Sie stammen aus dem Mesozoikum des Rock: Deep Purple. Durch den Neuzugang des Gitarristen Simon McBride (47) vor vier Jahren hat sich die bemerkenswerte Karriere der Briten noch einmal verlängert. Ein Gespräch über das neue Album, Live-Auftritte und den richtigen Zeitpunkt für das Ende.
Mister Gillan, ist das Songwriting für Sie mit der Zeit schwieriger geworden, weil Sie schon so viele Klassiker geschrieben haben?
Ian Gillan: Nein, es ist jetzt viel einfacher. Je öfter man etwas tut, desto leichter wird es. Das Handwerk lernt man in jungen Jahren. Als wir bei Deep Purple mit dem Songschreiben anfingen, ging es um schnelle Autos, wilde Partys und solche Sachen. Nun, darüber kann man nicht sein ganzes Leben lang schreiben. Als älterer Mensch kann man ein bisschen weiter blicken und hat viele Erfahrungen gesammelt. Also fängt man an, darüber zu schreiben.
„Splat!“ ist Ihr zweites Album mit Simon McBride. Wie fühlt es sich an, ihn in der Band zu haben?
Gillan: Er ist brillant. Die Chemie zwischen Menschen ist manchmal unbegreiflich. Man kann eine beliebige Gruppe von Leuten nehmen und eine Person austauschen – und plötzlich läuft es fantastisch. Er ist ein phänomenaler Gitarrist und hat das Ganze verändert. Auf Youtube kann man Simon bei einem irischen TV-Talentwettbewerb sehen, wie er mit 12 Jahren „Satch Boogie“ von Joe Satriani spielt. Ich habe mit Satriani darüber gesprochen. Er sagte: „Als ich 12 war, habe ich Frösche gefangen.“ Simon ist unglaublich, ein sehr kluger, netter Kerl. Er passt charakterlich sehr gut zu uns.
Wie begann die Arbeit an der Platte?
Gillan: Ich habe den größten Teil des letzten Sommers damit verbracht, Geschichten zu schreiben. Diese Storys habe ich nach und nach an die einzelnen Musikstücke angepasst, sie zugeschnitten und in Form gebracht. Es ist eigentlich ganz einfach. Und es macht richtig Spaß.
Roger Glover: Ian und ich setzen uns immer ohne den Rest der Band zusammen, hören uns die vorhandenen Tracks an und versuchen herauszufinden, welche Emotionen sie in uns wecken. Und dann fangen wir an, Texte zu schreiben. Ich kenne nicht viele Bands, die eine solch ungewöhnliche Vorgehensweise haben.
Für manche Künstler ist das Schreiben ein extrem schwieriger Prozess.
Ian Paice: Es ist nicht leicht. Aber man darf sich keine Gedanken darüber machen, was andere so tun. Ich sage nicht, dass wir besser sind. Wir schreiben Musik als Einheit, nicht nach der Vorstellung eines Einzelnen, wie ein Stück sein sollte. Mr. Gillan besitzt das unglaubliche Talent, ein Musikstück in einen Song zu verwandeln, durch die Art, wie er die Worte hört, wie er die Welt sieht, was er über die Dinge denkt. Viele seiner Texte sind ziemlich abstrakt. Man muss ein wenig hinhören, etwas darin finden. Ian Gillan arbeitet in einer ganz anderen Atmosphäre als die Musik selbst.
War es Ihr Ziel, ein klassisches Deep-Purple-Album mit all den Elementen zu machen, die sich die Fans gewünscht haben?
Glover: Nein. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, was die Fans wollen, lähmt man sich selbst. Man hindert sich daran, kreativ zu sein. Es ging immer darum, was wir wollen. Ich erinnere mich, als ich 1969 zu Deep Purple kam, sagte jemand zu mir: „Du musst ein Anführer sein, kein Mitläufer.“ Wenn man ein Mitläufer ist, ist man wie eine Vielzahl anderer Bands, die dem nacheifern, was gerade angesagt ist. Um wirklich erfolgreich zu sein, gilt das Gegenteil. Man kann entweder brillant erfolgreich sein oder brillant scheitern, wenn man seinem eigenen Weg folgt.
Mit dem Produzenten Bob Ezrin arbeiten Sie seit 14 Jahren erfolgreich zusammen. Auf welche Weise motiviert er Sie?
Don Airey: Wir fangen immer ohne Bob an und arbeiten zwei Wochen lang am Songwriting. Dann kommt Bob für eine Woche dazu, und wir gehen alles noch einmal mit feinem Gespür durch. Er nimmt uns richtig in die Mangel, und dann gehen wir zusammen ins Aufnahmestudio. Wir haben eine gut eingespielte Routine. Bob spielt dabei eine große Rolle. Das Besondere an ihm ist, dass man nie so recht weiß, was er vorhat. Okay, er will, dass man über den Tellerrand hinausschaut. Das ist für uns arme Musiker oft schwierig. Wir sind alle sehr in unseren Gewohnheiten festgefahren. Als Simon neu in die Band kam, war er noch nie jemandem wie Bob Ezrin begegnet. Ich musste erst mal mit ihm reden und sagte: „Simon, mach einfach mit. Er will, dass du etwas tust, woran du noch gar nicht gedacht hast.“ Und das ist Teil des Geheimnisses einer guten Platte. Musiker wissen, wie man gute Songs macht. Aber jemand wie Bob weiß, wie man ein gutes Album macht. Das ist der Unterschied.
