Die 2. Bundesliga startet mit drei Bundesliga-Absteigern, zwei ambitionierten Neulingen und einem breiten Kreis möglicher Aufstiegskandidaten in die Saison. Während der VfL Wolfsburg den direkten Wiederaufstieg anpeilt, hoffen zahlreiche Traditionsvereine auf ihre Chance.
Als der VfL Wolfsburg 1997 in die Bundesliga aufstieg, war die Welt des deutschen Fußballs eine andere. Nun ist der Werksclub nach 29 Jahren zurück in der Zweitklassigkeit – und dort automatisch der Verein, an dem sich alle orientieren. Nicht nur wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Niedersachsen haben nach dem Absturz einen Kader zusammengestellt, der stellenweise eher nach Bundesliga als nach Neuanfang klingt. Mit Fabian Reese, Robert Glatzel und Hauke Wahl kamen drei Spieler, die die Liga kennen und prägen können. Hinzu kommen Fraser Hornby, Elvis Rexhbecaj und Torwart Timon Wellenreuther. Trainer Tobias Strobl nimmt die Erwartungshaltung an: „Dieser Rolle werden wir uns bewusst sein müssen. Es sind ja auch schon Spieler geholt worden, die auch mal in einer vergleichbaren Situation waren.“
Heidenheim sieht keinen Grund zur Zurückhaltung
Alles andere als der direkte Wiederaufstieg wäre in Wolfsburg eine Enttäuschung. Ganz anders ist die Ausgangslage beim 1. FC Heidenheim. Auch der FCH kommt aus der Bundesliga, doch der Club bleibt seinem organischen Weg treu. Statt großer Namen wurden mit Marcel Costly, Paul Hennrich, Oualid Mhamdi und Thomas Dähne Spieler verpflichtet, die sich ihren Platz teilweise erst erarbeiten müssen. Die wichtigste Konstante steht weiterhin an der Seitenlinie: Frank Schmidt beginnt seine 20. Saison als Heidenheimer Cheftrainer. Vorstandschef Holger Sanwald beschreibt die Stimmung trotz des Abstiegs als positiv: „Wir sind als gesamter Verein auf einem völlig anderen Level, als wir das vor dem Aufstieg gewesen sind, und wollen auf allen Ebenen angreifen.“ Die eingespielten Strukturen und Schmidts Erfahrung machen Heidenheim zu einem Favoriten, auch wenn der Kader weniger spektakulär besetzt ist als der der Wolfsburger.
Beim dritten Absteiger FC St. Pauli beginnt dagegen ein neuer Abschnitt. Marcel Rapp hat Alexander Blessin abgelöst und muss Abgänge wie Hauke Wahl und Nikola Vasilj auffangen. Mit Branimir Hrgota und Marcus Mathisen kamen zwei gestandene Zweitligaspieler. Rapp formuliert den Anspruch bewusst zurückhaltend: „Es ist zu früh, um über eine Zielsetzung zu reden, aber in der 2. Bundesliga gibt es eigentlich nur zwei Ziele. Das eine ist der Klassenerhalt und das andere ist der Aufstieg.“ St. Pauli verfügt über eine klare Vereinsidee und Bundesliga-Erfahrung, muss sich sportlich aber neu sortieren. Das macht die Mannschaft zu einem Aufstiegskandidaten mit Fragezeichen.
Der schärfste Herausforderer der Absteiger könnte Hannover 96 werden. Nur zwei Punkte fehlten in der vergangenen Saison zu den Aufstiegsplätzen. Christian Titz darf seine Arbeit fortsetzen, während Jonas Boldt als neuer Geschäftsführer Sport zusätzliche Dynamik erzeugen soll. Lars Gindorf kehrt nach 28 Drittliga-Toren zurück, Jean Hugonet soll die Defensive stabilisieren. Gleichzeitig wiegen die Abgänge von Enzo Leopold und Noel Aseko Nkili schwer. Clubchef Martin Kind nennt dennoch ein klares Ziel: „Wir haben die Absicht, uns sportlich stabil zu entwickeln – und, wenn möglich, in der neuen Saison den Aufstieg in die 1. Liga zu erreichen.“ Nach sieben Jahren Zweitklassigkeit wächst die Ungeduld.
Dahinter beginnt eine Gruppe, in der sich Anspruch und Risiko besonders nahekommen. Darmstadt 98 hält an Florian Kohfeldt fest und hat den Kader mit Carlo Sickinger, Christopher Lannert, Noah Weißhaupt und mehreren entwicklungsfähigen Spielern verbreitert. Die Abgänge der Torjäger Isac Lidberg und Fraser Hornby müssen jedoch ersetzt werden. Der 1. FC Kaiserslautern setzt weiter auf Torsten Lieberknecht, hat mit Erencan Yardımcı einen interessanten Stürmer ausgeliehen und Paul Joly fest verpflichtet. Viel wird davon abhängen, ob der FCK seine enorme Heimenergie häufiger in Konstanz übersetzen kann. Am Betzenberg ist der Weg nach oben denkbar, ein Selbstläufer ist er nicht.
