Mit 14 Jahren brach Laura Dekker im August 2010 auf, um allein die Welt zu umsegeln. Im Januar 2012 kehrte sie zurück. Heute, mit 30, segelt sie immer noch und hat die World Sailing Foundation gegründet, eine Lebensschule für Kinder.
Frau Dekker, die Abenteuerlust, die Liebe zur Natur und der Traum, einmal die Welt zu umsegeln, waren wohl schon in Ihrer DNA eingeschrieben, oder? Vor allem scheinen Sie viel von Ihrem Vater, einem Bootsbauer und Segler, mitbekommen zu haben. Mit ihm und Ihrer Mutter haben Sie die ersten fünf Jahre auf einem Schiff verbracht und sind zusammen um die Welt gesegelt …
Ja, das hat mich sicher als Kind geprägt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob meine Gene damit zu tun haben. Ganz sicher gehört die Liebe zum Segeln zu meinem Charakter. Ich habe eine jüngere Schwester, die überhaupt nichts mit dem Segeln zu tun hat. Es ist also nicht automatisch so, dass man mit dem Segeln aufwächst und dann auch selbst segeln will. Ich habe das Segeln allerdings immer geliebt.
Was haben Sie denn für eine spirituelle Ausrichtung? Sind Sie religiös?
Ich glaube schon, dass da mehr ist … Und ich glaube, dass ich auf meinen Reisen begleitet, ja beschützt war – und es immer noch bin.
Sie haben sich lange sehr akribisch auf Ihre Solo-Weltumseglung vorbereitet, also viel gelernt über die Technik, die Logistik, die Navigation. Aber wie haben Sie sich denn mental auf dieses große Abenteuer vorbereitet?
Ich habe mit meinem Vater vor meiner Weltumseglung sehr viel darüber geredet, was alles passieren kann. Was mache ich, wenn ich ein Loch in meinem Schiff habe? Was, wenn das Ruder kaputt geht? Und ähnliche Dinge. Wir haben dann gemeinsam die verschiedenen Möglichkeiten durchgespielt. Und das hat mich auch beruhigt, weil ich dann wusste, was ich machen muss. Natürlich passiert das in der Wirklichkeit nicht genau so – aber trotzdem hatte ich Lösungsmöglichkeiten zur Hand und konnte mir immer helfen. Und was den mentalen Aspekt angeht: Ich habe im Vorhinein so viel über meine Weltumseglung nachgedacht, dass sich das einfach sehr gut in meinem Kopf manifestiert hat.
Sie haben gesagt, dass Sie bei Ihrer Weltumseglung viel Zeit hatten, sich kennenzulernen. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Wenn ich jetzt, mit 30 Jahren, darauf zurückschaue, wie ich damals mit 14, 15, 16 Jahren war, kann ich sagen, dass ich einerseits ein sehr normaler Teenager war, der versucht hat, die Welt zu entdecken, und sich selbst dabei finden musste. Und ich habe mir schon damals solche Fragen gestellt wie: Wer bin ich? Was mache ich? Was will ich? Andererseits habe ich sehr stark gewusst, dass ich die Welt umsegeln will – und zwar jetzt. Ich konnte schon damals sehr gut vorausblicken, was viele in meinem Alter noch nicht so konnten. Und auch nach meiner Reise habe ich so mit 17 Jahren noch nicht ganz begriffen, wie wichtig, wie prägend das alles für mich gewesen war. Jetzt weiß ich, dass mich diese Weltumseglung geformt hat, mir die Basisbausteine für mein Leben gegeben hat, mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.
Können Sie diese Selbstfindung noch etwas genauer beschreiben?
Meine Identität hat sich nicht nur durch das Segeln geformt, sondern auch durch die Menschen, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe. Und durch die Schwierigkeiten, durch die ich mich durchkämpfen musste. Das hat mir meine eigenen Grenzen aufgezeigt – aber auch, dass ich viel mehr kann, als ich gedacht habe. Und es hat mir alles vor allem sehr viel Spaß gemacht! Auch Spaß, mich aus meiner Komfortzone heraus zu begeben. Denn nur dann lernt man etwas über das Leben. Und ich liebe es, zu lernen. Ich liebe es sehr, etwas zu machen, Dinge zu tun. Die Schule war für mich nicht so gut. Aber die Schule des Lebens war für mich perfekt.
Sie haben auf Ihrer Reise viele Traumorte besucht, zum Beispiel Tahiti, Fidschi und die Galapagos-Inseln. Waren die alle so paradiesisch, wie man sich das vorstellt, oder hatte da der Tourismus schon viel kaputt gemacht?