Simon McBride, probieren Sie gerne Dinge aus, die für die Band völlig neu sind?
Simon McBride: Absolut. Bei uns gibt es keinerlei Vorgaben, weder was den Stil betrifft noch irgendetwas anderes. Wir lassen die Musik einfach entstehen. Das kann in eine völlig andere Richtung gehen – mal klingt es nach Hardrock, mal nach Soul, R&B, Progrock oder Jazz. Manchmal greife ich zu ungewöhnlicheren Ideen, weiche vom klassischen Riff-Schema ab, entferne mich vom typischen Deep-Purple-Klang. Doch sobald wir alle gemeinsam spielen, klingt es unweigerlich wieder nach Deep Purple. Ein gutes Beispiel dafür ist „Jessica’s Bra“ auf dem neuen Album – ein Stück mit irisch-keltischen Einflüssen, das mir spontan einfiel. Als Ian Gillan es hörte, war er sofort Feuer und Flamme: „Das ist großartig, das machen wir!“ Und trotzdem – hört man sich das fertige Stück heute an, klingt es durch und durch nach Deep Purple.
Haben Sie bei der Arbeit an „Splat!“ Ihre Komfortzone oft verlassen?
Airey: Oh, ständig, ja, absolut. Wir waren sehr Riff-orientiert. Gleichzeitig wollte Bob, dass wir musikalisch neue Wege gehen. Er sagte: „Macht euch keine Gedanken darüber, dass es dreieinhalb Minuten lang sein muss. Lasst uns ein paar lange Stücke machen. Lasst uns hören, wie ihr das macht, was ihr macht.“ Das haben wir dann auch getan. Es gibt auf der Platte ein paar sehr prägnante Songs, aber bei Stücken wie „The Lunatic“ oder „Arrogant Boy“ lassen wir uns richtig gehen.
In dem Song „My New Movie“ heißt es: „Ich werde alle Regeln über den Haufen werfen, mit Konventionen brechen, alles durcheinanderwirbeln und zusehen, wie es Früchte trägt.“ Mr. Gillan, werfen auch Sie alle Regeln über Bord?
Gillan: Nein. Das Problem ist, wenn man manche dieser Texte wörtlich nimmt, ist man wochenlang damit beschäftigt, herauszufinden, worum es eigentlich geht. Dies ist eine einfache Geschichte darüber, wie ich meine erste Band gegründet habe. Ich ging die Straße entlang. Ich hatte gerade einen Elvis-Film gesehen. Ich dachte: Ich werde ein Filmstar. Aber nein, wenn ich zuerst Sänger bin, kann ich ein Star wie Elvis sein. Und so hielt ich einen Typen auf der Straße an, der Andy hieß, und fragte ihn: „Kennst du jemanden, der Gitarre spielen kann?“ Er sagte: „Na ja, ich spiele ein bisschen, und ich kenne da ein paar Leute.“ Ich sagte: „Okay, Proben bei mir zu Hause, Samstagvormittag.“ Und so gründeten wir eine Band. Genau darum geht es in „My New Movie“.
Werden Momente der Inspiration mit zunehmendem Alter seltener?
Glover: Wir sind uns bewusst, dass wir uns nicht wiederholen wollen. Jemand hat mich vor Jahren gefragt: „Warum schreibt ihr keine Songs mehr wie ‚Highway Star‘?“ Ich sagte: „Nun, das tun wir doch. Wir klingen nur nicht wie ‚Highway Star‘.“ Man ist sich immer bewusst, was man tut, und will sich nicht kopieren – auch wenn die Tatsache, dass es dieselben Musiker wie früher sind, bedeutet, dass man im Großen und Ganzen auf dieselbe Art spielt. Es ist eine natürliche Art zu spielen. Wir haben einfach großes Glück, dass wir die Vergangenheit ignorieren und uns in die Zukunft stürzen können.
Was fasziniert Sie am kreativen Prozess?
Airey: Leonard Bernstein sagte: Das Wesentliche an guter Arbeit sei, einen Plan zu haben, aber nicht genug Zeit, ihn umzusetzen. Das bringe die besten Ergebnisse hervor. Was mir am Musikgeschäft wirklich Spaß macht, ist der Druck im Tonstudio. Dann heißt es immer: Komm schon, beeil dich! Zeit ist das A und O. Und genau dann fallen einem die besten Ideen ein. Wenn man den ganzen Tag oder die ganze Woche an etwas arbeitet, ist das Ergebnis nie so gut wie das, was einem spontan einfällt. Man entdeckt Dinge an sich, die einem vorher gar nicht bewusst waren.
