Europameister Spanien ist nun auch Weltmeister. Und wurde danach weltweit als Retter des Fußballs bezeichnet. Aber es schwingen auch Bedenken mit.
Erst einmal waren sie die Retter des Fußballs. „Football won“, also „Der Fußball hat gewonnen“, twitterte der 2014er-Weltmeister Toni Kroos nach dem Finale der WM in Nordamerika.
Gegen einen ausschließlich verteidigenden und dabei oft unfair agierenden Titelverteidiger aus Argentinien hatte die spanische Fußball-Nationalmannschaft mit 1:0 nach Verlängerung gewonnen. Das zähe Spiel hatte sich lange hingezogen, doch während die Spanier bis in die Nachspielzeit der Verlängerung 20:0 Torschüsse verbuchten und auch sonst nahezu alle wichtigen Statistiken beherrschten, lagen die Argentinier nur in der der Fouls vorne. Und so entwickelte es sich während des Spiels, dass selbst neutralste Fans den Spaniern die Daumen drückten. „Spanien hat nicht nur ein Finale gewonnen. Es hat eine Art zu spielen beschützt. Es hat den Fußball gerettet“, schrieb die spanische Sportzeitung „Marca“. Wer denkt, dass diese wie Kroos nach seinen zehn Jahren bei Real Madrid zu befangen sei, dem sei gesagt, dass dies das weltweite Meinungsbild war. „Fußball 1, Verbrecher 0. Es brauchte eine Verlängerung, um dorthin zu gelangen, aber Gott sei Dank hat der Sport gesiegt“, schrieb der britische „Telegraph“: „Spanien ist Weltmeister und der Fußball ist dadurch besser.“ Die „Sun“ schrieb: „Danke an die Götter des Fußballs.“ In Italien hieß es in der „Gazzetta dello Sport“: „Nur Spanien konnte dieses Finale gewinnen, denn wenn es an Argentinien gegangen wäre, wäre das eine Beleidigung für den Fußball gewesen.“ Und in Deutschland hieß es bei „ntv.de“: „Spanien rettet die Welt: Der gerechteste WM-Titel aller Zeiten“.
Nun ist ein Teil dieses international Parteiischen in der destruktiven Spielweise der Südamerikaner begründet. Aber auf den Fußball der Spanier können sich auch die meisten Fußball-Fans weltweit einigen. Manchmal ist er mit seinen Tiki-Taka-Ballstafetten etwas einschläfernd, und dennoch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei auch um große Fußball-Kunst handelt. Das Spiel der Iberer ist offensiv und dominant, es ist technisch hochklassig und taktisch ungemein anspruchsvoll. Zudem beherrschen sie das Spiel gegen den Ball und die Defensivarbeit ebenso eindrucksvoll. Und bleiben dabei weiter elegant und müssen sich nicht der grenzwertigen Methoden der Argentinier bedienen. Die französische Sporttageszeitung „L’Equipe“ feierte die Spanier dafür, dass „sie den Ball so geschickt laufen lassen, dass ihre Gegner fast verrückt werden“, und kam zu dem Schluss: „Die Welt liegt ihnen zu Füßen.“
Löst man sich komplett vom dann auch sehr eindimensionalen Bild des Finales, in dem angeblich das „Gute“ gegen das „Böse“ gesiegt hat, machen einem aber auch die Spanier Angst. Denn die Frage ist: Ist dieses Team, um einen legendären Satz von DFB-Teamchef Franz Beckenbauer bei seinem Abschied 1990 zu zitieren, „auf Jahre hinweg unschlagbar“?