Ja, die Erfahrung musste ich leider auch machen. Vor allem auf den Galapagos-Inseln war ich schockiert, was der Tourismus da schon alles angerichtet hatte. Aber auch wie die Menschen, die dort leben, damit umgehen. Denn mit dem Tourismus kann man ja viel Geld machen. Und wenn man sich zwischen der Natur und dem Geld entscheiden muss, gewinnt leider meistens das Geld. Ich habe mir immer Inseln ausgesucht, auf die nicht so viele Touristen und Segler gegangen sind. Und wenn man mir sagte: Du musst unbedingt dahin oder dorthin gehen, bin ich genau dort nie hingegangen. Ich habe immer die eher unbekannten Orte ausgesucht.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Reisenden und einem Touristen.
Ja, es hat auch immer damit zu tun, wie man damit umgeht, wenn man einen fremden Ort besucht. Viele Leute latschen da einfach rein, wollen ihre Selfies machen und kümmern sich nicht um die Menschen, die dort leben, oder um deren Kultur. Und schon gar nicht um die Natur. Das ist sehr schade. Ich habe immer versucht, auch die Sprache ein bisschen zu erlernen, die Kultur aufzunehmen, mich auf die Menschen dort einzulassen und sie auch zu fragen: Wie lebt ihr so?
Sind Sie im Einklang mit der Welt oder ist die Welt in Einklang mit Ihnen?
(Denkt lange nach) Ich bin mit der Welt im Einklang, weil ich mein Leben ja selbst gestalte. Ich entscheide, was ich tun will und was nicht. Ich nehme das an, was mir das Leben bietet. Ich weiß natürlich, dass man nicht alles beeinflussen kann, denn es passiert einfach. Aber man kann lernen, wie man damit umgeht.
Sie haben vor acht Jahren die World Sailing Foundation gegründet. Das ist ein Projekt, bei dem Sie Kinder zwischen acht und 16 Jahren auf Ihrem Boot mitnehmen und über die Weltmeere segeln. Wie genau spielt sich das ab?
Die World Sailing Foundation ist eine Lebensschule. Etwa 80 Prozent der Kinder, die mit uns segeln, sind noch nie gesegelt. Die Kinder machen alles selbst. Sie kochen, backen, putzen, gehen einkaufen und helfen mir und meinem Mann natürlich auch beim Segeln. Ich habe auf meiner Weltumseglung so viel gelernt, und das möchte ich vor allem an Teenager weitergeben. Weil das ein Alter ist, in dem man sich ein bisschen verloren fühlt und sich erst finden muss. Es ist auch ein Alter, in dem man seine eigene Identität sucht. Und ich finde es auch gut, in diesem Alter mal etwas ganz anderes zu machen. Weg von den Eltern zu sein, von den Lehrern und Freunden. Die haben ja doch immer alle eine Meinung und sagen den Kids, was sie tun und lassen sollen. Aber oft wird dabei vergessen, was die Kids eigentlich wollen. Wir versuchen, ihnen dabei zu helfen, ihr Selbstvertrauen zu stärken und die Welt selbst zu entdecken. Und ihren inneren Kompass zu finden.
Bitte beschreiben Sie doch einmal den Tagesablauf auf so einem Törn.
Wie gesagt, die Kids sind in alles eingebunden, was an Bord nötig ist. Wenn wir vor Anker liegen, gibt es von morgens bis zwölf Uhr mittags Schulunterricht. Dann besuchen wir meist alle zusammen das Dorf, um dort die Menschen kennenzulernen. Oder wir gehen schwimmen oder segeln – wir finden immer etwas, das wir gemeinsam machen.
Im Oktober segeln Sie jetzt nach Brasilien, zu den Falkland-Inseln und an die Spitze von Südamerika. Wie lange ist so ein Törn?
Wir sind drei Monate unterwegs. Wir haben zehn Kojen für unsere Trainees, und die kriegen wir auch immer besetzt. Wir haben kein riesiges Schiff. Es ist nur 22 Meter lang. Mein Mann und ich legen sehr viel Wert darauf, dass sich die Kinder bei uns zu Hause fühlen. Wir haben selbst zwei Kinder und es fühlt sich dann sehr schnell wie eine große Familie an. Und nicht wie eine Gruppenreise.
Welcher ist denn Ihr größter Traum, den Sie sich noch erfüllen wollen?
Ich würde sehr gerne nach Antarktika segeln, natürlich mit dem eigenen Schiff. Und auch nach Patagonien. Mein Mann will sehr gerne noch die Nord-West-Passage absegeln. Vor allem aber wollen wir die Orte besuchen, wo nicht viele Segler hingehen.