Wie schwierig ist es, magische Momente im Studio einzufangen, bevor sie verfliegen?
Airey: Das ist das Wunderbare an Studios: Sie haben diese tollen Pulte und Leute, die wissen, was sie tun. Sie sind bereit, also muss man selbst bereit sein. Das bedeutet, dass die gesamte Ausrüstung funktionieren muss. Man muss professionell sein und man muss bereit sein für den Druck. Und man muss etwas so schnell wie möglich abliefern.
Worauf kommt es beim Schreiben von Riffs an?
McBride: Natürlich spielt technische Präzision beim Aufnehmen eine wichtige Rolle – man muss ein Riff sauber spielen können. Entscheidend ist aber letztlich die Stimmung, die es erzeugt, und ob es funktioniert. Oft sind es gerade die einfachsten Riffs, die die größte Wirkung haben – komplizierte hingegen verfehlen ihr Ziel häufig. AC/DC ist dafür das beste Beispiel: Ihre Gitarrenriffs könnten kaum schlichter sein, und genau das ist ihre Stärke. Die Kraft entsteht besonders dann, wenn alle auf der Bühne gemeinsam dieses eine Riff spielen – wie bei „Smoke on the Water“. Nicht umsonst nenne ich immer diesen Song, wenn mich jemand fragt, was das Schwierigste sei, was man auf der Gitarre spielen kann.
Woran liegt das?
McBride: Der Song ist technisch nicht besonders anspruchsvoll, aber es ist schwer, ihn rüberzubringen. Die meisten Gitarristen, die ich bei „Smoke on the Water“ erlebe, lassen mich zusammenzucken, weil sie anfangen, Dinge hinzuzufügen wie Vibrato und andere Noten, und ich denke mir: Ihr versteht den Trick hier nicht! Der Trick ist, dass man es ganz einfach spielt. Wenn Don mit seinen Keyboards dazukommt, Roger mit dem Bass und Paicey mit seinem Schlagzeug, dann ist das eine Naturgewalt. Wenn jeder nur herumfummeln oder irgendetwas anderes machen würde, würde es überhaupt nicht toll klingen. Manchmal schreibe ich ein kompliziertes Riff und vereinfache es immer weiter, damit es kraftvoller klingt.
Seit es Deep Purple gibt, hat sich die Musikbranche sehr verändert. Was hat sich seitdem nie verändert?
Gillan: Der Live-Auftritt. Ich meine, bestimmte Elemente haben sich natürlich verändert, weil sich die Ausrüstung verändert hat, der Ticketverkauf sich verändert hat, die Logistik sich verändert hat und all diese Dinge. Aber sobald man vor einem Publikum auf der Bühne steht, ist das eine ziemlich reine Performance. Da kann man im Grunde nichts anstellen, während sich in der gesamten Plattenindustrie und beim Songwriting alles stark verändert hat. Vieles davon ist heute nicht mehr sehr menschlich und wird durch Technologie erzeugt. Sie sollte eine Hilfe sein, aber nicht entmenschlichend wirken. Ich glaube immer noch gerne, dass ich das Quietschen eines Bassdrum-Pedals, das Kratzen einer Gitarrensaite oder das Einatmen bei einer Gesangsperformance hören kann. Aber all das wird heute bei Plattenaufnahmen durch die Produktion massiv überlagert. Live-Auftritte hingegen bleiben diese puren, aufregenden Erlebnisse. Viele Leute lieben das.
Wie oft sind Sie nach einem Konzert wirklich rundum zufrieden?
Airey: Gott, das ist eine schwierige Frage. Meistens fühlt man sich ein bisschen kaputt, wenn man nach rund zwei Stunden von der Bühne geht. Oft weiß man gar nicht, wie die Show gelaufen ist. Wenn es hallt, war es schwierig zu spielen. Am nächsten Tag schaut man sich das Ganze auf Youtube an und denkt: Das klingt ja großartig! Man weiß erst später, wie es gelaufen ist. Bei Keyboards kommt es oft vor, dass etwas verstimmt ist oder kaputtgeht. Aber musikalisch klappt es bei uns meistens sehr gut.
Können Sie sich vorstellen, eines Tages nicht mehr mit Deep Purple auf Tour zu gehen?
Paice: Ja, das kann ich mir durchaus vorstellen. Mir ist klar, dass wir dieses Jahr über 90 Konzerte spielen. Vielleicht wird dies das letzte große Tournee-Jahr sein. Das heißt nicht, dass wir in Zukunft nichts mehr machen werden, aber vielleicht nur 15 Konzerte im Jahr und eine weitere Platte aufnehmen. Zu versuchen, das Touren so aufzuteilen, dass man sieben oder acht Monate im Jahr unterwegs ist, wird immer schwieriger, weil es andere Dinge gibt, um die man sich kümmern muss. Aber ich würde niemals sagen: „Das ist die letzte Show.“