Der Iran-Krieg könnte sich auf die Meerenge Bab al-Mandab ausweiten
Viele Blicke richten sich dieser Tage auf zwei wichtige Meerengen im Nahen Osten. Die Straße von Hormus, durch die vor dem Iran-Krieg rund 20 Prozent des globalen Öl- und Gashandels führten, ist erneut de facto blockiert. Nun rückt auch Bab al-Mandab („Tor der Tränen“) ins Zentrum, die Seeverbindung zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden.
Manche mögen Bab al-Mandab für einen Ort halten, der Tausende Kilometer entfernt liegt und ihr Alltagsleben kaum berührt. Doch das ist ein Trugschluss. Die Meerenge zwischen Jemen, Eritrea und Dschibuti hat für die Weltwirtschaft eine überragende Bedeutung. Rund 15 Prozent des globalen Handels und 30 Prozent der Container-Schifffahrt gehen durch das Nadelöhr am südlichen Ende des Roten Meers. Viele Importe aus Asien werden durch Bab al-Mandab transportiert und passieren später den Suezkanal auf dem Weg nach Europa. Ein Drittel der europäischen Einfuhren – von Autoteilen bis Waschmaschinen – nimmt diese Route.
Doch der Warenfluss durch die Wasserstraße stockt. Auslöser ist der neu aufbrandende Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den mit Iran verbündeten Huthis in Jemen. Am Montag attackierten die schiitischen Milizen saudische Ölanlagen. Dies sei eine Vergeltung für Luftschläge der von Riad geführten Koalition auf Stellungen der Huthis, erklärte ein Sprecher. In der vergangenen Woche hatten die Rebellen bereits zwei saudi-arabische Öltanker im Roten Meer mit Drohnen und Raketen angegriffen. Die Huthis haben nichts zu verlieren – Jemen ist das Armenhaus auf der Arabischen Halbinsel. Weite Teile der Bevölkerung leiden an Hunger und sind leicht zu radikalisieren. Die Milizen kontrollieren Gebiete an der Küste des Roten Meers einschließlich der Hauptstadt Sanaa.
Aufgeflammt waren die Spannungen Anfang Juli. Der von Riad unterstützte Präsidiale Führungsrat Jemens, die international anerkannte Führung des Landes, hatte den Flughafen von Sanaa bombardiert. Er wollte damit ein iranisches Flugzeug an der Landung hindern, in dem eine Huthi-Delegation von der Trauerfeier für den getöteten iranischen Führer Ali Chamenei zurückkehrte. Die Huthis machten Saudi-Arabien verantwortlich, beschossen den Airport Abha im Süden des Landes. Nach saudischen Attacken auf Huthi-Stützpunkte feuerten die Milizen Dutzende Raketen und Drohnen auf Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco.
Die Wurzeln des Konflikts liegen zwölf Jahre zurück. 2014 hatten die Huthi-Milizen den Nordwesten Jemens erobert. Eine Reihe arabischer Staaten unter der Führung Saudi-Arabiens startete 2015 eine Militär-Intervention, um die Regierungstruppen gegen die Huthis zu unterstützen. Es war ein Stellvertreterkrieg zwischen zwei Ländern, die um die Vorherrschaft in der Region rangen: das sunnitische Königreich Saudi-Arabien und der schiitische Iran. 2015 floh die jemenitische Regierung nach Riad. Seit 2022 herrscht eine brüchige Waffenruhe, die nun vollends auf der Kippe steht.
Damit wird ein weiterer Regionalkonflikt zu einer schweren Belastung für die Weltwirtschaft. Dies trifft zunächst Saudi-Arabien. Das Königreich, nach den USA der zweitgrößte Produzent des „schwarzen Goldes“, reagierte schnell auf die Schließung der Straße von Hormus: Es pumpte täglich rund sieben Millionen Barrel Öl – rund sieben Prozent des weltweiten Verbrauchs – durch die Pipeline aus der Ostprovinz in den Hafen Yanbu am Roten Meer. Dort wurde es auf Tanker verladen, von denen viele Kurs auf die energiehungrigen Volkswirtschaften in China, Indien, Japan und Südkorea nahmen. Die Attacken der Huthis könnten für gefährliche Engpässe sorgen.
Bleiben die Lieferungen nach Asien aus, werden dort weniger Vorprodukte in europäische Häfen geliefert. Die globale Wirtschaft hatte bereits einen Vorgeschmack bekommen, welche Folgen eine Blockade der Meerenge Bab al-Mandab hätte. Nach dem Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 beschossen die Huthi-Milizen mehr als 100 Schiffe. Die großen Reedereien wichen auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung im Süden Afrikas aus. Der Umweg beträgt 9.000 Kilometer und kostet pro Strecke rund zwei Millionen Dollar extra. Sollten sich der Iran-Krieg und der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Jemen gegenseitig hochschaukeln, hätte die Weltwirtschaft mit einer zweiten Front zu kämpfen.