Das „Noosh“ in Charlottenburg lädt zu einer entspannten Genussreise durch die Welt der orientalischen Aromen ein.
Wenn eine Karte voller verheißungsvoller Gerichte steckt – wo fängt man an? Im „Noosh“ fällt die Entscheidung schwer. Schon die Namen der Speisen wecken Neugier, auch wenn ich längst nicht bei jeder weiß, was mich erwartet. Salate und Bowls stehen neben persischen Klassikern, Grillspezialitäten neben Schmorgerichten. Die Fotos auf der Karte machen Lust, vieles zu probieren – sie erzählen von Vielfalt, Genusskultur und Heimat.
„Moderne persische Köstlichkeiten“ lautet die Einladung in eine Welt voller Düfte und Gewürze. Das Lokal in der Nähe des Savignyplatzes wirkt auf den ersten Blick stylisch: türkisfarbene Leuchtbuchstaben an der Fassade, modernes Design im Inneren, sanftes Licht. Schon mittags ist das Restaurant gut besucht. Beim genaueren Hinsehen grüßt Persien mit bunten Fliesen und traditionellen Mustern, dezent und geschmackvoll platziert. Keine Kulisse, die mir erklären will, wie authentisch das Essen angeblich ist. Die Küche übernimmt das selbst.
Ein Vorspeisenteller zum Einstieg ist erfahrungsgemäß eine gute Idee. Ich möchte kosten, mich überraschen lassen – und auch das probieren, was in nahezu jeder Esskultur seinen Platz hat und viel über sie erzählt: das Brot. Im „Noosh“ ist es frisch gebackenes, dünnes Fladenbrot, Lavash, das mich wunderbar durch das gesamte Menü begleitet. Es ist weich, an manchen Stellen leicht gebräunt und eignet sich bestens, um die Cremes aus den kleinen Schalen aufzunehmen.
Es zeigen sich zahlreiche Nuancen
Auf der großen Platte stehen vier kleine Schälchen – eine schöne Gelegenheit, mich durch verschiedene Geschmacksrichtungen zu probieren. Joghurt mit Spinat erfrischt. Die Säure bleibt mild, der Spinat gibt dem Ganzen etwas Erdiges. Eingelegtes Gemüse bringt eine feine Essignote mit, die Gewürze schieben sich erst danach nach vorn. Es schmeckt lebhaft und trotzdem harmonisch. Diese Balance begegnet mir im „Noosh“ immer wieder. Nichts drängt sich vor; beim zweiten Bissen zeigen sich neue Nuancen. Genau das macht die Vorspeisen so spannend: Jede schmeckt für sich, gemeinsam ergeben sie ein stimmiges Ganzes.
Besonders neugierig macht mich Zeytun Parvardeh, eine persische Vorspeise aus marinierten Oliven. Granatapfelsirup trifft auf Walnüsse, dazu kommen Knoblauch und Kräuter. Süße und Säure liegen dicht beieinander. Die Olive steuert herbe Tiefe bei, die Walnüsse geben Biss. Die Mischung wirkt üppig und zugleich erstaunlich frisch. Ich nehme noch ein Stück Lavash.
Mit Vorsicht nähere ich mich der Auberginencreme, denn dieser Gemüsesorte versuche ich normalerweise aus dem Weg zu gehen. Doch was anderswo schwammig schmeckt oder vor Öl trieft, entwickelt sich hier zu einer aromatischen Komposition. Ein leichter Rauchton liegt am Gaumen. Tomate bringt Frische, Ei bindet die Creme, Knoblauch setzt einen klaren Akzent. Nichts wirkt fett oder schwer. Kurz: wenn Aubergine, dann so.
Ich schmecke viele Gewürze, aber keine Schärfe. Das gefällt mir, doch ein Gewürzstreuer auf dem Tisch weckt meinen Mut. Was darin rötlich schimmert, ist allerdings kein Chili, sondern Sumach. Leicht fruchtig, fein säuerlich, mit einer eleganten herben Note – ich probiere es zu allen vier Vorspeisen, und jedes Mal passt es. Auf dem Joghurt wirkt es frisch, zur Aubergine setzt es einen Kontrast, bei den Oliven verstärkt es die Fruchtigkeit.
Später lese ich, dass Sumach viele polyphenolische Pflanzenstoffe enthält und deshalb gern als Superfood bezeichnet wird. Auch Berberitzen, Granatapfelkerne und Safran tragen dieses Etikett häufig. Wissenschaftlich klar definiert ist der Begriff allerdings nicht. Beim Essen denke ich über solche Einordnungen ohnehin nicht nach. Wenn ich mich nach einem Restaurantbesuch wohlig satt und zugleich unbeschwert fühle – so wie nach dem Mittagessen im „Noosh“ –, dann spricht das schon für diese Küche. Sumach kommt auf meine Einkaufsliste, nicht als Superfood, sondern als supergutes Gewürz.
