Ganze 38-mal hat der US-Präsident den Krieg mit dem Iran seit März für beendet erklärt. Doch er geht weiter und sorgt für hohe Preise an den Zapfsäulen. Weltweit ist die Lage für Öl jedoch deutlich komplexer.
Pünktlich zur Ferienzeit ziehen an deutschen Tankstellen die Preise wieder an: Benzin und Diesel erreichen neue Höchststände. Das hat Gründe, der offensichtlichste: die Attacken der USA auf den Iran und dessen Konter-Angriffe auf Nachbarstaaten und Schiffe. Der Krieg begann am 28. Februar mit Luftschlägen der USA und Israels, Iran antwortete unter anderem mit Drohnen- und Raketenangriffen auf benachbarte Länder und deren Ölförderinfrastruktur sowie einer Blockade der Straße von Hormus. Der Ölpreis stieg dadurch Ende März auf rund 118 Dollar, der Dieselpreis erreichte am 7. April mit 2,45 Euro pro Liter ein Allzeithoch – höher als der bisherige Rekord von 2,32 Euro im März 2022 nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Zu Beginn der Feindseligkeiten hatte die Bundesregierung reagiert und einen Tankrabatt eingeführt. Dieser habe teilweise gewirkt, sagten Experten, doch mit dem Auslaufen Anfang Juli und den erneuten Kampfhandlungen stiegen die Preise an den Zapfsäulen erneut.
Keine weiteren Entlastungen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schließt trotz gestiegener Preise weitere staatliche Entlastungen vorerst aus. Als Grund verweist sie auf die knappe Haushaltslage. „Wir haben mit der Spritpreisbremse ein sehr, sehr teures Instrument eingesetzt. Das hat uns viele Milliarden Euro gekostet. Diese sind momentan im Bundeshaushalt auch nicht zur Verfügung“, sagte die CDU-Politikerin bei RTL/N-TV. Ein Spritpreisdeckel, wie von SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf gefordert, würde den Staat erneut Milliarden kosten, weil „der Weltmarkt nicht darauf reagiert, wenn Deutschland einen Deckel einzieht“, sagte Reiche nach Angaben des Senders. Die derzeit geltende Zwölf-Uhr-Regel und das verschärfte Kartellrecht sorgten für mehr Transparenz für Kunden.
Hinzu kommen unsichere Transportwege. Der Rhein ist aufgrund ausbleibender Regenfälle bei einer Tiefe von knapp 90 Zentimetern angelangt. Transportschiffe können nur noch weniger als die Hälfte laden, um nicht auf Grund zu laufen. Die Westhälfte Deutschlands wird vor allem über den Rhein mit Benzin versorgt.
Wie ist die Situation aber derzeit? Sicher, sagt zumindest der ADAC. „Der niedrige Rheinpegel spielt eine gewisse, aber insgesamt eher untergeordnete Rolle bei der Höhe der Spritpreise, weil die Schiffe nicht mehr voll beladen werden können und die Transportkosten steigen“, so ein Sprecher des Vereins. Der damit einhergehende Preisaufschlag sei jedoch eher marginal. „Die Versorgungslage ist nach unserer Kenntnis gesichert, es sind keine Engpässe bekannt.“ Das meiste Rohöl für Deutschland, den weltweit siebtgrößten Verbraucher, kommt mittlerweile aus Norwegen, nicht aus dem Nahen Osten. Dass die Preise nach dem Ende des Tankrabatts wieder gestiegen sind, sei in erster Linie, neben der wiedereingeführten regulären Energiesteuer, auf die erneute Eskalation im Nahen Osten und den gestiegenen Rohölpreis zurückzuführen.
Dieser ist tatsächlich nach dem Aufflammen der Kämpfe wieder höher. Die beiden wichtigen Rohölsorten Brent und WTI kosten beide derzeit 30 Prozent mehr als noch zu Beginn des Jahres. Dass die Versorgungslage trotzdem gut ist und bleibt, dafür sorgen die mittlerweile diversifizierten Bezugsquellen.
Ukraine greift Raffinerien an
Weltweit gibt es jedoch Grund zur Besorgnis, die wiederum zu höheren Preisen führt. Das hat mehrere Gründe.
Durch die Straße von Hormuz an der Arabischen Halbinsel fließt ein Fünftel des weltweiten Ölbedarfs. Fehlt diese Menge, greifen Einkäufer woanders zu. Auch der Krieg in der Ukraine spielt eine Rolle. Denn mittlerweile ist die Ukraine in der Lage, russische Raffinerien, die teils weit im russischen Hinterland liegen, anzugreifen und weitgehend auszuschalten. Deren Kapazität fehlt, auch wenn die russische Tanker-Schattenflotte sanktioniert ist.
Russland konnte sein Öl beispielsweise dennoch nach Indien und China exportieren und damit deren Nachfrage befriedigen. China als der weltweit größte Ölkonsument hat nun die Einfuhr von Öl zeitweise drastisch reduziert. Dies sowie das Freigeben strategischer Reserven, vor allem in den USA, haben dazu geführt, dass die Preise trotz des Krieges in Nahost noch vergleichsweise moderat blieben.
Nun aber ist die strategische Reserve in den Vereinigten Staaten so gut wie aufgebraucht. Diese sollte den Rohölpreis künstlich niedrig halten. Die Zahlen des US-Energieministeriums zeigen, dass die USA kurz vor Russlands Angriff auf die Ukraine ihre Reserven auf einen historischen Höchststand aufstockten. Präsident Joe Biden gab sie 2022 frei, um die immensen Verwerfungen des Marktes nach Kriegsbeginn aufzufangen. Gefüllt wurde sie seither immer wieder, auch durch US-Präsident Trump, sie erreichte jedoch keine Höchststände mehr. Weil der US-Angriff auf den Iran ein Chaos am Markt auslöste, musste Trump seinerseits Ölreserven freigeben, um diesen zu beruhigen. Nach mehreren Monaten Krieg ist sie aber bis auf die technische Reserve, die zum sicheren Betreiben der Anlagen und Speicher notwendig ist, so gut wie geleert.