Es gibt zumindest Zahlen und Argumente, die diese kühne These stützen. Seit nun 38 Spielen in mehr als zweieinhalb Jahren sind die Iberer ungeschlagen. Das ist ein Weltrekord. Und vor jenem 0:1 in einem Freundschaftsspiel im März 2024 gegen Kolumbien hatte es auch acht Siege in Folge gegeben. Und in dieser Zeit gab es längst nicht nur leichte Gegner. Bei der EM 2024 schlug Spanien Titelverteidiger Italien, Gastgeber Deutschland, Topfavorit Frankreich und England allesamt im direkten Duell. In der Nations League 2025 feierten sie beim 5:4 im Halbfinale gegen Frankreich ein Fußball-Fest. Bei der WM nun war der Weg durch die K.-o.-Runde mit Gegnern wie Österreich, Belgien, Frankreich und Argentinien auch kein leichter. In allen Spielen waren die Spanier klar überlegen, auch die bis dahin sehr starken Franzosen sahen beim 0:2 im Halbfinale kein Land. Im ganzen Turnier kassierte das Team nur ein einziges Gegentor. Und übernahm nach dem Finale als nun amtierender Welt- und Europameister auch folgerichtig Platz eins der Weltrangliste. Die „L’Equipe“ sah das herausragende Team des 21. Jahrhunderts“. „USA Today“ sieht „eine neue Dynastie“ auf den Weltfußball zukommen. Und Spanien ist längt nicht satt. „Nach dem Spiel fragten mich einige Spieler, was wir noch gewinnen könnten, und ich sagte ihnen: das Spiel im September“, sagte Nationaltrainer Luis de la Fuente: „Wir haben noch viel zu gewinnen.“
Nachwuchs wird exzellent gefördert
Was ebenfalls für eine kommende Ära spricht: Das Team ist noch sehr jung. Dem Offensivspieler Lamine Yamal wird mit seinen 19 Jahren ja schon seit Langem als künftiger Weltfußballer gehuldigt. Trotz guter Leistungen wurde er aber nicht mal als bester Nachwuchsspieler der WM ausgezeichnet. Weil in den eigenen Reihen mit Pau Cubarsí ein anderer 19-Jähriger als noch stärker eingeschätzt wurde. Hansi Flick, Vereinstrainer der beiden beim FC Barcelona, sagte schon vor dem Turnier über Cubarsí: „Als Verteidiger steht er für mich auf der gleichen Stufe wie Lamine.“ Flicks Vorgänger Xavi hatte ihn mit 17 schon zu den Profis hochgezogen und gesagt: „Dieser Spieler wird eine neue Ära einleiten. Wenn wir mit hohem Pressing unter Druck gesetzt werden, wählt er immer die beste Option. Er bügelt Fehler aus, gewinnt Zweikämpfe und wirkt nicht, als wäre er erst 17 Jahre alt.“ Mit Gavi (21), Pedri (23) oder Nico Williams (24) waren weitere entwicklungsfähige Spieler im Kader, auch Leistungsträger wie Álex Baena (25), Pedro Porro, Ferran Torres (beide 26), Dani Olmo, Marc Cucurella (beide 28), Mikel Oyarzabal oder Torhüter Unai Simón (beide 29) haben sicher noch das ein oder andere Turnier in den Knochen. Pedri, der beste Spieler dieser WM, mit 30 wohl auch noch.
Kollektiv als spanische Stärke
Insgesamt hat dieses Team – im Fall von Yamal vielleicht noch – zwar keinen Mega-Star wie es andere Mannschaften mit Lionel Messi, Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Erling Haaland oder Harry Kane hatten. Aber genau das sehen die Spanier selbst als ihre Stärke. Yamal, dem als Teenager seit Jahren die Weltkarriere prophezeit wird, wirkte für seinen Trainer bei dieser WM deshalb symbolisch. „Ich bin ihm ernsthaft dankbar, er hat sich für das Kollektiv geopfert“, sagte de la Fuente, der mit 65 nun der älteste Weltmeister-Trainer der Geschichte ist und viele Spieler seit Jahren im Nachwuchsbereich begleitete: „Wir arbeiten alle für das gleiche Ziel und nicht nur für das eines Individuums. Ich habe noch nie eine so vorbildliche Gruppe erlebt, auf dem Platz und neben dem Platz. In 47 Tagen zusammen hatten wir nicht ein einziges Problem.“ Außergewöhnlich übrigens: Zum ersten Mal in seiner Geschichte war Spanien ohne einen Spieler von Real Madrid angetreten. Die beste Mannschaft der Welt braucht also nicht einmal Spieler des glorreichsten Clubs der Welt.
Ein Absturz ist demnach grundsätzlich nicht erwartbar. Zumal Spanien bei der U17, der U19 und der U21 Rekord-Europameister ist, bei der U19 auch amtierender Titelträger. Da sollte einiges an Talenten nachkommen. Dass eine jahrelange Dominanz kein Selbstläufer wird, zeigt aber auch ein Blick in die Historie. Schon vor einigen Jahren schien Spanien unschlagbar, als das Team um Stars wie Xavi, Andrés Iniesta, Carles Puyol, Xabi Alonso, Iker Casillas, Sergio Ramos oder Sergio Busquets Europa-Welt-Europameister wurde. Also 2008 den kontinentalen Titel gewann, 2010 die WM und 2012 dann wieder die EM. Doch danach folgte eine zwölfjährige Dürrephase ohne jeden Final-Einzug. Bei der WM 2014 scheiterte Spanien in der Vorrunde, bei der Euro 2016 sowie den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 jeweils im Achtelfinale – und das trotz Luis Enrique als Trainer, der mit Paris Saint-Germain gerade zweimal hintereinander die Champions League gewann. Bei der EM 2021 stand immerhin das Halbfinale in der Bilanz.
Doch bei der nächsten WM 2030 kommt noch ein ganz anderer Fakt hinzu: Zwar wird das Turnier auch aufgrund von Jubiläums-Einzelspielen in sechs verschiedenen Ländern stattfinden. Doch Spanien ist mit elf Stadien der Haupt-Gastgeber und das absolute Herz des Turniers. Es ist die erste Endrunde in Spanien seit dann 48 Jahren und seit 1978 hat mit Frankreich 1998 nur ein Gastgeber den Titel geholt. Sicher ein zusätzlicher Antrieb für diese scheinbar unersättliche Truppe mit ihrem überbordenden Potenzial.