Zum Trinken bestelle ich Doogh, ein persisches Joghurtgetränk. Im „Noosh“ wird es mit getrockneten Kräutern gemischt. Sie runden den säuerlich-frischen Geschmack ab. Die leicht salzige Note macht den Gaumen bereit für den nächsten Bissen. Gerade zu den gegrillten Gerichten passt Doogh für mich perfekt. Chai probiere ich bereits zum Essen. Das funktioniert, doch leicht gesüßt schmeckt mir der Schwarztee mit seinen warmen Gewürzen nach dem letzten herzhaften Bissen noch besser.
Allein der Crunch ist es schon wert
Vor dem Hauptgericht erst noch ein Stück Lavash pur. Mehl, Wasser, Salz – und trotzdem steckt in dieser Einfachheit ein kleiner Zauber. Der Reis liefert gleich die nächste Bestätigung. Obenauf liegt Tahdig, die knusprige Schicht vom Boden des Reistopfs. Sie schmeckt intensiv nussig und leicht buttrig. Allein dieser Crunch ist ein Grund, bald wieder ins „Noosh“ zu gehen. Die goldene Schicht ist eine köstliche Visitenkarte der Küche.
Sie begleitet einen echten Klassiker: Zereshk Polo Morgh, saftiges Hähnchen mit Safranreis und Berberitzen. Eine farbenfrohe Komposition, aus der Safran und Röstnoten aufsteigen. Das Huhn ist butterzart. Die Aromen bleiben deutlich, ohne laut zu werden. Der lockere Reis trägt den Safran, während die Berberitzen mit ihrer süß-säuerlichen Frische kleine Spitzen setzen. Nichts stört das Zusammenspiel. Das Gericht lebt von Balance, nicht von Opulenz. Jeder Bestandteil behält seinen eigenen Geschmack, gemeinsam entsteht etwas Rundes. Granatapfelkerne und grüner Salat setzen nicht nur farbliche Akzente, sondern bringen zusätzliche Frische auf den Teller.
Zereshk Polo Morgh gehört für mich zu den Gerichten, die alles schaffen, was gutes Essen ausmacht. Es sieht appetitlich aus, duftet wunderbar und schmeckt so köstlich, dass ich am nächsten Tag wieder davon erzähle. Ich würde es jederzeit noch einmal bestellen.
Dieses Spiel aus Süße, Säure und warmen Gewürzen zieht sich durch die gesamte Karte – bei Linsen und Favabohnen ebenso wie bei Kürbis, Avocado, Schafskäse und Lamm. Das zarte, fein-aromatische Fleisch braucht nicht viel, um seinen eigenen Geschmack zu entfalten, und gewinnt durch sanfte Röstaromen noch an Tiefe. Im „Noosh“ gelingt das beim geschmorten ebenso wie beim gegrillten Lamm.
Vegetarische Gerichte en masse
Auch die Auswahl an vegetarischen Gerichten beeindruckt mich. Sie wirken nicht wie eine pflichtbewusste Ergänzung. Salate und Bowls bieten viele Kombinationen, Hülsenfrüchte sorgen für Substanz. Gemüse bekommt hier seinen eigenen Auftritt – nicht nur die Aubergine.
Mein Tipp für Fleischliebhaber: Djudje Soltani. Das Versprechen der Speisekarte, „ein reichhaltiges persisches Geschmackserlebnis“, löst die „Noosh“-Küche verlässlich ein. In Safran mariniertes Hähnchen und gegrillte Hackfleischröllchen kommen am Spieß, begleitet von Safranreis, gegrillten Tomaten und frischen Kräutern. Das schmeckt für mich nach Urlaub am Meer. Selbst an einem grauen Regentag bringt der Geschmacksreigen sonnige Leichtigkeit an den Tisch.
Auch die Desserts versprechen Wohlgefühl: hausgemachter Milchreis oder, für alle, die es sehr süß mögen, Baklava – zart knusprig, voller Nüsse und mit honigartigem Sirup getränkt. Shole Zard kommt im persischen Raum häufig zu besonderen Anlässen auf den Tisch, im „Noosh“ steht der Safranreisbrei immer auf der Karte. Rosenwasser und Mandeln veredeln ihn.
Diesmal verzichte ich und genieße meinen Chai. Er führt die Gewürze des Essens noch ein Stück weiter. Zimt tritt zuerst hervor, dann folgen Kardamom und Nelken. Trotzdem erinnert der Tee nicht an Weihnachtsgewürze. Er hüllt mich mit seinen warmen Aromen sanft ein. Safran begegnet mir auch hier wieder: Zum Chai gibt es Kandiszuckersticks, durch die sich feine Safranfäden ziehen – persischer Zucker nach traditioneller Art. Ich halte den Stick in das heiße Glas und sehe zu, wie der Zucker langsam schmilzt. Der Tee wird süßer, der Safran bleibt als feine Note zurück. Ein ruhiger Abschluss nach all den unterschiedlichen Eindrücken.
Zum Schluss frage ich, was „Noosh“ eigentlich bedeutet. Der Name verweist auf „Noosh-e jan“, die persische Entsprechung zu „Guten Appetit“ oder „Lass es dir schmecken“. Sinngemäß heißt die Wendung „Möge es deine Seele nähren“ oder „Möge es dir guttun“. Wie passend.