Ein strategisch günstiger Zeitpunkt für den Iran, seine Proxies im Jemen zu aktivieren. Nachdem das Hin und Her in der Straße von Hormuz, dem ersten Nadelöhr für den globalen Chemie- und Erdölexport, in den nunmehr sechsten Monat geht, blieb ein zweites bisher unangetastet: Bab al-Mandab. Mithilfe von vorsorglich vor Jahren schon gelegten Pipelines waren die Saudis bislang in der Lage, 60 Prozent ihres Öls quer über die Arabische Halbinsel an die Küste des Roten Meeres zu leiten, im Hafen Bab al-Mandab wurde es verladen.
Huthi-Miliz attackiert Tanker
Die Huthi-Rebellen, die den nordwestlichen Jemen beherrschen, könnten diese Route nun schließen. Ein Sprecher erklärte, man werde ab sofort eine Seeblockade verhängen. Die jemenitische Miliz, die von den iranischen Revolutionsgarden unterstützt wird, könnte versuchen, mithilfe von Drohnen- und Raketenangriffen den Schiffsverkehr aus dem Roten Meer und in den Suezkanal empfindlich zu stören. Laut Medienberichten von Al Jazeera drehten kurz nach der Ankündigung bereits mehrere saudische Tanker um, die iranischen Revolutionsgarden meldeten ihrerseits erfolgreiche Angriffe auf Tanker.
Wie viel von alledem tatsächlich an der Zapfsäule ankommt, zeigt ein Blick auf die Zusammensetzung des deutschen Kraftstoffpreises. Im Januar 2026 – kurz vor Kriegsbeginn – entfielen von einem Literpreis für Super E10 rund 20 Prozent auf die Rohölproduzenten, wie eine Marktanalyse des Mineralölhändlers ED (Erich Doetsch) zeigt. Der mit Abstand größte Teil, 73 Prozent, ging an den Staat: Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer, CO₂-Abgabe und die Kosten der EU-Treibhausgasminderungsquote, die Deutschland als einziges EU-Land ab 2026 für die nächsten 15 Jahre jährlich weiter verschärft – Deutschland hat einen Anteil von 22 Prozent an den Treibhausgasemissionen der EU und ist damit Spitzenreiter. Nur gut sieben Prozent des Benzinpreises blieben für Transport, Raffination und den Tankstellenbetrieb selbst.
Von den insgesamt 123 Cent Steuern und Abgaben pro Liter sind rund 96 Cent feste Beträge, die unabhängig vom Weltmarktpreis erhoben werden – nur die Mehrwertsteuer steigt automatisch mit, weil sie prozentual auf den Endpreis erhoben wird. Heißt: Ein Großteil der Steuerlast bleibt in Cent gerechnet gleich, ganz gleich, wie stark der Ölpreis durch den Krieg steigt oder fällt. Das relativiert den Kriegs-Effekt an der Zapfsäule – aber eben nur teilweise, denn der wachsende Rohölanteil zieht über die Mehrwertsteuer noch etwas Zusatzlast mit sich.
Bis vor Kurzem konnten Tankstellen ihre Preise mehrmals täglich anheben – oft gezielt dann, wenn viele Autofahrer tanken mussten. Als Reaktion auf die durch den Krieg ausgelösten Preissprünge beschloss die schwarz-rote Koalition Ende März das Spritpreispaket. Kernstück ist die Zwölf-Uhr-Regel: Seit dem 1. April dürfen Tankstellen ihre Preise für Benzin und Diesel nur noch einmal täglich erhöhen – exakt um zwölf Uhr mittags.
Preissenkungen bleiben dagegen jederzeit und beliebig oft möglich. Jede Erhöhung muss binnen fünf Minuten an die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) beim Bundeskartellamt gemeldet werden, die diese Daten weiterhin an Verbraucherportale wie clever-tanken.de weiterleitet. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 100.000 Euro.
Der Effekt lässt sich mittlerweile ablesen: Am günstigsten tankt, wer kurz vor zwölf Uhr an die Zapfsäule fährt. Punkt Zwölf springen die Preise dann schlagartig nach oben, teils um bis zu zehn Cent, bevor sie bis zum frühen Abend wieder um 70 bis 80 Prozent dieses Aufschlags abschmelzen. Ganz reibungslos lief die Umsetzung allerdings nicht: Das Bundeskartellamt registrierte allein in den ersten drei Aprilwochen rund 60.000 mutmaßlich unzulässige Preiserhöhungen an rund 3.800 Tankstellen – Kartellamtschef Andreas Mundt sprach gegenüber dem ZDF von teils „groben Abweichungen“ vom vorgeschriebenen Zeitfenster. Für Sanktionen sind die Bundesländer zuständig, die bislang nur schleppend zuständige Behörden benannt haben.
Nach dem Auslaufen des Tankrabatts werden die Preise zunächst hoch bleiben. Dafür sorgen andauernde Kämpfe im Nahen Osten und die Abneigung der Bundesregierung gegen einen weiteren Tankrabatt. Aber Nicht-Opec-Staaten wie die USA wollen ihre Fördermenge erhöhen, die Internationale Energieagentur geht von schwächerer Nachfrage aus. Signale, die Öl und Benzin vielleicht wieder etwas billiger werden lassen. Vielleicht.