finden“ und im Einklang mit den eigenen Werten zu leben und zu handeln.
An der Uni Greifswald verfolgen die Psychologinnen und Psychologen einen ähnlichen Ansatz: Der Mensch, erklärt Eva-Lotta Brakemeier, sei bei Bedrohung auf Flucht, Erstarrung oder Kampf programmiert. Flucht vor den Folgen der Klimakrise ist schwierig, Erstarrung bringt keine Linderung. So bleibt nur der Kampf. Auch hier geht es darum, die negativen Gefühle ähnlich wie in der Trauer im Sinne einer „radikalen Akzeptanz“ anzunehmen, und dann darauf zu achten, was einem in dieser Situation guttut. Brakemeier empfiehlt gemeinsames Engagement etwa für den Umwelt- und Klimaschutz. So könne man sich mit anderen Menschen verbinden und im gemeinsamen Tun eine erfüllende, sinnstiftende Aufgabe finden. Das hilft auch gegen Einsamkeitsgefühle. Wichtig dabei: die eigenen Belastungsgrenzen erkennen und respektieren.
Zu viele schlechte Nachrichten können lähmen und die Seele unnötig belasten. Eva-Lotta Brakemeier rät daher zu einem achtsamen Umgang mit Medien aller Art. Vor allem in den sozialen Medien schieben die Algorithmen Katastrophenmeldungen und andere negative Nachrichten nach oben. Sie versprechen viele Reaktionen und halten so die Nutzer auf der jeweiligen Plattform. Ein Tipp der Therapeutin: Medien bewusst nur zu bestimmten Zeiten öffnen, möglichst nicht vor dem Einschlafen. Viele Apps könne man so einstellen, dass sie sich nur zu vorgegebenen Zeiten starten lassen.
Grundsätzlich könne man sich auf eine Hitzephase ein wenig vorbereiten: möglichst keine stressigen Termine und schwierigen Gespräche sowie nachmittags eine lange Ruhepause planen und schon mal nachsehen, wo es in der Nähe kühle Räume wie Kirchen, klimatisierte Supermärkte, Stadtbibliotheken, Freibäder und Museen gibt. Denn die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.