Hertha BSC geht einmal mehr mit Aufstiegshoffnungen in die Saison, hat aber beträchtliche Substanz verloren. Fabian Reese, Michaël Cuisance, Kennet Eichhorn, Tjark Ernst und Toni Leistner sind nicht mehr da. Stefan Leitl muss aus einem deutlich veränderten Kader eine Mannschaft formen. Bisher wohlgemerkt ohne Neuzugang. Die Berliner bleiben wegen ihrer individuellen Möglichkeiten gefährlich, erscheinen derzeit aber weniger stabil als die Spitzenclubs. Ähnliches gilt für den 1. FC Nürnberg. Miroslav Klose erhält die Chance, seine Entwicklung fortzusetzen. Sigurd Haugen, Rayan Ghrieb und Can Moustfa bringen neue Optionen, zugleich bleibt der Club eine junge Mannschaft, bei der Leistungsschwankungen dazugehören dürften.
Der VfL Bochum befindet sich nach einer enttäuschenden ersten Zweitligasaison weiter im Umbau. Uwe Rösler soll Klarheit und Widerstandsfähigkeit schaffen. Mit Karol Mets, Jean-Manuel Mbom, Daniel Hanslik und Christian Rasmussen wurde Erfahrung verpflichtet. Der Name Bochum klingt nach Aufstiegskampf, die jüngste Vergangenheit mahnt jedoch zur Vorsicht. Auch Holstein Kiel sucht nach einer enttäuschenden Saison eine neue Richtung. Tim Walter kehrt als Trainer an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Sebastian Schonlau, Faride Alidou und Giorgi Kvilitaia passen zu einem offensiveren Ansatz. Gelingt es Walter, schnell eine gemeinsame Idee zu verankern, könnten die Kieler zur Überraschungsmannschaft werden.
Der Karlsruher SC wagt mit Maximilian Senft einen Trainerwechsel und setzt bei den Neuzugängen unter anderem auf Tim Civeja, Shio Fukuda und Moritz Broschinski. Der KSC besitzt spielerische Qualität, hat aber mehrere erfahrene Kräfte verloren. Dynamo Dresden wiederum geht mit Thomas Stamm in die nächste Saison und hat den Kader mit Robert Wagner, Tobias Raschl, Nicolai Rapp und Brooklyn Ezeh gezielt verstärkt. Nach einem ordentlichen ersten Jahr zurück in der 2. Bundesliga könnte der nächste Schritt gelingen. Arminia Bielefeld setzt nach dem Abschied von Mitch Kniat auf Oliver Kirch. Der Verlust von Kapitän Christopher Lannert und Mael Corboz schmerzt, dennoch verfügt die Arminia inzwischen wieder über ein belastbares Fundament.
Fast-Absteiger Madgeburg und Fürth formieren ihre Kader um
Beim 1. FC Magdeburg ist der Umbruch größer. Petrik Sander bleibt Trainer der Mannschaft, nachdem mehrere Stammkräfte den Club verlassen haben. Emmanuel Iyoha, Moritz Kwarteng und Torben Müsel sollen die Offensive neu beleben. Magdeburg bleibt eine Wundertüte: fußballerisch zu gut für eine reine Außenseiterrolle, defensiv aber immer wieder verwundbar.
Eintracht Braunschweig hat sich mit Maximilian Entrup, Junior Zé, Noah Katterbach und Florian Flick verstärkt. Der Club dürfte dennoch zunächst nach unten schauen. Das gilt ebenso für die SpVgg Greuther Fürth, die erst in der Relegation gegen Rot-Weiss Essen den Absturz verhinderte und mit Noel Futkeu sowie Branimir Hrgota ihre beiden wichtigsten Angreifer verlor.
Die beiden Aufsteiger bringen dagegen reichlich Euphorie mit. Der VfL Osnabrück kehrt mit der Stärke eines Drittligameisters zurück und setzt auf den Kern seiner Aufstiegsmannschaft. An der Bremer Brücke kann daraus ein erheblicher Heimvorteil entstehen. Energie Cottbus hat seinen Kader mit Leonardo Bittencourt, Julian Guttau, Lucas Copado und Marcel Lotka bemerkenswert prominent verstärkt. Trainer Claus-Dieter Wollitz kennt Verein und Umfeld wie kaum ein anderer. Trotzdem bleibt für beide Neulinge der Klassenerhalt das vernünftige erste Ziel.
Wolfsburg startet somit als klarer Favorit, gefolgt von Heidenheim, St. Pauli und Hannover. Darmstadt, Kaiserslautern, Bochum, Kiel, Hertha und Nürnberg bilden den erweiterten Kreis. Doch gerade diese Liga bestraft Gewissheiten. Zwischen Aufstiegsrennen und Abstiegskampf liegen häufig nur wenige Wochen – und manchmal lediglich eine Serie von drei Spielen. Die Saison verspricht deshalb weniger eine festgelegte Rangordnung als einen Wettbewerb darum, wer Veränderungen am schnellsten in Stabilität verwandeln kann.